Vom Geheimnis königlicher Hingabe

Predigt zum Nachlesen von Prof. Józef Niewiadomski

Symbol

Vom Geheimnis königlicher Hingabe.
Joh 18,33b–37

Auf den ersten Blick betrachtet, oberflächlich gesehen gleicht der Dialog aus dem heutigen Evangelium dem herrschaftsfreien Diskurs zweier gebildeter Menschen. Warum auch nicht zweier Philosophen. Sie unterhalten sich über das semantische Potential des Begriffes König. Ein Blick in die Tiefe macht aber den Abgrund dieser Illusion sichtbar. Da gibt es den Staatsmann und Zyniker Pilatus. Als Machthaber – oder aber in den heutigen medial vordefinierten Kategorien als Top-Journalist – versucht er sein Opfer aufs Glatteis zu führen. Er weiß seine Position schamlos auszunutzen, um am Ende des Dialogs als Sieger und Star des Abends da zu stehen. Doch: er scheitert. Er scheitert an den scheinbar ausweichenden Antworten Jesu. Er scheitert an der Konfrontation mit dem Wahrheitsbegriff. Vor allem scheitert er aber an dem Menschen Jesus, der alles andere als Zyniker ist. Er scheitert auch wenn der unmittelbare Fortgang der Geschichte ihn als den Gewinner zu präsentieren scheint. Denn: der Konflikt, der im Gespräch nur indirekt spürbar ist, entfacht sich mit voller Intensität in der Fortsetzung der Passionsgeschichte. Dort geht es aber dramatisch zu.
Dramatischer geht es wohl kaum. Und auch menschlicher. Das heutige Evangelium verdichtet Konflikte, es verdichtet aber auch die uralten menschlichen Ängste und Hoffnungen auf eine kaum zu übertreffende Art und Weise. Da gibt es zuerst den Spott und Hohn. Der Gekreuzigte wird verspottet, seine Lebenshaltung wird dem blanken Zynismus ausgeliefert. „Schau mal den Gutmenschen da, den Barmherzigen, den Wundertäter: Anderen hat er geholfen, nun soll er zeigen, wozu er fähig ist." Es sind die Spötter, die ihm in einem Anflug von Zynismus den Titel: „König" zusprechen. Warum tun sie das? Warum versetzen Menschen jemandem, der schon am Boden liegt, warum versetzen sie ihm noch einen Tritt? Weil sie sich dadurch besser fühlen? Oder weil sie von Angst getrieben werden: der Angst der Egomanen, der Angst der Gewalttäter, der tiefsitzenden Angst aller Mafiosi, der Angst, jener die solange die krummen Sachen drehen, dass diese ihnen zur zweiten Haut geworden sind? Diese Angst treibt den Menschen zum Zynismus, dem Zynismus, der all das Gute, all das Menschliche, vor allem das Schwache in den Dreck ziehen muss. Diese Angst ruft aber immer wieder in Erinnerung, dass das Gute doch mächtiger ist als das Böse – und dies allem Anschein zum Trotz. Dass also ich selber letztendlich auf dieses Gute angewiesen bleiben werde, ganz gleich ob es mir passt oder nicht.
Der verspottete König wird aber auch mit Hoffnung konfrontiert, der Hoffnung eines der Mitgekreuzigten. Der Hoffnung jenes Menschen, dem seine Laster, seine Fehler, gar seine Verbrechen zwar auch zur zweiten Haut geworden sind, der aber in einen Sekundenbruchteil zur Besinnung kommt: zur Besinnung, dass auch er in der Brutalität seines Alltags doch eines Minimum an Güte, an Gnade und Erbarmen nötig hat: „Herr denke an mich, wenn Du in dein Reich kommst". Der erste Mensch, der dem gekreuzigten König nicht mit Spott begegnet ist also selber ein Verbrecher! Nicht ein Gerechter und auch nicht ein Frommer. Nicht jener, den man unter die Kategorie der „im Guten verhärteten" einordnen kann. Nein! Der erste Mensch, der dem Gekreuzigten nicht mit Spott begegnet ist ein „Schächer". Und ihm – dem Verbrecher – gilt auch die erste Heiligsprechung der Kirchengeschichte: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein."
Was bedeutet dieser Akt für uns? Mit dieser Heiligsprechung schenkt uns doch Jesus – uns allen, die wir auch unsere Schwächen, unsere Laster, unsere Sünden, unter Umständen auch unsere Verbrechen haben – mit dieser ersten Heiligsprechung schenkt uns Jesus einen gewaltigen Überschuss an Hoffnung: Du kannst in deinem Leben, Du kannst mit deinem Versagen nicht so tief fallen, dass es für dich keine Hoffnung geben kann. Deswegen brauchst du auch nicht dein Versagen und deine Schwächen durch Zynismus vertuschen.
