„Religio" – Bindung – an Christus. Nicht nur im Zeitalter der Pandemie

Predigt zum 13. Sonntag im Jahreskreis

Lesejahr A: Mt 10,37–42; Röm 6,3–4.8–11

Die Pandemie hat die Spannung bloß auf die Spitze getrieben. „Nicht systemrelevant!", so hieß es öfters in den letzten Wochen. Nicht systemrelevant seien die Kirchen und die Religion. Die Menschen hätten andere Sorgen als Gottesdienst, oder die Qualität ihrer Bindung an Gott. Religio heißt ja Bindung. Nur die Bindungen, die unser Wirtschaftssystem mit sich bringt, unser Kulturbetrieb, unsere medial strukturierte Öffentlichkeit: nur diese Bindungen seien wichtig. Gar erstrangig in unserem Leben. Aber die Bindung an Gott, Jesus, Maria, vor allem aber an die Kirche? Viele Menschen werden da bloß mit der Schulter zucken. Die Corona-Krise brachte die Kontingenz aller Grundlagen unserer Gesellschaft zum Vorschein. Damit legte sie natürlich auch die Kontingenz der Kirchen an den Tag und dies mehr und intensiver, als das den Berufschristen es lieb sein kann.

Warum dieser Einstieg? Zuerst wegen der Sperrigkeit des heutigen Evangeliums. Dieses scheint einer vollkommen anderen Welt entsprungen zu sein, als der Welt, die sich uns allen in der Zeit der Pandemie in aller Klarheit entblößt hat. Da redet nämlich Jesus davon, dass die Bindung an ihn, dass diese religio, alles andere als zweitrangig sein kann. Die Liebe zu ihm soll gar jene zu den engsten Familienangehörigen übertreffen. „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert". Jahrhundertelang interpretierte man diesen sperrigen Text als Aufruf zur radikalen Nachfolge: Raus aus der vertrauten Alltagswelt! Tausende und abertausende Frauen und Männer brachen aus ihrem Alltag aus, gingen in die Wüste, in Krisengebiete, in die Slums, oder aber ins Kloster. Zumindest ins Priesterseminar. Sie taten dies aus Liebe zu Jesus, den sie mehr als alles andere in der Welt zu lieben erhofften. Die anderen aber, jene, die zu diesem Schritt nicht bereit waren, oder daran gescheitert sind, gaben sich mit Bewunderung, vor allem mit tatkräftiger Unterstützung der radikal Nachfolgenden und ihrer Werke zufrieden. Und konnten auf den Lohn hoffen, der ihnen dafür gebührte, hat doch derselbe Jesus versprochen, dass gar ein einziger Becher frischen Wassers, der seinen Jüngerinnen und Jünger gereicht werde, nicht unbelohnt bleiben wird. Ein derart abgestuftes Modell der religio christiana, der Bindung an Christus, bildete jahrhundertelang eine der festen Grundlagen des gesellschaftlichen Lebens. Wir alle, oder zumindest die meisten unter uns, sind mit diesem Modell großgeworden. Nun ist aber das Modell brüchig geworden. Nicht zuletzt deswegen, weil viele der Nachfolgenden als Versager in der Öffentlichkeit geoutet werden, gar als Missbrauchstäter, oder Vertuscher an den Pranger gestellt. Die Corona-Krise hat aber die Brüchigkeit des Modells bloß auf die Spitze getrieben. Die Glaubwürdigkeit der Kirche steht in unseren Breitegraden radikal zur Disposition. Kein Wunder, dass die Berufschristen – wie halt alle Manager – nun emsig nach einer Zauberformel für systemrelevante Kirchlichkeit suchen. Die Palette der Angebote, die das System zu kennen scheint, ist nicht allzu breit: Klimaschutz, Flüchtlingshilfe, überhaupt Caritas, Caritas mit einem klaren politischen Profil. Doch: kann all das zu jener Bindung motivieren, zu jener religio, von der Jesus im heutigen Evangelium spricht?

Liebe Schwestern und Brüder, warum diese – für eine Predigt – wohl untypischen Gedanken? Wegen der Sperrigkeit des heutigen Evangeliums. Ich gebe zu, dass mir der Text einiges an Kopfzerbrechen beschert. Und dies nicht erst in der Zeit der Pandemie. Diese hat ja die Spannung bloß auf die Spitze getrieben. Liest man diesen Text nämlich isoliert, so kommt man auf eine seltsame Idee. Dieser Jesus unterscheidet sich kaum von einem Sektendemagogen. Er fordert eine Radikalität, die nicht einmal im Kreis seiner engsten Jüngerinnen und Jünger durchgehalten wurde. Denn: Wer war schon – gemäß seiner Kriteriologie – seiner wert? Sicher nicht jene Massen, die sich von ihm bloß abspeisen ließen und sich dann in ihren Alltag zurückgezogen haben. Auch nicht diejenigen, die von ihm geheilt wurden, von denen man dann nichts mehr hörte. „Sind nicht zehn rein geworden? Wo sind denn die übrigen neun?", sagte Jesus zu jenem Mann, der zurückkam, um zu danken, dann aber auch in der Menge verschwand. Und was ist mit denjenigen, die ihn in der Krise allein gelassen haben, weil sie Angst hatten, Angst um ihr Leben, deswegen auch ihre religio, ihre Bindung an Jesus kurzerhand über Bord geschmissen haben und fortgelaufen sind? Wer war schon seiner wert? Petrus, der ihn dreimal verraten hat? Judas? Die mitgekreuzigten Verbrecher? Oder jene zwei Jünger, die auf die Botschaft der Frauen, Jesus wäre auferstanden, Hals über Kopf nach Emmaus aufgebrochen sind, weil sie mit der Vergangenheit abgeschlossen hatten und etwas Neues anfangen wollten?

