Herz-Jesu-Sonntag

Mt 11,25-30

„Ich bin gütig und von Herzen demütig."
Es geht um das Herz heute, um das Herz Jesu.
Es hat hier in der Kirche einen besonderen Platz –
und es hat in der Geschichte Tirols einen besonderen Platz.
Aber was bedeutet es für uns, für unsere Frömmigkeit heute?

I.
Wenn wir vom Herzen sprechen, dann meinen wir die Mitte einer Person. Es geht nicht um Anatomie, es geht um eine Metapher für das, was diesen Menschen ausmacht.
Es geht um den Ort, wo unsere Emotionen zuhause sind.
Sie sind nicht im Kopf, sondern eben im Herzen.

Auch Jesus ist ein Mensch voller Emotionen.
Er ist nicht der gleichmütig, immer lächelnde und nette Jesus.
Er ist kein Harmonie-Mensch. Wäre Jesus ein Harmonie-Mensch gewesen: er wäre nicht gekreuzigt worden.
Jesus war unzufrieden mit dem Status quo seiner Zeit.
Wir dürfen die Bibelstellen nicht überlesen,
in denen Jesus deutlich sagt, was er denkt.

Die Machthaber damals haben genau gespürt:
Dieser Mann ist gefährlich. Er arrangiert sich nicht.
Das Leben ist nicht das höchste Gut für Jesus.
Für ihn ist es die Hingabe seines Lebens.

Für uns und unsere Frömmigkeit ist wichtig, dass wir in jeder Lebensphase neu entdecken, wer Jesus für uns ist. Was er für uns bedeutet.
Sind wir, ganz persönlich, in seiner Rufweite, hören wir seine Stimme, spüren wir seinen Puls?
Für die säkulare Welt mag das irrelevant sein. Für die Kirche ist der Herzschlag Jesu zentral. Von Jesus her ordnen sich die Dinge immer wieder neu – beim einzelnen Menschen und in den Institutionen.

II.
Das Herz Jesu ist nichts für Feiglinge. Sich als Christin oder Christ zu outen: das ist sehr vielen Menschen heute peinlich. Im Freundeskreis,
in der Arbeit, und auch in der Familie.
Gemeinsam beten: In der Kirche schon, Zuhause: eher nicht.

Heute wird Religion zur Privatsache erklärt: vor allem von jenen,
die nicht möchten, dass sich religiöse Menschen öffentlich zeigen
und äußern.

Es braucht Mut, sich zu Jesus zu bekennen.
Leichter ist es, feig zu sein.
In der Nazi-Zeit wurden die Herz-Jesu-Feuer verboten.
Trotzdem haben sie noch eine Weile gebrannt.
Sie waren das Gegensymbol zum Hakenkreuz,
das überall auf den Bergen leuchtete.

Es gibt Themen, mit denen macht man sich nicht beliebt.
Wenn man dorthin schaut, wo Jesus hinschaut: zu Menschen in schwierigen Situationen.
Alte, Behinderte, Drogensüchtige, Flüchtlinge, Gefangene, psychisch Kranke, Notstandshilfe-Empfänger, Obdachlose.
Die organisierte Kirche hilft hier, zum Beispiel durch die Caritas.
Die größte gesellschaftliche Kritik ist der Jahresbericht der Caritas.

Die Kirche wird geschätzt,
wenn sie bestehende Verhältnisse stabilisiert und durch Krisen hilft.
Die Kirche wird kritisiert,
wenn sie bestehende Verhältnisse hinterfragt.

Es ist ein schmaler Grat zwischen Anpassung und Widerspruch.
Das Herz Jesu, seine Gewaltlosigkeit, seine Herzenskraft:
sie ist für Christinnen und Christen ein verlässlicher Kompass.

III.
Im Messbuch der Katholischen Kirche heißt es heute: „Das Herz des Erlösers steht offen für alle, damit sie freudig schöpfen aus den Quellen des Heils."
Darf man, wenn man nicht getauft ist, in eine Kirche gehen?
Ja, man darf.
Und wenn man aus der Kirche ausgetreten ist? Auch dann.
Und als Buddhist oder Muslim? Ja, herzlich willkommen!