Liebe Schwestern und Brüder: Von seinem Ursprung her ist Christkönigsonntag ein politisches Fest – heute ist es ein Fest, das alle politischen und auch alle menschlichen Allmachtphantasien aus den Angeln hebt. Das wird wohl auch jene Phantasien betreffen, die im Umgang mit dem unsichtbaren Feind, mit dem Virus und mit dessen sichtbaren Opfern zum Vorschein kommen: im Umgang mit den Sterbenden und den Kranken, den an den Rand der Erschöpfung geratenden Pflegenden, den Politikern und Wirtschaftstreibenden, mit uns allen also. Mit uns, die wir uns auf diese oder jene Art und Weise von Allmachtphantasien verführen lassen und uns in unserer Hinfälligkeit nicht begreifen wollen. Jener Hinfälligkeit, die das entscheidende Grundfundament vor unsere Augen führt, das Fundament
auf dem unser Zusammenleben basiert. Das Fundament, das aus dem Reich Christi kommt, dem Reich, das ja nicht aus dieser Welt ist. Dieses Fundament ist mit der Botschaft des heutigen Festes identisch ist. Diese Botschaft ist denkbar einfach: die politischen Reiche kommen und gehen, die Mächtigen steigen auf und stürzen. Und auch die Katastrophen und Seuchen sind von dieser Welt. Menschen neigen deswegen zwar zum Zynismus und Rücksichtslosigkeit. Der gekreuzigte und verspottete König zeigt aber eine Alternative an. Und wieso? Das Kreuz stellt nicht nur das, was unsere Augen sehen: die Katastrophe einer scheinbar gescheiterten Lebensgeschichte und das Verbrechen, das an ihm geschieht. Das Kreuz hat auch einen tieferen Inhalt, den Inhalt, der sich den „Augen des Glaubens" erschließt, den Inhalt, der von der Haltung des Gekreuzigten abgeleitet wird. Es ist dies die Hingabe. Die Hingabefähigkeit und die Hingabebereitschaft des menschgewordenen Gottes in einer vom Spott, Zynismus, von Gewalt und Lüge, von Katastrophen und Epidemien beherrschten Welt. Das Kreuz zeigt die Hingabebereitschaft jenes Gottmenschen, jenes Königs, der bereit war alles zu geben. So gab er auch in seinem Sterben alles, ließ nicht nur den Spott zu, sondern auch die Verletzung der Integrität seines Körpers, gar seines toten Körpers. Die offene Wunde, die uns allen zum Symbol der Hingabe seines Herzen wurde und nur eines sagt: Der Gekreuzigte fiel in seinem Sterben tiefer, als der Mensch je zu fallen vermag, wurde deswegen zur Hoffnung nicht nur für den Mitgekreuzigten Verbrecher.
Was sagt uns also die Botschaft von seiner Hingabe heute? Auch wenn alles in Brüche zu gehen droht, eines bleibt: die Güte und die Hingabefähigkeit im Alltag. Oft übersehen, noch öfters belächelt und auch zynisch kommentiert, stellt die Hingabefähigkeit den größten Wert unseres Lebens dar und auch die deutlichste Spur der Gegenwart Gottes in unserer Welt.
Und weil eine Geschichte mehr sagt als eine allzu lange Predigt – nun eine Kurzgeschichte, die mir immer wieder zum Christkönigsonntag in den Sinn kommt, auch, oder weil sie zuerst den Blick von Golgota zu einem ganz normalen Alltag wendet:
Eines Tages ging der junge Bursche mit seinem Vater zu einem alten Bauer. Dieser wollte seine Milchkuh verkaufen. Der Vater fragte nach dem Stammbaum der Kuh. Der alte Bauer wusste nicht, wovon der Vater sprach. So fragte der Vater nach dem Fettgehalt der Milch. Der Alte Bauer sagte, er kenne dieses nicht. (es war auch ein Bauer von der alten Schule) Und wie viele Liter sind es pro Jahr? Total aus der Bahn geworfen, schüttelte der Bauer seinen Kopf und antwortete: „Ich weiß es wirklich nicht. Das Einzige, was ich weiß und ihnen auch zusichern kann ist, dass diese gutmütige alte Kuh wirklich gut sei und dass sie Euch ihre ganze Milch gibt. Einfach alles, was sie hat!" Das ist keine Allerweltgeschichte. Vor 68 Jahren, kurz nach seiner Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten, hat der damals 63-jährige Dwight D. Eisenhower bei seinem ersten Presseauftritt die Reporter mit dieser Kindheitserinnerung aus der Bahn geworfen. „Ich bin die alte Kuh", sprach er. „Und ich werde dem Land alles geben was ich habe!" Er gab auch alles, ist deswegen zu einem der beliebtesten Präsidenten amerikanischer Geschichte geworden.
Warum passt die Geschichte zum Christkönigfest? König hin, König her – darum geht es nicht. Was zählt, ist die Hingabefähigkeit und Hingabebereitschaft im politischen, im kirchlichen und auch im persönlichen Leben: Bereit sein zu geben, gar alles zu geben! Christus gab in seinem Leben und Sterben alles, aber auch wirklich alles. Deswegen – so werden die Zyniker und Spötter sagen – scheiterte er kläglich. Als Christen bekennen wir: er fiel tiefer als der Mensch je zu fallen vermag. Deswegen fängt er selbst die Zyniker und Spötter auf. Von den braven und halbbraven Alltagschristen schon ganz zu schweigen. Er fängt also auch mich auf und ruft mir heute zu: Du wirst mit mir im Paradies sein!

 

Prof. Józef Niewiadomski

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