Er sah ihn an und gewann ihn lieb

Predigt zum Nachlesen von P. Bruno Niederbacher SJ

Symbol

Er sah ihn an und gewann ihn lieb

Es war im Herbst vor Corona, als ich Gelegenheit hatte, nach Russland zu fahren: Moskau, St. Petersburg, Woronesch. Und da ist mir aufgefallen: Man wird viel kontrolliert. Man braucht nicht nur ein Visum, sondern auch vor Ort, auf Bahnhöfen, in U-Bahnen und öffentlichen Gebäuden: Überall wird man kontrolliert. „Terrorgefahr" heißt die Begründung. Wie auch immer: Ich wurde das Gefühl nicht los, beobachtet zu sein. Es war ein bisschen nach George Orwells 1984: „Big brother is watching you." Der große Bruder beobachtet dich. Ein etwas unangenehmes Gefühl. Man möchte sich gerne verstecken vor diesen Augen, die alles sehen wollen.

Ein ganz anderes Gefühl hatte ich in den vielen russischen Kirchen mit den wunderschönen Ikonen, den Kerzen, dem Weihrauch und Gesängen. Viele dieser Kirchen haben Kuppeln. Ihr kennt wahrscheinlich die Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz, diese bunte Kirche mit den vielen Türmchen. Unter jedem Türmchen befindet sich eine Kapelle. Und was mir besonders gefiel: Innen in diesen Kuppeln der Kirchen war oft das Gesicht Jesu gemalt, ganz groß, mit offenen Augen und segnenden Händen. Lange habe ich in dieses Gesicht geschaut. Unter diesem Blick habe ich mich so wohl gefühlt, dass ich dachte: Wenn ich jetzt allein da wäre, würde ich mich am liebsten auf den Boden legen und einfach anschauen lassen. Da hatte ich nicht das Gefühl: Da ist jemand, der alles sehen will, mich beobachten und kontrollieren will. Sondern: Da ist jemand, der mit Liebe und Freude auf mich schaut. Da hatte ich nicht das Gefühl: Da ist jemand, vor dem ich mich verstecken möchte. Sondern: Da ist jemand, in dessen Blick ich geborgen bin. Ich kann nie und nimmer verloren gehen.

Im Evangelium steht: Jesus sah den Mann an und gewann ihn lieb. „Jesous emblepsas auto egapesen auto." Das ist der Schlüssel für diese Berufungserzählung: dieser liebende Blick Jesu. Im Gebet stelle ich mich in diesen Blick. Ich werde mir inne, dass der Herr mit Liebe und Freude auf mich schaut. Mein Gebet besteht manchmal darin, in diesem Blick zu verweilen. Ich lasse mich anschauen und schaue an. Dabei tauchen viele Gedanken, Erfahrungen und Gefühle auf: schöne und hässliche und auch traurige, wie beim Mann im Evangelium.
Ich frage:
• Wann werde ich die verkrampfen Hände, mit denen ich mich an Vielem festhalten will, um mich abzusichern: Wann werde ich sie aufmachen können?
• Wann werde ich mich ganz in dich hinein fallenlassen können?
• Wann werde ich fähig sein, alles auf eine, auf deine, Karte zu setzen?
• Wann werde ich schwankendes Kamel durch das Nadelöhr deines Kreuzes und deiner Auferstehung gehen?
• Wann werde ich mein unbedingtes JA der Liebe sagen können?

Ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich: Ich will in deinem Blick verweilen, in diesem liebenden und demütigen Blick. Und ich hoffe, wie es in einem geistlichen Lied von Novalis heißt, dass dieser Blick mit der Zeit „alles wird erweichen und durchdringen". Amen.

 

 

P. Bruno Niederbacher SJ, Jesuitenkolleg Innsbruck

 


 

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