Mt 5,13-19 (Dtn 30,10-14)

Bei diesem Gottesdienst für Pater Johannes Mühlsteiger möchte ich über drei Punkte predigen:
über das Älterwerden, über Theologie und Kirchenrecht und über das gemeinsame Leben als Ordensleute.

I.
Vor allem in den vergangenen zwei Jahren als Oberer im Jesuitenkolleg habe ich mit Pater Mühlsteiger viel zu tun gehabt.
Er war schon früh unterwegs im Kolleg – und da haben wir dann manchmal gemeinsam gefrühstückt.
Er hat mich im Büro besucht und mir seine Fotos gezeigt.
Und hier, beim Herz-Jesu-Altar, hat er oft gebetet.
Es wurde aber immer schwieriger, ihn zu verstehen. Er hatte große Wortfindungsstörungen.

Als aktiver Universitätsprofessor war er selbstbewusst und hat auf seine Entscheidungsfreiheit großen Wert gelegt.

Mit dem Älterwerden war er angewiesen auf Hilfe und hat sie auch angenommen.
Das ist für uns selbständige Jesuiten eine große Herausforderung: Hilfe erbitten und Hilfe annehmen.

Im besten Fall werden wir milde, zurückhaltend im Urteil und dankbar gegenüber den anderen – so wie ich es bei Pater Mühlsteiger in den letzten zwei Jahren erlebt habe.

Pater Mühlsteiger lebte bis in sein hohes Alter im Jesuitenkolleg, umsorgt von den Mitarbeiter/innen in der Küche, in der Reinigung, in der Buchhaltung und an der Pforte.
Dann kam sein Sturz am 8. Juni. Das Rote Kreuz hat ihn in die Notaufnahme der Klinik gebracht.

Er war mehrere Wochen in der Neurologischen Universitätsklinik, hervorragend behandelt und betreut.
Von dort ist er dann, wieder mit dem Roten Kreuz, ins Heim St. Vinzenz der Barmherzigen Schwestern gekommen, auch dort sehr fürsorglich betreut.

Frau Dr. Wohlgenannt als seine Hausärztin hat ihn viele Jahre ärztlich gut versorgt.
Im Haus St. Josef, wo er über 40 Jahre sonntags die hl. Messe gefeiert hat, hatte er schon die Zusage für einen Heimplatz.

Ich schildere das deshalb so ausführlich, weil es zeigt, wieviele Institutionen sich um uns kümmern, mit großer Kompetenz und Freundlichkeit.

Es ist gut, wenn wir uns beim Requiem von Pater Mühlsteiger klar werden, wieviel wir selbst anderen Menschen in diesen Institutionen verdanken.
Und es ist gut, unser eigenes Autonomieverständnis immer wieder kritisch anzuschauen. Wir brauchen einander und können nicht alles selbst machen.

II.
Lesung und Evangelium heute sind so ausgesucht, dass sie für einen Theologen und Kirchenrechtler passen.
Pater Mühlsteiger hat eine gute akademische Ausbildung erhalten – und ist dann selbst Professor geworden, um andere zu unterrichten.
Der Kontext dafür war für kurze Zeit die Schule. Besonders das Kollegium Kalksburg in Wien ist hier zu erwähnen. Bis zuletzt hat es hier gute Verbindungen zu Altschülern gegeben.
Als Lehrender hat er sein Leben und seine Energie hauptsächlich an der Universität Innsbruck eingesetzt, an der Katholisch-Theologischen Fakultät.

Wenn man den großen Lebensbogen von Pater Mühlsteiger anschaut – geboren 1926! – dann kann man sich die vielen Veränderungen vorstellen, die er erlebt hat:
das II. Vatikanische Konzil, das neue Kirchenrecht von 1983, die vielen Veränderungen an der Universität.
Wenn wir heute nach vorne schauen: was wird sich da alles verändern?

Der Jesuitenorden in Innsbruck ermöglicht es jährlich zwischen 40 und 50 Priestern und Ordensleuten aus der südlichen Hemisphäre, dass sie hier ihr Doktorat erwerben.