Zu Jesus können alle Menschen kommen.
Schon zu seiner Krippe sind alle möglichen Leute gekommen: Hirten, Wissenschaftler, Neugierige, Kinder, Engel – und ein Ochs und ein Esel waren auch dabei.
In unserer ausdifferenzierten Gesellschaft ist Jesus, ist sein Herz,
ein wichtiger Ort, der Einheit stiften kann.

Das Herz Jesu kann unsere Mentalität prägen.
Die Offenheit für andere Menschen ist eine Mentalitätsfrage.
Wenn etwas klar ist im Leben Jesu, dann ist es seine beständige Überschreitung traditioneller Grenzen.
Er hat die Botschaft vom liebenden Gott radikal universalisiert.
Gott möchte das Heil aller Menschen.
Das Symbol dafür ist das Herz Jesu.

IV.
Und schließlich: die Geschichte des Herzens Jesu in Tirol.
Es hat schon seinen Sinn, dass wir Traditionen aufbewahren und weitergeben an die nächste Generation. Traditionen sind wie Geländer: man kann sich daran festhalten, muss aber nicht.

In Tirol ist die Verehrung des Herzens Jesu stark mit den Jesuiten verbunden. Besonders im 18. Jahrhundert waren Jesuiten mit der Botschaft Jesu im ganzen Land unterwegs.

Das war auch ein Gegengift zu einer strengen Frömmigkeitsströmung
in der katholischen Kirche, dem sog. Jansenismus.

Vor dem Herz-Jesu-Bild in der Innsbrucker Jesuitenkirche hat schon Andreas Hofer gebetet. Das Bild ist eine Kopie jenes Bildes,
das für die Jesuitenkirche Il Gesù in Rom gemalt hat.
Es wurde 1767 vom damaligen Rektor des Jesuitenkollegs,
Pater Augustinus Eggs SJ, beauftragt.
Der Maler ist bis heute unbekannt.

Die Tiroler Schützen haben 1959 die Herz-Jesu-Glocke für die Jesuitenkirche gespendet. Sie läutet jeweils zur Todesstunde Christi
am Freitag um 15.00 Uhr sowie an hohen Feiertagen.

Seit 1796 wird das Gelöbnis des Landes Tirol an das Herz Jesu jährlich erneuert. So war es auch an diesem Freitag, als die Landesregierung hier war, und beim Gottesdienst mit Bischof Hermann das Land Tirol der Liebe Jesu anvertraut hat.
Und auch wir werden heute gemeinsam das Gelöbnis erneuern.

Ist diese Form der Herz-Jesu-Verehrung „anschlussfähig"?
Auch für Menschen, die keine Christen sind?
Soweit ich Jesus kenne, wäre das für ihn kein Problem.
Zu ihm können alle Menschen kommen.
Tirol ist heute ein plurales Land, auch religiös.
So werden wir die Herz-Jesu-Feier weiterentwickeln müssen,
damit die Gelöbniserneuerung weiter für alle zugänglich wird.

V.
Gottesdienste gehören zur Außenseite der Herz-Jesu-Verehrung.
Da gehören die Glocken dazu, die Bilder und Fahnen,
die Präsenz der Politik und vieler Vereine.

Die Innenseite ist die Einladung, sich auf die Liebe Jesu einzulassen
und zu bitten, dass unser Herz dem seinen ähnlich werde.

Für Tirol ist die Herz-Jesu-Verehrung eine starke Erinnerung daran,
dass wir Menschen nicht nur Konsumenten sind, sondern unsere eigenen Interessen überschreiten und für andere da sein können.

So können wir auf Gottes Segen und seine Liebe vertrauen,
symbolisiert im Herzen Jesu, das offen ist für alle.

Christian Marte SJ, Jesuitenkolleg Innsbruck

Adresse

Karl-Rahner-Platz 2
6020 Innsbruck
+43 512 5346-0

Kontoverbindung: Jesuitenkolleg Innsbruck
Raiffeisen Landesbank Tirol
IBAN: AT35 3600 0000 0350 5500

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