Jahresschluss - Mach's wie Gott, werde Mensch!

Predigt zum Nachlesen von P. Bernhard Heindl SJ

Symbol

31. Dezember (Jes 11,1-11)

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

Weihnachtspost zum Jahresende, es ist nun schon einige Jahre her, ich ziehe die Karten aus den Kuverts: Alte Meister, Rogier van der Weyden, Anbetung der Könige, Albrecht Dürer, Die Geburt Christi, ... Abbildungen von Schnitz- oder Tonfiguren, die Heilige Familie, Hirten, Engel, einzeln oder in Chören, auf Fresken oder Ölgemälde, ... der Stern von Bethlehem in Stroh, als Aquarell ... und plötzlich ein Foto, ich kann es erst gar nicht mit Weihnachten in Verbindung bringen: Ein Jugendlicher in einem weißen T-Shirt, ... lächelnd, heiter, ... die Fäuste in die Hüften gestemmt, damit man die T-Shirt-Aufschrift gut lesen kann und da steht: Mach's wie Gott, werde Mensch!

Ich halte inne, darum geht's eigentlich, alle Jahre wieder: Es wie Gott mache, Mensch werden! So schlicht, so frisch formuliert und doch so anspruchsvoll! Wie oft bin ich, sind wir nur Schatten unserer selbst? Die Karte lässt mich nicht los, sie geht mit, nun seit Jahren. Ich weiß unterdessen, dass der Spruch vom emeritierten Limburger Bischof, Franz Kamphaus, ist. Ich mag diesen Bischof, er ist vielleicht der Reinhold Stecher Deutschlands.

Weihnachten, Fest der Menschwerdung, wie gut, am Jahresende sich zu fragen: Bin ich menschlicher geworden im zurückliegenden Jahr? Wir feiern eine Menschwerdung, aber wie sieht es mit meiner Menschwerdung aus? Hat meine Seele einen Jahresring an Menschlichkeit dazu gewonnen? Bin ich als Mensch gewachsen? Es sind drei Fragen, die ich mir wichtig geworden sind, für die Rückschau und auch als Vorsätze für das neue Jahr, denn Reifen verbinde ich mehr mit Vertiefung als mit ständigem Neuerwerb.

Die drei Fragen sind: 1. Bin ich liebevoller geworden? 2. Bin ich dankbarer geworden? 3. Bin ich gläubiger geworden?

1. Bin ich liebevoller geworden? - Wie merke ich das? Liebe hat mit Hingabe zu tun, sich geben, heraustreten aus Selbstliebe, Eigennutz. Leben wird schal, leer, wenn es nur um sich selbst kreist. Es kommt in jedem Leben der Moment, wo klar wird, dass Selbstgenügsamkeit nicht mehr genügt. Wir wollen uns geben, zur Gabe für andere werden, wer sich das verweigert, der verarmt seelisch.

Ich glaube, das ist der Fingerabdruck unseres Schöpfers auf unserer Seele, denn: Warum schafft der Schöpfer aller Ding überhaupt etwas? Für mich einzige Antwort: Aus Liebe, eine Notwendigkeit gibt es für ihn nicht, er tut es aus Liebe, der Schöpfer aller Ding und fortan ist er im Herzen aller Geschöpfe verwurzelt, der Hingabewunsch, das Von-sich-absehen-wollen. Nicht Angst haben, sich zu verschwenden, das ist Liebe, ein Zuwachs an Liebe.

2. Bin ich dankbarer geworden? - Dankbarkeit ist für mich zu einem spirituellen Schlüsselwort geworden. Dankbarkeit ist ein wunderschönes Gefühl, ein Geschenk! Aber Dankbarkeit ist nicht nur ein Gefühl, es ist auch ein Haltung, die man üben, einnehmen kann! Ein Gefühlsimpuls, wenn er echt ist, ist meiner Kontrolle entzogen, einfach da. Aber wie ich mich verhalten will, das bestimme ich selbst!

Ich wäre gerne eine dankbarer Mensch! Ich verspreche mir viel davon, die Haltung der Dankbarkeit einzuüben. Es gibt einen einfachen Wortdreher:
Weil ich glücklich bin, bin ich dankbar.
Weil ich dankbar bin, bin ich glücklich.
Weil ich glücklich bin, bin ich dankbar, das ist normal. Weil ich dankbar bin, bin ich glücklich, das ist die Übungsrichtung!

Queen Elizabeth II., ich liebe ihre Weihnachtsansprachen, sie hat 69 gehalten, man merkt einfach, sie weiß, wie es geht! Dieses Jahr sprach mich ihr Gedanke an:
Manche mögen sagen, Weihnachten ist eine Kinderangelegenheit. Ja, es kann sein, dass Weihnachten die Kinderseelen besser erreicht, weil sie leichter Freude an den einfachen Dingen des Lebens finden. - Mit dankbaren Augen durch das Leben gehen, die Spuren des Glücks nicht übersehen, sich freuen! Oder: Besser im Blick haben, was wirklich wichtig ist im Leben, z.B. gute Freundschaften! Letztlich ist es ja das, was wir mit unseren Weihnachtsgeschenken machen wollen, Beziehungen würdigen, bedanken und insofern ist es ein schöner Brauch.

3. Bin ich gläubiger geworden? - Sehe ich über die Jahre mehr Spuren Gottes in meinem Leben oder weniger? Wächst mein Urvertrauen oder bilde ich mich über die Jahre zum Seismologen aus, der überall Gefahr vermutet und allerorts Erschütterungen und Erdbeben voraussieht? Ein großes Ja zum Leben, ist auch ein großes Ja zu Gott. Wenn wir ja sagen zum Leben, dann arbeitet das Leben uns zu. Und Vertrauen ist kein passiver Zustand, es ist: Das jetzt Nötige erkennen und getrost handeln, weil mein Leben unterfangen ist von einer liebevollen, gütigen Macht, von Gott!

Vielleicht könnten wir uns da noch mehr helfen und uns auf Gott mehr aufmerksam machen. Sicher es braucht den richtigen Ton, aber mein Eindruck ist, wir schweigen zu oft über Gotteserfahrungen und dabei ist es ja oft so im Leben: Ist man erstmal auf etwas aufmerksam geworden, dann entdeckt man es hier, da und dort, ... also viel öfter als vermutet.

Ein neues Jahr kündigt sich an: Ein Lebensring, ein Wachstumsring an Menschwerdung schließt sich, ein neuer tut sich hoffentlich auf.
Menschsein, das Bild vom Baum gefällt mir insgesamt: Wir brauchen Wurzeln, Wurzelgrund und wollen uns zugleich entfalten, streben nach oben. Menschsein, Menschwerdung: Verwurzelt in Gott, sich entfalten, reifen, eine Krone ausbilden.

Vielleicht lässt sich das hoffnungsvolle messianische Bild aus Jesaja auch auf uns in der Nachfolge Christi übertragen: ... aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht. - Amen.

 

P. Bernhard Heindl SJ


Bild: Bernhard Heindl SJ

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