Eine kleine Theologie des Barock

von Prof. Dr. Roman A. Siebenrock, Innsbruck

Ungekürzte Fassung der Rede zur Neu-Einweihung der Jesuitenkirche in Innsbruck, 5. Oktober 2004

„Barocco" wird in mehreren Sprachen eine nicht ganz runde, etwas schief geratene, aber gleichwohl kostbare Perle genannt. Als Perle erstrahlt diese Kirche, unsere Jesuiten- und Universitätskirche. Schief würde ich sie zwar nicht nennen, aber steht sie nicht doch quer zu uns, unserer Zeit und unserer Universität? Ist unsere Kirche nur eine museale Erinnerung, eine lästige Baulast der Säkularisation, unzeitgemäß, gewiss kunsthistorisch wertvoll, aber ansonsten? Oder birgt sie eine gefährliche Erinnerung an uns: gefährlich, weil sie uns in Unruhe versetzt mit einem Auftrag und einer Mahnung?

Wie kaum ein anderer Baustil darf der Barock als rhetorisch bezeichnet werden. Er ist Stein, Stuck, Malerei, Licht gewordene Predigt. Der Barock vermittelt in der Semiotik der Architektur eine umfassende Glaubens, Welt- und Menschensicht, in der ich als Besucher und Betrachterin hineingezogen werde. Auch wenn Sie jetzt sitzen müssen, so bringt der barocke Sakralbau Menschen in wörtlicher und übertragener Bedeutung in Bewegung. Die barocke Bauinstallation stellt keine Kulisse dar, sondern eröffnet einen Raum in zahllosen Perspektiven, der sich in Tag und Jahr mit seinen verschiedenen Lichtverhältnissen in Auge und Herz seiner Besucherinnen immer neu gestaltet. Der Raum kommuniziert mit jedem Augenpaar neu, anders, mitunter ungewohnt.

Eine Kirche aus dem Wurzelgrund der Moderne

Wir wissen, dass diese Dreifaltigkeitskirche einige Vorgängerinnen hatte, wobei ihr unmittelbarer Vorgängerbau, von 1619-22 errichtet, noch vor der Fertigstellung 1626 einstürzte. Die heutige Kirche, von 1627 bis 1640 erbaut, entstand in einer bewegten, uns bis heute bewegenden Zeit. Die Innsbrucker Jesuitenkirche wurde in der Gründungszeit unserer Gegenwart, der sogenannten Moderne, gebaut.

Wenige Jahre zuvor starb in Peking Pater Ricci SJ (1552-1610), der die Weltperspektive des Jesuitenordens mit der Fähigkeit, sich ganz auf die chinesische Kultur einzulassen, verband. P. Schall von Bell SJ (1591-1662) war zur Bauzeit Astronom am Hofe in Peking. Er wird 1644 mit der Reform des Kalenders beauftragt und steigt zum Mandarin der 1. Klasse auf. Jedoch konfliktfrei waren die neuen Methoden nicht. 1623 wurde mit Hilfe Kardinal Bellarmins die Missionsmethode Pater de Nobili SJ, der 1656 in Madras starb, durch Papst Gregor XV. anerkannt. P. Friedrich Spee von Langenfeld SJ (1591-1635), dessen „Cautio criminalis" 1621 auf Latein und 1647 auf deutsch erschien, kmpfte mit wenig Erfolg gegen den Hexenwahn. Seine Gedichte („Zu Bethlehem geboren", „O Heiland, reiß die Himmel auf") singen wir jedoch noch heute in Advents- und Weihnachtszeit.

