Glockenweihe

Predigt zum Nachlesen von Bischof Hermann Glettler

Symbol

Klangkörper für die Frohbotschaft
Lesung: Numeri 11,25-29 Evangelium: Mk 9,38-43.45-48

 

Die heute geweihte „Canisiusglocke" wurde zum 500. Geburtsjahr unseres Diözesanpatrons Petrus Canisius SJ vom Traditionsbetrieb Grassmayr gegossen. Die Rückseite ist zudem Bischof Reinhold Stecher zum 100. Geburtsjahr gewidmet. Die Glockenzier stammt von Peter Raneburger und Nora Schöpf. Einen bunten Farb-Klang zum heutigen Fest geben die Fahnenabordnungen des Österreichischen Cartellverbandes, die anlässlich ihrer Vollversammlung in Innsbruck heute mitfeiern. Bischof Stecher war Mitglied aller CV-Verbindungen in Innsbruck. Nicht zufällig trägt deshalb die neue Glocke die vier Prinzipien des CV als Umschrift: Religio – Patria – Scientia – Amicitia. Stellen wir uns gemeinsam die Frage, was Schwingung, Ton und Nachklang der neuen Glocke damit zu tun haben. Als Menschen, mit Leibe, Seele und Geist begabt, sind wir doch von Gott geschaffene Klangkörper. Dasselbe gilt für alle Gemeinschaften und Verbindungen, in denen sich soziales Leben abspielt. Petrus Canisius SJ und Bischof Reinhold Stecher waren mit Sicherheit deutlich vernehmbare, klare und verständliche Klangkörper für Gottes Frohbotschaft.

1. Schwingung: Sich vom Geist Gottes ergreifen lassen!
Bevor das Geläut einer schweren Glocke zum Erklingen kommt, ächzt und rumort es im Glockenturm. Die Glocke muss in Schwingung versetzt werden – nur in dieser außerordentlich schönen Bewegtheit kommt das Instrument zum Klingen. Wer schon einmal in der Glockenkammer eines Turmes das Einschwingen des tonnenschweren Geläuts miterlebt hat, weiß, wovon ich rede. Unheimliche Kräfte. Die faszinierende Holzbalkenkonstruktion ist ein Bild für die Tradition – sie muss halten, Widerstand geben und doch beweglich sein. Eine nur starre Konstruktion würde brechen. Entscheidend ist, dass wir uns vom Geist Gottes in Schwingung versetzen lassen, wie uns heute im Text aus dem Buch Numeri von den siebzig Ältesten berichtet wird. Mose verteidigt seine großzügige Bewertung einer ungenierten Geistausgießung: „Wenn doch alle Propheten wären!" Ja, von Gott begeisterte Menschen brauchen wir, empathisch und kritisch – mit einem verständnisvollen Blick auf das Ganze.
Es gibt, wie wir wissen, ja auch andere Geister und Strömungen, die uns mitreißen können. Es gibt zurzeit viele Wellen der Empörung, die ganze Scharen von Wutbürgern auf die Straßen treibt. Die einzige Schwingung, die sie vereint, ist die Wut auf „das System". Ihre Proteste sind bedrohlich. Maria Luise Thurmaier hat im Jahr 1941 den Text für das Lied „Der Geist des Herrn erfüllt das All" geschrieben. Sie hat damit ein Glaubensbekenntnis abgelegt, denn zu dieser Zeit herrschte in Deutschland und in den bereits eroberten Ländern der „braune Geist" der rassistischen Menschenhetze und tödliche Verachtung. Wesentlich für den christlichen Glauben ist das Einschwingen auf die Botschaft Jesu und auf ihn selbst, auf seine Person und seine Bewegtheit. Jesus war permanent in gleicher Schwingung mit seinem Vater, ließ sich aber ebenso von den Menschen bewegen, die ihm begegnet sind, speziell von den Schwachen und Leidenden.

