Predigt vom 15. August 2020, Mariä Himmelfahrt, zum Nachlesen

von Prof. Józef Niewiadomski

Symbol

Des Himmels teilhaftig geworden!
Predigt beim Gottesdienst zu den Festwochen der Alten Musik

"Repetition est mater studiorum" – Wiederholung ist die Mutter allen Lernens und aller Studien! Deswegen bringe ich nun die Wiederholung einer bekannten Geschichte. Stellen sie sich vor, man habe einen gereizten Hund in einem Spiegelsaal eingeschlossen. Plötzlich sieht sich das arme Tier von Hunderten von Hunden umgeben. Alle gleichermaßen gereizt! So bellt er sie an. Die Meute der Spiegelhunde bellt zurück: Waw, waw, waw... Der Hund fletscht die Zähne, springt hoch. Tausendfach prallt ihm die Aggression entgegen. Der Hund verfällt in Raserei. Schlussendlich liegt er mit Schaum vor dem Maul am Boden. Tot! Der kahle Siegelsaal als der Inbegriff eines Ortes, der gar kein Ort sein muss, weil und wenn er nur den unerlösten Zustand dessen widerspiegelt, der sich an diesem Ort befindet. Warum diese Geschichte? Weil sie uns hilft den zentralen Begriff des heutigen Festes zu verstehen: den Begriff des Himmels. Himmel und Hölle sind primär nicht Orte: weder in den luftigen Höhen, noch in geheimnisvollen Unterwelten. Nicht Orte, sondern Zustände. Zustände, in denen Menschen sich selber und auch anderen begegnen. Begegnen mit Leib und Seele! Für den gereizten, aggressionsgeladenen, in sich selbst verkrümmten Menschen wird der kahle Spiegelsaal zum Inbegriff der Hölle. Die Begegnungen, die ihm dort widerfahren, potenzieren bloß seinen eigenen unerlösten Zustand. Gleicht nun die Konfrontation des aggressiven Hundes mit der tausendfachen Widerspiegelung seiner eigenen Aggression der Destruktivität der Hölle, so weist die Begegnung der zwei schwanger gewordenen Frauen (vgl. Lk 1, 39–56) auf den Zustand der himmlischen fruitio, den Zustand des himmlischen Glücks hin. Und warum dies? Es sind Frauen, denen der Segen widerfahren ist, Frauen, deren innerstes Wesen auf ein Du ausgerichtet wurde, auf das sich in ihnen entwickelnde neue Leben – Es sind also Frauen, die sich als durchlässig erleben, durchlässig auf Andere hin, gar – so paradox es klingen mag – durchlässig auf sich selber. Und warum dies? Sie erleben sich selber, sie erleben ihr innerstes Wesen nicht als ein "Ich", das sich nur mit einem Laut artikuliert: ich, ich, ich: koste es was es wolle. Sie erleben ihr innerstes Wesen als geschenkte Beziehung. Ihr Lebensraum ist deswegen einer ganz anderen Logik verpflichtet als der Logik eines kahlen Spiegelsaales, der nur das widerspiegelt was in mir ist. Ihr Lebensraum bleibt der himmlischen Logik verpflichtet – Und diese lebt aus der Kraft der Begegnung und Verwandlung, nicht der Widerspiegelung.

Und was hat das Ganze mit dem 15. August zu tun? Am "Hohen Frauentag" erblickten wir den Einbruch der Ewigkeit in diese unsere Welt. Diese katholische Ewigkeit hat aber nichts mit einem Spiegelsaal zu tun, in dem unsere eigene Bosheit, unsere Lüge und Gewalt an uns zurückgeworfen werden. Um, millionenfach gespiegelt, uns in alle Ewigkeit „anzubellen". Wir sehen eine Frau! Anstatt in den Spiegel zu blicken, schaut sie in das Geheimnis jenes Gottes, der uns und unsere Bosheit zu verwandeln vermag. Eines Gottes, der Beziehungen stiftet. Beziehungen zu sich selber und Beziehungen zu anderen Menschen. Wir sehen Maria, die Frau in der das neue Leben wächst. Maria, die in ihrem eigenen Leben der Inbegriff der gelebten Beziehung gewesen ist: "Sei gegrüßt Du, Begnadete!", lautete die Grundbotschaft, die ihr Leben veränderte. Begnadet von Gott, der selber Beziehung ist. Weil sie begnadet war, verweigerte sie sich der Beziehung nicht, vielmehr aktualisierte sie diese immer wieder neu in der Begegnung mit anderen, ist wahrhaft zu einer "socia" geworden, zur Gefährtin, die mit ihrem ganzen Leib und ihrer ganzen Seele dieses "Mit-sein" schon auf Erden verdichtete. Also schon hier zu einem Ort wurde an dem der Himmel zum Greifen nahe war. Deswegen ist sie auch mit Leib und Seele durch ihren leiblichen Tod hindurch in jenen Zustand der Begegnung mit Gott aufgenommen worden, den wir alle mehr oder weniger gebrochen hier und da erleben: gebrochen wie in einem Spiegel.

Gerade die Musik, viele würden sagen: die Musik des Barock, vermag uns eine sinnliche Ahnung von dem, was Ewigkeit ist, zu vermitteln. Deswegen freuen wir uns auch, dass die Festwochen der Alten Musik uns an diesem Hohen Frauentag in diese herrliche Barockkirche einladen. Mit der Missa Gloriosae Virginis in Coelo von Romanus Weichlein, die dem lieben Herrgott und uns von der Capella Claudiana unter der Leitung unseres Kirchenmusikers Marian Polin dargeboten wird, wird uns der Vorgeschmack des Himmels geschenkt.
Weil Maria durch ihre Aufnahme in den Himmel, in jenen Ort also, der im Grunde kein Ort ist, sondern ein Zustand ist, weil sie durch diese ihre Aufnahme sich als ganz durchlässig erlebt, ist sie zu einer Adresse geworden. Zur Adresse, an die sich Millionen von Menschen wenden können! Selbst jene Menschen, die in ihrem Verschlossensein mehr dem gereizten Hund gleichen als dem menschlichen Wesen, selbst diese können sie anbellen und erfahren, dass sie nicht zurück bellt. Sie ist ja des Himmels teilhaftig, deswegen strahlt uns in ihr ein Strahl des Himmels auf, nicht aber unsere eigene Begrenztheit und unsere Bosheit. Ja! Am 15. August erblicken die Katholiken in dieser Frau den Einbruch der Ewigkeit, nicht nur die Widerspiegelung ihrer eigenen Endlichkeit und schon gar nicht ihre eigene Bosheit.

Eine herrliche mittelalterliche Legende erzählt davon, dass der Teufel selber sich bei Gott beklagt: Wenn man Maria ihr Treiben nicht untersagt, wird die Hölle leer bleiben. Denn alle, die durch die Gerechtigkeit des Vaters und die Gerechtigkeit der Sohnes verurteilt werden, werden durch Maria gerettet. Die himmlische Anarchistin setzt sich halt auf den Gründen der Barmherzigkeit über alle Maßstäbe hinweg. Sie versteht es und vermag es auch, den armen – sich zu Tode anbellenden – Hund zu beruhigen. Deswegen wird sie von uns – den Katholiken – als Mutter der Barmherzigkeit gerühmt.

Prof. Józef Niewiadomski, Katholisch-Theologische Fakultät, Universität Innsbruck

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