Weil ich dabei selbst unmittelbar involviert bin, traue ich mich zu sagen:
Die Form, wie wir unseren Glauben an Gott reflektieren, braucht neue Formate und mutige Initiativen.
Auch wenn wir selbst vielleicht den Eindruck haben, dass schon unser jetziges Arbeitsleben anstrengend ist:
die Erhaltung des status quo ist zu wenig, im Jesuitenkolleg ebenso wie an der Theologischen Fakultät.
Das gilt auch für das Fach Kirchenrecht. Es wird für eine globale Organisation wie die Katholische Kirche eine Neufassung des Codex brauchen – und es wäre gut, wenn man das jetzt anfangen würde.
Vielleicht kann dazu von Innsbruck aus eine Initiative ausgehen – ein Artikel, eine Tagung, ein sichtbarer Impuls.

Im Jesuitenkolleg wurde in den vergangenen Monaten eine Zukunftswerkstatt gebaut: ein Ort für junge Leute zwischen 18 und 30, mit Zimmern und Kapelle und Begleitung.
Was viele nicht wissen: Pater Mühlsteigers Zimmer liegt mitten in dieser Zukunftswerkstatt.
Darum soll bei seinem Requiem auch von der Zukunft gesprochen werden.

III.
Das führt mich zum letzten Punkt, zum gemeinsamen Leben. Wir alle wachsen in Familien auf – und dann gründen wir selbst eine Familie oder leben zum Beispiel in einer Ordensgemeinschaft, so wie wir Jesuiten.
Ob nun Familie oder Konvent:
es gibt einige Dinge, die das gemeinsame Leben leichter machen.

Dazu gehört, dass es uns ein bewusstes Anliegen ist, dass es dem anderen gut geht.
Kann ich Dir helfen? Brauchst Du etwas?
Kann ich Dich zum Bahnhof bringen oder dort abholen?

So eine Gemeinschaft wie bei uns, mit 30 Jesuiten, kann funktionieren wie ein Kühlschrank – oder sie ist ein lebenswerter Ort mit guter Atmosphäre.
Dazu leistet jeder seinen Beitrag.

Als erstes gilt: primum non nocere – zuerst nicht schaden,
modern übersetzt: Wir wollen einander nicht auf die Nerven gehen, und dazu müssen wir uns vor allem mit unseren Urteilen zurückhalten.

Dann kommen die größeren und kleineren Dienste.
Manche haben wirklich gute Augen dafür, was gebraucht wird – und tun dann auch selbst etwas.
Pater Kerschbaumer und Pater Goller haben sich vorbildlich um Pater Mühlsteiger gekümmert, bis hin zu Pflege und Körperhygiene, und dafür möchte ich ihnen hier auch ausdrücklich danken.

Wenn sich so eine Kultur der gegenseitigen Rücksichtnahme, des Helfens und des Verzeihens entwickelt, dann strahlt das aus, auch nach außen.

Einen wichtigen Dienst hat Pater Mühlsteiger selbst getan, als er den großen Nachlass seiner Schwester 1992 Bischof Joseph Werth in Sibirien zukommen hat lassen.
Dieser Nachlass war der Grundstock für die Bischofskirche in Novosibirsk, wo bis heute Jesuiten wirken.

Pater Johannes Mühlsteiger hat 70 Jahre im Jesuitenorden gelebt und Jahrzehnte an der Universität unterrichtet.
Wir wollen Gott danken für Pater Mühlsteiger und für ihn beten.

Und zugleich dafür sorgen, dass Innsbruck ein guter Ort bleibt zum Leben, Studieren und Arbeiten.

Amen.

Christian Marte SJ, Jesuitenkolleg Innsbruck

Adresse

Karl-Rahner-Platz 2
6020 Innsbruck
+43 512 5346-0

Kontoverbindung: Jesuitenkolleg Innsbruck
Raiffeisen Landesbank Tirol
IBAN: AT35 3600 0000 0350 5500

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