Glauben - eine Charaktersache

Predigt zum Nachlesen von P. Bernhard Heindl SJ

Symbol

13. Sonntag im Jahreskreis
Mk 5, 21ff

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Glaube ist ein Geschenk von Gott und zugleich eine Angelegenheit, in die man investieren muss, Glaube fällt nicht nur vom Himmel, man muss ihn sich auch aneignen, in ihn hineinwachsen, dass er zur Charaktersache wird.

Jairus, der besorgte Vater, und die seit langem kranke Frau sind zwei „kleine" Charakterdarsteller des Glaubens im Markusevangelium. Als klein bezeichnen sie die Exegeten, weil sie nicht lange im Rampenlicht stehen. Sie spielen keine Hauptrollen, wie etwa die Jünger Jesu, sondern erscheinen nur einmal kurz auf der Bühne, um dann wieder in den Hintergrund zu treten. Aber ihr Beitrag für das Evangelium ist dennoch von großer Bedeutung.
Jairus und die seit langem kranke Frau zeigten in der Begegnung mit Jesus auf ihre Weise Charakter und stellen uns vor Augen, was Glaube an Jesus bedeutet, wie er aussehen kann. Ich möchte sagen, gerade über ihre kleinen Auftritte kommt ihnen die große Bedeutung zu, nachahmbare Glaubenszeugen zu sein. Es gibt viele solche „kleinen Charakterdarsteller" im Markusevangelium, doch ich will bei den beiden aus dem heute gehörten Evangelium bleiben.

Jairus: Er glaubt an die Allmacht Jesu. Für Jairus ist Jesus der Herr über Leben und Tod, er ist fest davon überzeugt: Wo Jesus seine Hand ausstreckt, hat der Tod keine Macht mehr: „Komm und leg meiner Tochter die Hände auf, damit sie ... am Leben bleibt."
Und wenn er, als angesehener Synagogenvorsteher, Jesus zu Füßen fällt, wird neben seiner Verzweiflung, auch sein Glaube sichtbar: Denn dem Herrn über Leben und Tod nähert man sich nicht ebenbürtig. In einem Zeichen der Verehrung sieht Jairus seine eigene Würde nicht in Frage gestellt. Im Gegenteil, die Verweigerung eines derartigen Zeichens erschiene Jairus würdelos.
Doch am offensichtlichsten wird sein Glaube an Jesus, als Boten die Nachricht vom bereits eingetretenen Tod seiner Tochter bringen. Wenn Jesu nach dieser Hiobsbotschaft zu ihm sagt: „Sei ohne Furcht, glaube nur!", ließe sich resigniert rückfragen: „An was denn eigentlich noch?"
Doch Jairus weiß an was, nämlich unberirrbar an das, wovon er überzeugt ist: Jesus bleibt für ihn der Allmächtige, der das letzte Wort behält und nicht der Tod!

Das Glaubenszeugnis des Jairus über die Situation hinaus zusammengefasst, bleibt zeitlos gültig: Denn Boten, die gerade mit Blick auf den Tod hoffnungslose, fatalistische Botschaften im Munde führen – am Ende kommt nichts, am Ende halt Ende Gelände! -, gibt es genug und zu jeder Zeit.
Und Jairus lässt mich zudem fragen: Welche Ehrfurchtsformen gegenüber Gott kenne, praktiziere ich, habe ich Gesten, die Respekt für Gott ausdrücken! Der eigenen Glaubensüberzeugung, dem Glauben an Gott gegen Pessimismus, Fatalismus in Treue und respektvoll Ausdruck verleihen, erfordert Charakter!

Die seit langem kranke Frau ist wohl in ihrer Ehrlichkeit eine nachahmenswerte Glaubenszeugin. Ob sie vor der Begegnung mit Jesus bereits eine gläubige Frau war, ist für mich eher zweifelhaft. Hilfe hatte sie sich jedenfalls lange Zeit ausschließlich von Ärzten versprochen. Und das in einer Zeit, in welcher der geringe medizinische Wissensstand wenig Hoffnung auf Heilung zuließ. Die Heilpraktiken waren äußerst schmerzhaft und damit nicht genug, musste das einfache Volk meist mit Scharlatanen Vorlieb nehmen. Die Bemerkungen, dass die Behandlungen der Frau das ganze Vermögen kosteten, sie dabei viel zu leiden hatte, aber das Ganze nichts brachte, lassen vermuten, dass sie eher Scharlatanen ausgeliefert war.
Nun nähert sie sich schüchtern Jesus. Im Schutz der Menge greift sie verstohlen - gleichsam als letzte Hoffnung - nach Jesus aus, berührt sein Gewand und kann es nicht leugnen, sie spürt, sie ist geheilt!
Wenn sie gleich darauf vor Jesus niederfällt, dann wohl in einer Mischung aus Beschämung und Demut zugleich: „Sie fiel vor Jesus nieder ... und sagte ihm die ganze Wahrheit!"
Die ganze Wahrheit?!, dass sie ihre Hoffnung lange Zeit allein auf die Welt und nicht auf Gott gesetzt hatte, dass sie es vielleicht eher zweifelnd als glaubend einmal ausprobieren wollte, was sie gehörte hatte, nämlich dass dieser Jesus mit seiner Botschaft vom Reich Gottes helfen kann.
Und Jesus? Dieser aus der Not geborene, dieser schwache Glaubensfunke scheint ihm zu genügen, denn er antwortet der Frau: „ ... dein Glaube hat Dir geholfen, geh in Frieden!"

Das Glaubenszeugnis der lange Zeit kranken Frau über Zeit und Situation hinaus zusammengefasst könnte lauten:
Gott zwingt nicht zu sich, Verhaltenheit und Skepsis, er wahrt die von uns gezogenen Grenzen ihm gegenüber. Doch wenn wir beginnen nach ihm zu tasten, genügt ihm eine vorsichtige Berührung, um sich uns zuzuwenden und Überraschungen sind dann keine Seltenheit.
Wer dann noch ehrlich eingestehen kann, dass er, wie lange auch immer, in seinen eigenen Grenzen, Zweifeln, Vorbehalten gefangen war, der besitzt Charakter! Einen Irrtum eingestehen können, ist ein Zeichen für Charakter!

Liebe Schwestern und Brüder, Jairus und die kranke Frau, sind im Markusevangelium zwei Menschen am Rande des Weges Jesu, die uns auf ihre Weise zeigen, dass Gott keine großen, glänzenden Auftritte von uns erwartet. Wenn wir zu dem, was uns an Glauben möglich ist, mit unserer Person einstehen, genügt ihm das.
Und dann wird Glauben auch zu einer überzeugenden Charaktersache. Glauben als Charakterangelegenheit, im Glauben Charakter zeigen, ich wünsch es Ihnen und mir. - Amen.

 

 

P. Bernhard Heindl SJ

 


 

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