2. Der Klang entsteht durch Widerstand: Der entscheidende Ton
Das heutige Evangelium beginnt mit einer Klarstellung: Die Jünger beschweren sich in ihrem missionarischen Übereifer, dass auch andere, charismatische Personen außerhalb ihrer Gruppe Wunder wirken können. Sie appellieren an Jesus, dies abzustellen. Eingebildet auf ihre Sonderstellung nehmen sich die Jünger das Recht heraus, über andere zu urteilen. Die Großzügigkeit Jesu lässt uns aufhorchen: Urteilt nicht, viele gehen mit uns, auch wenn sie „äußerlich nicht dazugehören". Wir möchten dazugehören, auch zu bestimmten Orten und Ländern. Unsere Herkunft prägt uns. Heimat ist wichtig (patria). Wir Tiroler, Steirer, Wiener, ... Weltbürger, Mitglieder einer großen Menschheitsfamilie? Welchen Klang hat der Begriff Heimat in einer Welt, die in Bewegung geraten ist? Lediglich ein Kampfbegriff um „die Fremden" auszuschließen? „Heimat ist nicht Enge, sondern Tiefe" hat der steirische Landtagspräsident Hanns Koren schon in den 70er Jahren gesagt. Sind wir bereit, Wohnrecht, Arbeit, Ansehen auch mit jenen zu teilen, die ihre eigene Heimat verlassen mussten. Missklang und Missstimmung lässt sich leicht verbreiten, jeder ist gefährdet.
Jesus verwendet im heutigen Evangelium nicht umsonst eine drastische Bildsprache – nicht gerade sympathisch, wenn er vom Ausreißen des Auges und vom Abhauen der Hand spricht. Vielleicht brauchen wir diesen herben Ton, um zu verstehen, dass eine äußerliche Korrektheit zu wenig ist. Auf den Ton kommt es an, wie wir uns verhalten und mit den Herausforderungen unserer Zeit umgehen – ob wir uns verführen lassen und dem Negativen Resonanzraum geben oder ob wir in der Sorge um einen guten Zusammenklang in unserer Gesellschaft leben. Der Klöppel steht für alles, was uns als Wirklichkeit entgegenkommt. Sie kann hart aufschlagen, uns herausfordern und manchmal auch wehtun. Das dreimalige Du macht unmissverständlich klar, dass jeder sich persönlich angesprochen fühlen muss. Nochmals: Der Klang der Glocke entsteht im Widerstand, im Aufschlagen des Klöppels auf die Wange der schwingenden Glocke. Je nachdem, wie wir gestimmt sind und in Schwingung sind, wird der Ton sein. Empört, gekränkt oder konstruktiv und einladend.

3. Nachklang: Den Glauben in Freundschaft leben
Eine Glocke ist grundsätzlich ein wunderbares Symbol für das Verhältnis von Religion und Glaube: Man sieht das mächtige Instrument mit seiner Außenseite, meist mit einer alten Patina und einer mehr oder weniger geglückten Glockenzier, schlicht oder pathetisch, barock oder zeitgenössisch, ... Ein verständliches Bild für Religion (religio): Herrliche Sakralbauten, feierliche Geräte und Ornate, schöne Bräuche und Traditionen. Doch die Glocke muss in Schwingung kommen und angeschlagen werden. Das ist der Glaube, der immer persönlich ist, im Unterschied zur Religion, die mit ihrer institutionellen Verfassung eine deutlich wahrnehmbare Außenseite hat. Der Glaube muss gepflegt werden – es braucht eine tägliche Mühe, um in einer guten Schwingung zu bleiben. Eine lebensrelevante Spiritualität speist sich von einem täglichen Moment der Stille, von einer Unterbrechung, um sich im alltäglichen Lärm wieder auf den Klang der Botschaft Jesu einzustellen und von seinem Geist erneut bewegen zu lassen.

Besonders einprägsam ist der Nachklang von einem guten Glockengeläut – der sympathisch vielfältige Ton liegt lange in der Luft, heilsam beruhigend. In dieser Phase wird die Glocke zum Symbol für Freundschaft (amicitia) – sie trägt, oft ein Leben lang, auch wenn man sich selten hört oder sieht. Freundschaften können durch einen kleinen Anstoß wieder zum Klingen kommen. Facebook-„Freunde" und Online-Verbindungen ersetzen das reale Zusammenkommen nicht. Gute Freundschaft bewegt immer zum Guten. Eigentlich lässt sich das auch von Wissenschaft (scientia) und Forschung sagen. Sie kann Leben retten, wie wir dies in der Pandemie mit der Entwicklung der Impfstoffe klar gesehen haben. Es braucht persönlichen Einsatz und Finanzmittel, um valide Forschungsergebnisse zu erhalten. Wissenschaft kann natürlich auch die menschliche Hybris nähren, wenn sie den absoluten „technokratischen Zugriff" auf das Leben propagiert. Diese Ambivalenz gilt grundsätzlich: Nicht alles, was sich Fortschritt auf die Fahnen schreibt, ist schon eine dem Leben dienliche Schwingung. Auch Tradition auf die Fahnen geschrieben, ist es nicht automatisch.

Jesus verpflichtet uns zu einer Herzens-Weite und Herzens-Beweglichkeit, die heilsam und befreiend ist. Wir brauchen einen neuen Klang gegenseitiger Wertschätzung und der Achtung des Lebens von seinem gottgeschenkten Anfang an bis zum natürlichen Ende. Geistvolle Offenheit! Unheilvolle Echokammern gibt es schon zur Genüge. Es sind isolierte Denk- und Kommunikationsräume, wo es weder Dialog, noch Hinhören oder ein ehrliches Miteinander-Ringen gibt. Nehmen wir heute – anlässlich der Weihe einer Glocke – das den Auftrag an, gute und verständliche Klangkörper der Frohen Botschaft zu sein. Es braucht sie dringender denn je.

Predigt von Bischof Hermann Glettler bei der Glockenweihe am 26. September 2021 in Innsbruck, Jesuitenkirche


Bilder: Reinhold Sigl. Hier finden Sie den Link zur Fotostrecke
Der Film wurde uns von Tirol TV zur Verfügung gestellt.

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