Österreich war bis 1683 in die Türkenkriege verwickelt, ganz Mitteleuropa aber versank seit 1618 im 30-jährigen Krieg. Die Friedensunfähigkeit der Christen in ihren konfessionalisierten Kleinstaaten zerriss endgltig das Band der Christenheit und damit das geheime Band Europas; - und es beginnt die Suche nach einer neuen Grundlage von Staat und Gesellschaft, die bis heute anhält und in der aktuellen Debatte um die Grundlagen Europas und Österreichs zu erkennen ist. Ich erinnere an Hugo Grotius (1583—1645) und seine Entwürfe eines neuen Staats- und Völkerrechtes, aber auch an John Locke (1632—1704), der aus der Erfahrung der englischen Bürgerkriege am Ende dieses Jahrhunderts eine auf dem Individuum basierende Gesellschaftsordnung entwickelt (unter Ausschluss der Katholiken und Atheisten, weil diese nicht eidesfähig seien). Staat und Kirche, Öffentlichkeit und Religion werden getrennt, der konfessionalisierte Glaube privatisiert. Dem einzelnen, seinem Gewissen und seiner Lebensauffassung, werden grundlegende Rechte gegenüber der Obrigkeit zugedacht: Staat und Gesellschaft als kündbares Vertragswesen, der Einzelne als Bezugspunkt der Welt. Und bei allen großen Versuchen erkennen wir die insgeheim je nach Region die Ausgeschlossenen: Katholiken und Protestanten — immer aber die Juden. Und bedenken wir, dass 1620 die Mayflower mit den vertriebenen „Pilgrim-Fathers" aus England an der Ostküste Amerikas landeten!

Während der Bauzeit dieser Kirche kommt einem französischem Jesuitenschüler in einem Feldlager bei Nördlingen jener Grundgedanke des neuzeitlichen Denkens, den Hegel in seiner Philosophiegeschichte mit einem triumphierenden „Land in Sicht" kommentieren wird. René Descartes (1596—1650) meint dem von einem grundstürzenden Zweifel heimgesuchten Menschen einen Weg der Selbstbefreiung weisen zu können: „Cogito ergo sum". Jenes Subjekt ist darin erschlossen, das die barocke Schloss-, Stadt- und Kirchenarchitektur ebenso durchzieht, wie wir bis heute Kinder dieses Gedankens und seiner Folgen sind: „Ich leide, also bin ich" — oder besser: „Ich kaufe, also bin ich!"

Das Zeitalter des Rationalismus brach an; und mit ihm die moderne Naturwissenschaft. Kurz vor dem Bau dieser Kirche entdeckte Galilei (1564—1642) die Fallgesetze und Kepler (1571—1630) beschreibt die Planetenumlaufbahnen. Doch 1632/33 der Bruch: Galilei wird der Prozess gemacht. Aber Bacon hatte mit seinem „Novum Organon" (1620) den englischen Empirismus bereits grundgelegt: eine nicht-, ja antimetaphysische Interpretation der Welt war geboren. Dass Hobbes (1588—1679) seinen Leviathan 1651 veröffentlichte, rundet das Bild. Fürwahr: Unsere Kirche wurzelt in der Zeit der werdenden Moderne: Naturwissenschaft und Rationalismus, auf dem Naturrecht und dem Einzelnen grndende Staatsauffassung und die in allen Bereichen sich entfaltende Entdeckung des Subjekts.

Die in diesem Jahrhundert aufgebrochenen und erfahrenen Gegensätze haben nicht nur die Geschichte seitdem bestimmt, sondern scheinen heute endgültig auseinander gefallen zu sein: Glauben und Vernunft, Individuum und Gesellschaft, Weltgesellschaft und Nation, Arbeit, Alltag und Fest, Gefühl und Verstand, Natur und Kultur, Ästhetik und Rationalität, Irrgarten und Planung, Theater, Tod und Leben, Schein und Wirklichkeit, Himmel und Erde, Zeit und Ewigkeit. Radikaler Pluralismus, Anerkennung der Vielfalt, ist das Motto des Tages. Das Ende der großen Erzählungen wird verkündet; und unablässig in Talkshows bequatscht. Die Welt wird beredet, bis zur Unkenntlichkeit zerredet. Doch bereits werden neue Trends diagnostiziert: das Bild löse das Buch ab, der Iconic-Turn die Gutenberggalaxie. Wer barocke Installationen kennt, kann über solche Neuheiten nur schmunzeln. Wer wie ich im oberschwäbischen Barockkatholizismus groß geworden ist, spricht nicht von einem Turn. Das kommt ihm wohlbekannt vor, weil ihm das Ganze der Welt und seines Lebens in den symbolischen und rituellen Vollzügen einer alle Sinne ansprechenden katholischen Installation, sei es Hochamt, Prozession oder Biergarten, erschlossen worden ist. Wäre es nicht angemessener, von einem medialen Neo-Barock zu sprechen?

