„Gottes Gebot" – Satzungen von Menschen

Predigt zum Nachlesen von Prof. Józef Niewiadomski

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„Gottes Gebot" – Satzungen von Menschen
 Dtn 4,1–2.6–8 und Mk 7,1–8.14–15.21–23

Die Lesungen des heutigen Sonntags reizen den Prediger dazu, die Texte gegen den Strich zu bürsten, sich nach dem Sinn deren Zusammenstellung zu fragen, aber auch einen Seitenblick auf den verminten religionspolitischen Garten der Gegenwart zu werfen. Und warum? Kaum hat Papst Franziskus bei der Generalaudienz am 11. August in einer Katechese im Anschluss an den Galaterbrief des Apostel Paulus seinen Glauben an das Leben, das uns vom Hl. Geist geschenkt wird, kaum er diesen Glauben bekannt und gemäß der paulinischen Logik den Satz hinzugefügt: „ Aber das Gesetz schenkt nicht das Leben und ist auch nicht in der Lage die Verheißung zu erfüllen", kaum, dass er das gesagt hat, schon protestierte das Großrabbinat von Jerusalem, die oberste Religionsbehörde in Israel. Der Papst hätte damit die jüdische Religionsausübung für die heutige Zeit als „obsolet" bezeichnet, den christlichen Glauben als „Ersatz für die Thora" dargestellt, damit auch eine „Lehre der Verachtung gegenüber Juden und Judentum" geliefert. Eine solche Meldung stellt wohl das gefundene Fressen für skandalgeile Medien. Bei jeder auch nur so kleiner Gelegenheit schlagen ja diese auf die Katholische Kirche ein – wie auf eine alte Matratze. Weder die sonst so penibel um Textauslegung bemühten Rabbiner, noch die gebetsmühlenartig sich zum Wort meldende Schlagzeilenmentalität erachtete es als notwendig hinzuzufügen, dass der Papst auch davon sprach, dass das Gesetz den Christen ein „Pädagoge" sei, „der Lehrmeister, der den Menschen bei der Hand nimmt und der Begegnung mit Christus zuführt." Was soll also der Prediger angesichts solch inszenierter Skandalisierung über einen einzigen Satz, was soll er zu den heutigen Lesungen sagen und der darin zur Sprache kommenden Spannung zwischen Gesetz und Glaube?

Soll er darauf hinweisen, dass Einiges aus der heutigen alttestamentlichen Lesung bereits im Kontext der biblischen Bücher selbst sprachlich obsolet zu sein scheint? Denn: Um welches Wortlaut des Gesetzes geht es in diesem Text, jenes Wortlaut, dem „nichts hinzugefügt und nichts weggenommen" werden darf? Geht es dabei um die Worte des Dekalogs, die im biblischen Buch gleich im nächsten Kapitel übermittelt werden? Oder um die ganze deuteronomistische Gesetzsammlung, die in späteren Kapiteln überliefert wird, von den Gesetzesvorschriften, die im Buch Leviticus stehen und die minutiös das (damalige) Leben regulieren sollten, schon ganz zu schweigen? Nicht einmal die orthodoxen Juden können viele von den dort aufgeschriebenen Vorschriften und Normen einhalten. Viele, sehr viele wurden ja durch den faktisch gelebten Alltag überholt.

Stellt dann dem heutigen Menschen die scharfe Kritik Jesu eine Hilfe dar? Die von den Pharisäern und Schriftgelehrten normierten Alltagswege würden sich – so Jesus im Evangelium – an den Satzungen von Menschen orientieren. Eine selbstverständliche Banalität, könnte man fast sagen, wenn ihr nicht das harte Urteil folgen würde: „Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an den Überlieferungen von Menschen." Was wird sich der säkularisierte Zeitgenosse dabei wohl denken? Jener Zeitgenosse, der „Gottes Gebot" mit dem Terror der Taliban identifiziert! Sich des Paradoxon nicht ganz bewusst, wird er wohl ausrufen: „Gott sei Dank, haben wir hierzulande Gottes Gebot durch menschliche Satzungen ersetzt und die Theokratie zugunsten der Demokratie aus unserem Alltag verbannt."

