Die Ehe ist unauflöslich! - Ja, aber ...

Predigt zum Nachlesen von P. Bernhard Heindl SJ

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Die Ehe ist unauflöslich! - Ja, aber ...

Liebe Schwestern, liebe Brüder,
es gibt wohl kein diskutierfreudigeres Völkchen als das jüdische. Man sagt:
Es braucht nur eine Frage und Sie können eine Bushaltestellte in Jerusalem zu einem lebhaften Debattierclub werden lassen, der sogar den ankommenden Bus vergisst.

Das war schon immer so, die Bibel ist voll von hitzigen Debatten, wir haben soeben eine gehört. Bestes Beispiel sind vielleicht die Propheten Israels, sie debattierten im wahrsten Sinne des Wortes mit „Gott und der Welt" und gaben bei beiden Diskussionspartnern, ob es nun der König von Israel oder eben Gott höchstpersönlich war, nicht sofort klein bei. In der rabbinischen Tradition gibt es eine schöne Geschichte dazu:
Rabbi Jehoshua und Rabbi Eliezer, die sich in ihrer Aufgabe als Richter, nicht über eine bestimmte Interpretation der Thora, des göttlichen Gesetzes, einigen konnten, stritten so lange miteinander, bis Gott Mitleid mit ihnen bekam und über eine himmlische Stimme direkt intervenierte und sagte: „Rabbi Eliezer hat recht, Rabbi Jehoshua hat unrecht, geht schlafen."
Doch damit endet die Geschichte nicht, denn kaum war die göttliche Stimme verklungen und die erste Überraschung überwunden, da richtete der Verlierer, Rabbi Jehoshua, seine Augen nach oben und sagte: „Allmächtiger Gott, du hast den Menschen die Thora gegeben, jetzt halte dich bitte aus dieser Diskussion heraus."

Diese Geschichte als Ermutigung, würde ich gerne mit Jesus über das heutige Evangelium debattieren! Grundsätzlich teile ich die Meinung und Vorgabe Jesus: die Ehe ist unauflöslich!
Für viele Hörer unserer Zeit klingt das hartherzig und es mag überraschen, dass Jesus genau das Gegenteil, die sog. Scheidungsklausel im Alten Testament, also die Möglichkeit, die Ehe aufzulösen, als hartherzigen Kompromiss bezeichnet.

Doch wenn wir den entsprechenden Abschnitt im Buch Deuteronomium nachlesen, dann wird schnell klar, dass wir uns die Argumentation von dort nicht zu eigen machen können und wollen, da steht:
Wenn ein Mann eine Frau geheiratet hat und ihr Ehemann geworden ist, sie ihm dann aber nicht gefällt, weil er an ihr etwas Anstößiges entdeckt, ... ja dann, kann er ihr die Scheidungsurkunde ausstellen! (vgl. Dtn 24,1)

• Ein Gummiparagraph, der auf Willkür hinauslief, weil Vieles anstößig in den Augen des Ehemannes sein konnte.
• Ein rechtlich geregeltes Vorgehen, dass wohl ein anderes, schlimmeres Vorgehen abschaffen wollte, nämlich das, dass man seiner Frau das Leben zur Hölle werden ließ, damit sie nicht mehr anders konnte als weglaufen und man sie im Klartext so loswurde.
Eine rechtliche Regelung ganz zu Gunsten des Mannes, welche der Frau nicht die Schmach der Verstoßung, aber ihr wenigstens die Auswüchse männlicher Unterdrückung ersparte.
Nur, weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen ... – so haben wir Jesus im Evangelium gehört und er sagt damit:
Ursprünglich, vom Schöpfer her, ist das nicht so gedacht, dass ihr in dieser Beziehung nur euren Vorteil sucht. Der Schöpfer will, dass ihr zu einer Einheit werdet, die sich ergänzt und Leben teilt. Jesus nochmals wörtlich: Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins.