Doch der Barock gibt sich mit einem bloßen Nebeneinander, unserer schwachen pluralistischen Notlösung, nicht zufrieden: Er strebt vielmehr in einem grandiosen Gesamtkunstwerk die Konkordanz der Gegensätze an, die sich draußen vor der Kirche auf dem Platz in einer Stadtarchitektur bis hinauf zu den Gipfeln der Berge mit ihren Gipfelkreuzen symbolisch fortsetzt. Der Barock ist der letzte große Versuch alles Wissen und Sehen in einer groen, spannungsreichen Zusammenschau zu integrieren. Der Barock inszeniert eine Dramaturgie der Gegensätze, in der durch Verhältnis und Symmetrie, wechselseitiger Interpretation und Korrektur ein vernetzter Raum des Verstehens erzeugt wird, in dem These und Antithese, Leben und Tod, Sinnlichkeit und Geist sich ausbalancieren, der sich aber durch Virtualität und Schein noch einmal dekonstruiert, weil er, und hier allein ist er auf seinem Höhepunkt mit einem Augenzwinkern humorvoll selbst zu ironisieren vermag. Dann können wir auch in dieser prachtvollen Kirche, die wie für die Ewigkeit errichtet scheint, die Stimme Kohelets hören: „Alles ist Windhauch" — und das liturgische Wort des Aschermittwochs: „Gedenke, Mensch, dass du Staub bist". Dem Barock ist das „Memento Mori" tief eingeschrieben. In den prachtvollsten Stillleben lebt der Wurm und ber der Sakristei von St. Peter erinnert der Tod mit Stundenglas und Sense in der Hand jeden Papst an sein unausweichliches Ende. Und diese scheinbar so hoffnungslos dem Tod ausgelieferte Erde heiligt dieser Bau. Er heiligt uns Sterbliche, in dem er die Welt von jedem Platz dieser Kirche aus auf den Himmel hin öffnet.

Erst wenn diese Erinnerung an unsere Sterblichkeit verloren geht, bricht die imperiale Macht des Absolutismus durch. Auch von dieser Gefahr muss die Rede sein, wenn wir uns nun in unserer Kirche etwas umsehen.

Barock: Gebaute Weltanschauung: die Heiligung der Welt

Wie jede große Kirchenarchitektur verdichtet auch diese Kirche symbolisch Erde und Himmel, Zeit und Ewigkeit. Der Rückgriff auf den Tempel Salomos und der Ausblick auf das himmlische Jerusalem, die Stadt Gottes werden lebendig, wenn in der Liturgie die irdische mit der himmlischen Kirche, mit den Engeln und allen Geheiligten seit Adam in das Lob Gottes einstimmen. Diese kosmische Liturgie, der Lobgesang des Alls findet ihren Ausdruck in zahlreichen Engeln im Gewölbe, den immer neuen Ornamenten und Ranken und vor allem in der Grundsymbolik des Kuppelbaus. Die Kuppel als Abbild des Himmels steht auf vier Eckpfeilern und ist in einem Oktogon gestaltet, die sich in einer Abschlusslaterne noch einmal dem Himmel im Symbol der Heiligsten Dreifaltigkeit entgegenstreckt. In der Energie des Heiligen Pneumas, der Vollenderin der Welt, dessen Symbol das Mitteljoch ziert, setzt das Licht diese Kirche je neu in Szene: In deinem Licht sehen wir das Licht. Vier Eckpfeiler verweisen auf die vier Elemente der Erde. Vier ist die Einheit des dreifaltigen Gottes und seiner Schöpfung. In vier Himmelsrichtungen kann die Welt durchmessen werden.