Liebe Schwestern und Brüder, was ist nun „Gottes Gebot"? Ganze Generationen von Rabbiner, tausende und abertausende von gelehrten Theologen, Bischöfen, Päpsten und auch einfachen Predigern zerbrachen sich und zerbrechen sich weiterhin den Kopf über diese Frage: Was ist denn „Gottes Gebot"? Steht es irgendwo „schwarz auf weiß"? Und wenn ja, wie verhält sich dieses zu den menschlichen Überlieferungen? Die fundamentalistische Versuchung zu eindeutigen Antworten in diesem Kontext war immer schon da. Und sie ist auch heute lebendig, wenn auch mehr im Islam, denn im Judentum und Christentum. Die Lösung der Spannungen, die sich in diesen Zusammenhängen ergeben und die wir im Evangelium aus dem Mund Jesu hören, jene Lösung, die dem säkularisierten Zeitgenossen zuerst sauer aufstößt, diese Lösung knüpft an die großen Stränge prophetischer Kritik an, die ja von den „Herzen aus Stein" gesprochen hat, jenen Herzen, denen man mit keiner Reformvorschrift und keinem Gesetz beikommen kann: sie bleiben versteinert. Und diese prophetische Kritik betrifft nicht nur die eng verstandenen religiösen Traditionen. Sie lässt mich beispielsweise an die gegenwärtigen Kontroversen denken, Kontroversen, die wir landauf landab in einer sich aufklärend gebenden Kultur erleben, Kontroversen über die „political correctness". Den biblischen Pharisäern nicht ganz unähnlich, diesen durchaus gebildeten und gut meinenden „leading persons", die das Einhalten von minutiösen Vorschriften zum Kriterium von „rein und unrein vor Gott" erklären, von den Äußerlichkeiten also auf die Würde des Menschen schließen, diesen doch kleinkarierten Hütern der äußerlichen Korrektheit nicht ganz unähnlich, schreien und schreiben viele Medienschaffende, schreiben und verkünden zahlreiche Wächterinnen und Wächter der wie auch immer verstandenen Korrektheit der Sprache und der Verhaltensweisen, sie schreiben Ausdrucksformen vor: sie gendern, sie entkolonianisieren, sie entsexualisieren, sie säkularisieren, sie möchten gar verbieten. Sie schreiben diese Ausdrucksformen vom Wort und Tat vor im festen Vertrauen, dadurch das menschliche Zusammenleben besser zu ordnen, gar das zu normieren, was menschenwürdig zu sein scheint. Denn: nur jene, die diese Kunst beherrschen und die Normen einhalten, gelten als voll akzeptierten Zeitgenossen. Andere müssen es erst werden. Gilt diesen Hüterinnen und Hüter nicht der Vorwurf, gilt nicht auch uns in einem solchen Zusammenhang der Vorwurf Jesu: „Dieses Volk ehrt die Sache, um die es sich bemüht mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg"? Deswegen verfällt es zunehmend der Skandalmentalität, regt sich dann auf über jeden Satz, jeden Halbsatz, oder gar jedes Wort, die der verordneten „political correctness" nicht entsprechen. Die permanent gelebte und auch inszenierte Aufregung und der durch tausendfach vervielfältigen Schlagzeilen verfestigte Skandal verdecken aber das, was sich im Inneren des Menschen breitmacht. Sie verdecken den Geist der Selbstgerechtigkeit, das allgegenwärtige Ressentiment, die Selbstverständlichkeit der Schuldabschiebung und Sündenbockjagdstrategie.

Liebe Schwestern und Brüder, „Gottes Gebot" zielt weder auf die political, noch auf die theological correctness. Es rührt zuerst das menschliche Herz an. Vor allem das „versteinerte Herz", oder aber das Herz, das zu versteinern droht. Was heißt das konkret? Jesus hat das Gesetz nicht aus den Angeln gehoben, er konnte sich aber über die Normen hinwegsetzen, wenn es darum ging Qualität des Lebens zu erhöhen, das Leben zu retten, Wege des Überlebens zu öffnen. Die von Papst Franziskus bei seiner Katechese verwendete Formel, das Gesetz sei Lehrmeister, der zur Begegnung mit Jesus führt, ist sicher hilfreich. Wenn man aber diese „Begegnung beiseitelässt", auch die „Begegnung von Herzen" unterbindet und nur der Beachtung der Gebote Aufmerksamkeit schenkt, verfehlt man „Gottes Gebot" und landet beim menschenfeindlichen Fundamentalismus. Deswegen verfehlen es auch all jene, die „menschliche Herzen töten", in der Gewalt ein Prädikat Gottes erblicken und im Namen von Gott, im Namen von Allah Terroranschläge verüben und Krieg führen. „Gottes Gebot" wird aber auch verfehlt, wenn in der Empörung über Islamisten und Islam nur eine banalisierte Form von Religion propagiert und Religiosität des Menschen zum beliebigen Hobby degradiert werde. Schlussendlich wird „Gottes Gebot" verfehlt, wenn politisch korrekt Ethik gegen Religion ausspielt wird und in der Frontstellung: „Ethik ja, Religion nein" so etwas wie Friede im verminten religionspolitischen Garten der Gegenwart erhofft wird. Und warum dies? Weil der ethische Ernst letztendlich keine menschenfreundliche Antwort auf das radikale Versagen kennt. Diese heißt nämlich nicht Vergeltung, sondern Vergebung. Gar Vergebung für jene, die keine Reue zeigen. Weil ihr Herz versteinert ist. Gerade, weil Menschen in ihrem Versagen immer wieder Vergebung erfahren müssen, darf Ethik nie gegen Religion ausgespielt werden.

Etwas von dieser Erfahrung thematisiert eine alte rabbinische Geschichte, in der das Versagen von Mose, der am Berg Sinai die Gesetzestafeln zerschmettert, erklärt wird. Sie soll als ein „quasisystematischer Ertrag" zum Thema: „Gesetz und Glaube" diese Predigt abschließen (bei der Messe erzählte ich die Geschichte am Anfang vor dem Kyrie-Ruf). Demnach war Mose auf seinem Weg ins Tal vom tiefen Glauben getragen, dass Gott mit ihm mitgeht. Der Glaube im Herzen und das Gesetz auf den Tafeln: die schweren Steintafeln stellten ihm keine Last dar. Als er aber ins Tal kam und das Volk um das goldene Kalb tanzen sah, da schwand der Glaube aus seinem Herzen. Der Zweifel, ob seine Mission einen Sinn hat, bemächtigte sich seiner. Und da verschwanden die Worte der Gebote vom Stein. Die Tafeln waren das, was sie halt waren: bloß schwere Steine. Sie wurden für Mose zu schwer. Er ließ sie fallen. Die Erfahrung der Vergebung, die daraus folgende gelassene Einsicht, dass er versagen durfte und der Gnadenimpuls, der ihm die Gabe des Glaubens neu schenkte ermöglichten einen Neuanfang. Wie oft versagen wir, weil der Glaube in uns schwindet? Bitten wir also Gott um Vergebung und die Gnade des Glaubens.

 

Prof. Józef Niewiadomski, Katholisch-Theologische Fakultät, Universität Innsbruck


Foto: Levi-Meir-Clancy by unsplash

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