Was religio, was Bindung an Jesus bedeutet, das wird erst in der Perspektive der Krise deutlich. Wenn Bindungen stillgelegt werden, oder abgebrochen. Noch deutlicher: Was Bindung an Jesus bedeutet, das wird erst in der Perspektive des Todes deutlich. Zuerst wohl seines Todes! Des Todes, bei dem er sein Kreuz trägt, an sein Kreuz angenagelt wird, an dem er gottverlassen stirbt. Scheinbar gottverlassen. Denn in diesem Tod erleidet er all die Brüche, all die Abbrüche der Bindungen, all die Abstürze, all die Krisen: die Krisen, die uns alle in den jeweils ganz persönlichen Abgrund stürzen. So trägt er mit seinem Kreuz auch unsere Kreuze mit. In seinem Tod erleidet er aber vor allem unsere abgebrochene Bindung an Gott, stiftet damit seinerseits die Bindung Gottes an uns: die religio des barmherzigen und allmächtigen Gottes an seine Geschöpfe. „Wisst ihr nicht, dass wir alle, die wir auf Christus getauft sind, auf seinen Tod getauft wurden?" Damit wir in unserem – oft scheinbar so gottfreien, gar gottlosen – Leben an ihn gebunden bleiben. Und zwar so fest gebunden bleiben, dass er uns in unserem eigenen Tod in seine Arme schließen wird. Diese Logik, die Glaubenslogik, sprengt radikal die Logik der Systemrelevanz, von der in den letzten Wochen so viel geredet wurde.

Liebe Schwestern und Brüder, die Pandemie hat die Spannung zwischen Kirchlichkeit und Gottvertrauen auf die Spitze getrieben. Die Glaubenseinsicht, dass die Bindung an Gott zuerst durch die Bindung Gottes an uns garantiert ist, dass also – um es ganz salopp zu sagen – die religio zuerst sein Bier ist und nicht unseres, diese Glaubenseinsicht ist in den letzten Jahren radikal geschwächt worden. Es ist zwar nichts Falsches dabei, wenn sich die Berufschristen für alles Mögliche engagieren, sei es für den Klimaschutz, Flüchtlinge oder überhaupt Caritas. Doch die Kirche – und damit sind wir alle gemeint – müsste der Menschheit des 21. Jahrhunderts zuerst etwas von dem sie tragenden Gottvertrauen schenken. Das ist unser größter Schatz, der Schatz, den wir durch den Tod und die Auferstehung Jesu, durch sein Sterben für uns alle, empfangen haben.

Erst nachdem ich diese Predigt so regelrecht herausgeschwitzt habe, ist mir eingefallen, dass ich vor zwei Wochen eine Geschichte geschrieben habe, die im Grunde die Grundlogik der Predigt auf den Punkt bringt. Sie wurde in dieser Woche im „Tiroler Sonntag" als „Schlusspunkt" publiziert. Ich erlaube mir also, diese Predigt mit dieser Geschichte abzuschließen. Sie handelt von drei Freunden. Eines Tages sagten sie zueinander: „Wer von uns findet den größten Schatz?" So begaben sie sich auf Reisen. Der Erste fackelte nicht lange. In kürzester Zeit erwarb er mehrere Geschäfte, wurde zu einem der reichsten Männer der Welt. Der Zweite brauchte länger. Im Grunde wusste er nicht, wonach er suchen sollte. Doch dann verliebte er sich – und fand zu seinem Schatz. Vom Dritten fehlte jede Spur. Von seinem Naturell her war er durchaus den Berufschristen unserer Breitegrade vergleichbar. Er ging auf eine Weltreise, diskutierte mit den größten Gelehrten. Besuchte spirituelle Meister und Einsiedler. Schloss sich den Entwicklungshelfern und Flüchtlingskommissaren an. Er wollte Gott finden. Jahrelang mühte er sich ab, dann resignierte er. Legte sich ins Gras am Ufer eines Sees und beobachtete eine Ente. Unablässig suchte sie im Schilf nach ihren Kleinen. Weil diese flink und wendig waren, dauerte die Suche bis zum Sonnenuntergang. Erst da gelang es ihr, die Küken unter die Flügel zu bekommen. Lächelnd stand der Mann auf und kehrte zu seinen Freunden zurück. „Wonach hast Du gesucht", fragten sie ihn. „Nach Gott!" „Und hast Du ihn gefunden?" Er strahlte und sagte: „Ich habe entdeckt, dass ER selber mich beharrlich und pausenlos sucht."

Ich wünsche uns allen etwas von der Erfahrung dieses Mannes: das Vertrauen, dass Gott selbst es ist, der uns sucht und auch findet! Und warum? Weil er sich selber an uns gebunden hat. Das ist ja seine religio!

Prof. Józef Niewiadomski, Katholisch-Theologische Fakultät, Universität Innsbruck

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