In diese Himmelsrichtungen ist die junge Gesellschaft Jesu ausgezogen. Wie sie müssen auch wir etwas beginnen, dessen Bahn und Ende nicht bei uns liegt. Dass die Weltperspektive, nicht die gegenreformatorische Attitüde, den rasch wachsenden Orden beflügelte, zeigen uns die beiden hinteren Kapellen. Die Ignatiuskapelle, in der jetzt das Tiroler Herz-Jesu-Bild steht, symbolisiert um den Stern des Westens (oder des Abendlandes) die europischen Provinzen: Spanien, Germanien, Italien und Frankreich. Die gegenberliegende Franz Xaver-Kapelle öffnet um den Stern des Ostens die neue Welt: Japan, China, Indien und die Molluken. Dabei erinnert das Bild der ersten Märtyrer in Japan unter der Kuppel an den Preis dieses Einsatzes; — und die Gedenktafel an die Märtyrer und Zeugen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Wir haben es noch kaum bemerkt, gerade weil das Martyrium von den Herrschenden unkenntlich gemacht worden ist: Das Jahrhundert der größten Christenverfolgungen war das zwanzigste.

Vom reformatorischen Bildersturm zeugt die Kapelle des Heiligen Pirmins. Schon zu Lebzeiten ein Wanderer und Nomade, wurde er noch posthum exiliert und fand Asyl in Innsbruck. Ab 3. November wird sein Schrein wieder auf seinem Altar stehen. Seine Legende erzählt die Aufgabe jeder Kultur: aus einer von Schlangen und Skorpionen bevölkerten Horrorinsel eine frucht- und bewohnbare Welt entstehen zu lassen.

Dieser Lebenskultur ist die gegenüberliegende Marienkapelle gleichfalls gewidmet. Mit besonderer Liebe hat der Barock das Geheimnis der Menschwerdung und der Aufnahme Mariens in den Himmel gestaltet; und darin immer die beginnende und vollendete Heiligung des Kosmos gefeiert: hier nur verhalten angesprochen, barocke Vollendungstheologie!

Aber eine barocke Kirche ist kein Durcheinander. Sie ist streng geordnet. Der Blick verwildert nicht, auch wenn er sich zu verlieren droht. Denn im Kosmos von Vielfalt und wechselndem Lichtspiel wird meine Aufmerksamkeit durch die Orientierung am Hochaltar je neu ausgerichtet. Im Mysterium der heiligsten Dreifaltigkeit, im Geheimnis des menschgewordenen Gottes und der dadurch gestifteten Dynamik kann in einer Barockkirche schließlich alles Platz haben, selbst Gewürm, Ranken, virtuelle Scheinräume und deshalb auch ich, nicht weniger ein Sack voller Widersprüche. Ich werde mitgezogen, mitgetragen vom großen Heilsdrama Gottes mit und in der Welt.

Ist diese Kirche eine große Bühne, ein Ballsaal der Gnade, und daher vielleicht doch nur eine grandiose Ablenkung, ein divertimento artificiale, wenn auch furioso, auch für die Messbesucher, die das lateinische „Hoc est enim corpus meum" als „Hokuspokus" vernahmen? Sehen auch wir im neuen Glanz dieser Kirche ein typisches Beispiel des Triumphalismus des gegenreformatorischen Katholizismus: nur theologia gloriae? Gewiss haben solche Motive in vielen Barockbauten mitgespielt; und natürlich auch persönliche Eitelkeit, Zeigelust und der Versuch, noch die Erinnerung künftiger Generationen zu besetzen. Doch: Sind wir ganz frei davon? Wer will solch irdische Motive nur verachten, wenn man die Heiligung der Sinnlichkeit und der Begierde nicht als aussichtslos ansieht? Aber weil große Architektur mehr baut und zeigt als auf den ersten Blick sichtbar wird, sollen wir auch unsere Kirche näher erfahren. Das Kreuz ist das bestimmende Symbol dieser Kirche. Am Eingang grüßen wir es, die Wappen der Gesellschaft Jesu und die Altarbilder zeigen es, und in der Liturgie wird es gegenwärtig. Mehr noch: Die Kirche als ganze steht auf dem Kreuzesfundament, weil ihr Grundriss ein Kreuz darstellt: Kreuzkuppelkirche. Auch wenn der Barock die Frucht der Erlösung, die siegreiche Gnade in der Verherrlichung des Kosmos und darin meines eigenen Lebens enthusiastisch kündet, trägt er die Botschaft in sich: Jede theologia gloriae kann nur auf dem Fundament einer theologia crucis wachsen. Ignatius wusste sich und seine Gefährten seit La Storta dem armen und kreuztragenden Jesus beigesellt: Eine Bezeichnung, die allen Glaubenden in der Nachfolge Christi angemessen ist.