Jesus will zum Ursprünglichen zurück und nicht zu Kompromissen, die Hartherzigkeit, Willkür und männliche Machtansprüche kaschieren.
Das Gottgewollte, das Ursprüngliche, eine lebenslange Zweisamkeit, die sich trägt, stützt, unterstützt.
Skeptiker mögen hier hoffnungslose Romantik am Werk sehen, doch für Österreich ermittelt die 2020 mit 14 Pädagogischen Hochschulen durchgeführte Jugendstudie „Lebenswelten: Werthaltungen junger Menschen in Österreich" für den Bereich Partnerschaft als wichtigsten Wert, als Nr. 1: „... dass ich mich auf ihn/sie verlassen kann" und als Nr. 3: „... dass er er/sie treu ist" und in Deutschland diagnostiziert ein angesehenes Meinungsforschungsinstitut, das Opaschowski Institut für Zukunftsfragen, gar folgendes:
"Die junge Generation sehnt sich jetzt auf dem Weg in postpandemische Zeiten nach Stabilität, Sicherheit und sozialer Geborgenheit." Mit Blick auf Beziehungen heißt es weiter: "Die Ehe mit Trauschein und Kindern wird in Zukunft das erstrebenswerteste Lebensmodell sein."

Jesus ist mit seiner Auffassung nah dran an der Sehnsucht der Menschen. Zweisamkeit, lebenslange Zweisamkeit ist in den Herzen der Menschen nicht out!
Und dennoch hätte ich über das gehörte Evangelium zum Thema Ehe eine Frage an ihn, würde ich ihn gern an einer Jerusalemer Bushaltestelle treffen:
Denn: Ja, die Ehe ist unauflöslich!
Und: Ja, dieses Sakrament kann man folglich nur einmal empfangen.
Aber: Ist damit wirklich schon alles gesagt, was wir als Kirche denen antworten, die an diesem Lebenswunsch gescheitert sind?!, die das aus religiös Ursprüngliche und von vielen nach wie vor Ersehnte erst beim zweiten Mal gefunden haben?

Und es geht mir jetzt nicht um Menschen, die damit kokettieren, dass für sie die vier Ringe im Markenzeichen des Autorherstellers Audi oder gar die fünf olympischen Ringe das Vorbild beim Gang zum Standesamt sind.
Es geht mir um die, die um ihr Scheitern wissen, aber beim zweiten Mal glücklich geworden sind und jetzt treu zueinanderstehen, die sagen: So wars ursprünglich nicht gedacht, aber jetzt ist es so!

Ihnen würde ich gerne offiziell und ohne Versteckspiel sagen können:
Herzlich willkommen, und zwar ganz! Hier würde ich gerne mit Jesus debattieren, ob wir seine Worte richtig verstehen oder ob wir in eine Hartherzigkeit abgeglitten sind, wo wir dieses Dilemma der Barmherzigkeit Gottes anheimstellen dürften, so wie das Teile der Ostkirche praktizieren ... und, um des höheren Gutes Willen, nämlich der Menschenliebe Gottes, eine akribische Gesetzesauslegung an dieser Stelle vermeiden.

Die Ehe ist unauflöslich, daran halte ich fest, aber damit ist am Ende noch nicht alles beantwortet. Ich wünschte mir Antworten, die barmherziger sind als die, die wir bislang geben.
Der jüdischer Dichter Jehuda Amichai sagt:
An dem Ort, an dem wir recht haben,
werden niemals Blumen wachsen
im Frühjahr.
Der Ort, an dem wir recht haben,
ist zertrampelt und hart
wie ein Hof.
Mein Eindruck ist, beim Thema Ehe ist der Boden unter unseren Füßen hart geworden, weil wir auf der Stelle treten, wo wir zuversichtlich, nicht leichtfertig die Barmherzigkeit Gottes zur Hilfe nehmen dürften. - Amen.

 

 

 

P. Bernhard Heindl SJ

 


 Foto: sarah-cervantes-xPzMyRIUUKE-unsplash

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