Gefährliche Erinnerung

Ich sprach davon, dass diese Kirche eine gefährliche Erinnerung darstellt — nicht nur für die theologische Fakultät, ich meine auch für die Gesamtuniversität. Jeder Erinnerung führt in ihren verborgenen Tiefen eine „Kryptoerinnerung", eine Gegengeschichte. Diese mssen wir auch zu lesen lernen, wenn wir die Geschichte verstehen wollen.

Die Kirche verbindet Gegensätze, sagte ich, und ihre Botschaft lautet: Kultur besteht im Durchtragen der Gegensätze, in Anerkennung des Anderen; ja Kultur ist Pflege der Differenz zum Wohle aller. Vielleicht stehen wir nur am Ende einer Moderne, die sich durch Gegenidentitäten auszeichnete, durch Ausschlüsse und daher durch politisch stigmatisierte Sündenböcke. Können wir diese Gefahr dadurch vermeiden, indem wir formale Kriterien regieren lassen? Könnte unsere Kirche uns nicht vielmehr zu einer katholisch-ökumenischen Moderne inspirieren?

Diese Kirche hat einen klaren Standpunkt. Hier in Innsbruck steht sie, scheinbar unverürckbar zwischen den Flügeln der Alten Universität. Und so eröffnet sie eine Weltperspektive. Sie vereinigt in sich Region und Globalität, ja Universalität in nicht überbietbarem Sinne, weil sie schon von ihrem Namen her Gott, Mensch und Welt miteinander ins Spiel bringt. Auch unsere Universität muss mit beiden Schwingen fliegen lernen. Sie ist Tiroler Landesuniversität und als solche in Partnerschaft mit Universitäten, Gruppen und Schicksalen auf der ganzen Welt. Doch die Gefährdung ist heute von radikal dramatischer Art als noch im 17. Jahrhundert. Damals konnte man meinen, dass die Konflikte im fernen China uns kaum berührten. Heute aber sind wir in einer unlösbaren Schicksalsgemeinschaft als Menschheit miteinander in einem Boot. Und gefährlich ist die Logik der Konkurrenz im globalen Verdrängungswettbewerb. Denn wer glaubt, in diesem entfesselten Rivalitätskampf schließlich als Sieger übrig bleiben zu können, wird nur als letzter untergehen. Müssten wir nicht von der Kreuzesstruktur dieser Kirche uns aufschrecken lassen, uns gefährlich daran erinnern lassen, dass wir von der Not und dem Elend der Menschen in die Pflicht genommen uns immer mehr überlegen müssten, wie eine gerechte und Frieden ermglichende und wahrende Ordnung der einen Welt aussehen könnte? Die Menschheit sei an Abgründen aufgestellt, sagte Georg Trakl vor knapp einem Jahrhundert. Daran hat sich wenig geändert. Kultur, so erzählt das Bild in der Kapelle des Heiligen Pirmins, entsteht dadurch, dass die Schlangen des Todes und des Elendes vertrieben werden. Es reicht aber nicht mehr, sie in Nachbars Garten zu locken. Sie mssen vielmehr verwandelt werden.

Eine zweite gefährliche Erinnerung birgt diese Kirche in ihrer Integration der verschiedenen Fähigkeiten des Menschen: Sinnlichkeit und Rationalität, Gebet und Anstrengung, Gottvertrauen und radikaler Einsatz, Gefühl und Intelligenz, großes Raumgefühl und Geborgenheit, Glauben und Wissen. Ich meine: Jene Struktur von Gesellschaft, Wissen und Leben, die in der Bauzeit dieser Kirche entstand, ist noch nicht zu Ende. Sie ist nur am Zerfallen und daher steht sie in der großen Gefahr zu verwildern, weil sich die Pole gegeneinander richten. Damit wird aber das geheime Band der Kultur zerstört. Eine Universität sollte aber der Ort sein, an dem alles Wissen und alle Fähigkeiten des Menschen, ja alle Lebens- und Weltansichten einer Gesellschaft, deren adäquate Perspektive heute nur die Menschheit sein kann, zum Thema werden muss. Diese „Universitas" ist immer ein Ideal, ein Ziel, ein Orientierung; nie Besitzstand. Wenn wir aber solche Orientierung ausblenden, dann werden wir uns nur im Kreise drehen.

Von einem Benediktiner wird folgende Geschichte erzählt. Bei der Überfahrt mit einem Ruderboot wurde er von seinem Passagier gefragt, ob die Gebetszeiten nicht unnütz verschwendete Zeit sei. Daraufhin ruderte der Mönch nur noch mit einem Ruderblatt weiter; — und natürlich drehte sich das Boot im Kreis. Verwundert fragte sein Gast, warum er solchen Unsinn treibe. Daraufhin machte ihn der Mönch darauf aufmerksam, dass auf einem seiner Ruderblätter das „ora" eingeprägt sei, auf dem anderen das „labora". Und er sagte: Wer meint, dass er schneller vorwärts komme, wenn er nur das Ruderblatt „labora" eintaucht, drehe sich im Kreis. Nur mit beiden Ruderblättern geht es voran: Ora et labora, Arbeit und Fest, Glauben und Wissen, Rationalität und Herz, Kontemplation und Aktion, Natur und Gnade.

Gefährliche Erinnerungen hält diese Kirche speziell für uns, die theologische Fakultät, bereit.

Zunächst eine historische Reminiszenz. In meiner Heimat war die barocke Baulust des 18. Jahrhunderts der erste Aufschwung nach den lang anhaltenden Verwüstungen des 30-jährigen Krieges. Doch kaum waren die Klöster in Pracht und Glanz erbaut, waren sie übernacht weg: säkularisiert. Auch unsere Fakultät wurde schon zweimal über Nacht dicht gemacht. Immer haben wir Theologie zu treiben mit all unseren Fähigkeiten und Grenzen, obwohl wir nicht das Ende sehen oder gar bestimmen knnen.

Die Erinnerung an den Tod kann für uns zur guten Mahnung werden, Beten und Denken miteinander zu verbinden, Theologie zu treiben aus einer tiefen Glaubenswurzel; und diese nicht zu verstecken. Dazu kann uns auch die Krypta, die ja nun offen steht, ermutigen. Wir stehen auf einer großen Tradition, die uns nicht erschlägt, sondern die uns trägt. Wir sind Zwerge, die auf den Schultern von Riesen sitzen. Theologie wird nicht mehr gegen die anderen, nicht gegen die Wissenschaft und ihre Rationalität, nicht gegen die Philosophie und ihre mahnende Erinnerung an Standards, nicht als Absetzungsbewegung gegen vorangegangene Generationen oder gar gegen die Kirche oder die moderne Gesellschaft getrieben. Dabei erinnert uns der Titel unserer Kirche, Dreifaltigkeit, daran, dass wir in dieses Forum mit der Mitte unseres Glaubens einzutreten haben. Offenheit und Standpunkt bedingen sich wechselseitig. Nur auf bestem Fundament kann sich große Weite eröffnen. Der erste Bau an dieser Stelle ist ja nicht grundlos eingestürzt.

Damit komme zur wichtigsten gefährlichen Erinnerung dieser Kirche an uns, die ich aus ihren verborgenen, aber dennoch entschlüsselbaren Gegengeschichten heraushöre. Wir sehen die ersten Märtyrer aus Japan, wir kennen die Missionsmethoden von Ricci und de Nobili: aber darin sind auch Gegengeschichten verschlüsselt, die anzunehmen Johannes Paul II. mit seiner Mahnung zur Reinigung des Gewissens in der Vorbereitung auf das dritte Jahrtausend eingemahnt hat. Solche Reinigung des Gewissens wird aber ein andauernder Prozess bleiben, weil Mission immer auch Kolonialisierung, Barock immer auch Macht und Absolutismus, und Katholizismus auch Gegenidentität und soziale Disziplinierung besagte. Dazu mag uns die Deckeninschrift in der Kapelle des Heiligen Franz Xaver erinnern: Dort heit es: Lucifer orientis: Lichtbringer des Ostens. Haben die Autoren an die seltsame Doppeldeutigkeit des Wortes „Lucifer" gedacht? Lichtbringer sind immer ambivalente Gestalten: Lucifer — ein gefallener Engel. Die Statue des guten Hirten steht in der Kapelle und ein Missionar trgt einen Einheimischen auf seinen Schultern. Doch die christliche und säkulare Missionsgeschichte Europas, die ja heute von den Weltkonzernen weitergeführt wird, war nicht so. Vielmehr wurde der gute Hirt völlig pervertiert und die Einheimischen mussten die Europäer schleppen. Wie ambivalent diese kleine Inschrift doch ist: Lucifer orientis. Und wir: Licht- und Lastenträger oder doch eher Luzifers und Lastenauferleger. Wie tief ambivalent sind doch die Metapher und die Geschichte der Aufklärung bis heute?

Auch wenn die Architektur dieser Kirche Katholizität als universale Weite der bewohnbaren Welt und deshalb als Ökumene definiert, mssen wir uns auch theologisch eingestehen: Es war nicht immer so. Erst im Zweiten Vatikanischen Konzil hat die Kirche jene Weite wieder gewonnen, die im Code dieses Baus entschlüsselt werden kann und die die Theologie des ersten Jahrtausends bis weit hinein ins Mittelalter bestimmt hat.

Die barocke Integration der Gegensätze war immer durch den katholischen Integralismus bedroht, der zur Uniformierung und gesellschaftlicher Machtstruktur pervertierte. Das ist aber kein Problem der Glaubenden allein: Das Zeitalter der Großideologien ist noch nicht zu Ende: In der Vereinigung von neoliberalem Kapitalismus, naturalistischem Welt- und Menschenverständnis und reinem Systemformalismus entwickelt sich eine neue uniforme Metaphysik, der wir an unserem Ort entgegentreten müssen.

Aber eingedenk der Ambivalenz unserer eigenen Geschichte, die in dieser Kirche auch erzählt wird, erheben wir nur mit glaubwürdiger Haltung und dem besseren Argument Anspruch auf Gehr und Zustimmung: „nec aliter veritatem sese imponere nisi vi ipsius veritatis, quae suaviter simula ac fortiter mentibus illabitur" — „denn anders erhebt die Wahrheit nicht Anspruch als kraft der Wahrheit selbst, die sanft und zugleich stark den Geist durchdringt" (DiH 1). Sorgen auch wir dafür, dass unsere Fakultät und unsere Universität ein Ort der Wahrheitssuche ist, die niemals endgültiger Besitz und auch nicht ohne die Gegenrede und die Freiheit des Wortes in unseren zerbrechlichen irdischen Gefäßen Wohnung nehmen wird. Erinnern wir uns immer neu an die Ambivalenz des Lichtbringers: Erleuchtung und/oder Lucifer?

Die barocke Konkordanz bewahrt die Differenz, löst sie nicht auf. Dennoch bezieht sie einen klaren Standpunkt. Wir haben unsere Gesellschaft immer von jenem Standpunkt aus zu entschlüsseln hat, der uns durch den Namen des „Socius Christi", der GefährtInnen Christi aufgetragen ist: vom Standpunkt der Armen, der Opfer und der Kreuztragenden. Sonst wäre diese Kirche Popanz und letztlich zynisches Theater. Beides gehört zusammen: „Gloria in excelsis Deo et in terra pax hominibus": Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erde Friede den Menschen. Irenäus formulierte dazu unübertreffbar: „Gloria Dei vivens homo": Denn die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch!

Denn nur in dieser doppelten Aufmerksamkeit werden die beiden tragenden Vorgaben der ignatianischen Orientierung verwirklicht: „Ad majorem Dei gloriam" („Zur größeren Ehre Gottes") und „adjuvare animas" („den Seelen dienen").

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