Österliche Augen in Zeiten der Schwarzseherei

Predigt zum Nachlesen von Prof. Józef Niewiadomski

Symbol

Er sei regelrecht erstarrt. Vor dem Gemälde. Der geniale russische Schriftsteller Fiodor Dostojewski bekennt, dass man, ja dass er selber, dabei sogar den Glauben verlieren könnte: bei der Betrachtung des Bildes: „Der tote Christus im Grab". Das Bild schockierte ihn, weil es dem schwer geprüften, zur Depressionen neigenden Menschen bloß pechschwarze Brille aufsetzte. Da sah er nur noch schwarz. Vor genau 500 Jahren durch den deutsch-schweizerischen Maler Hans Holbein, den Jüngeren gemalt, stellt das Bild geradezu den Inbegriff des Realismus und der Hoffnungslosigkeit zugleich. Die Verwesung des Leichnams hat bereits angesetzt. Man sieht es an den Zeh- und Fingernägeln. Die weit aufgerissenen Augen des Toten starren bloß auf die Grabesplatte. Die Botschaft ist klar: Es gibt ein Leben! Aber: bloß ein Leben vor dem Tod. Es Leben bloß im Diesseits. Da kann man den Tod nur noch als Erlösung vom Leid, als Erlösung von der Mühsal des Lebens erwarten. Und den eigenen Verwesungsgeruch durch Geschäftigkeit verdrängen. Kann man das Bild auch als Spiegelbild einer sich im Diesseits einschließenden Kultur verstehen, eines sich zunehmend säkularisierenden Alltags?

Liebe Schwestern und Brüder, zwei Jahre Pandemie haben vielen Menschen dunkle Brillen aufgesetzt (der Prediger setzt sich eine dunkle Sonnenbrille auf). Der Krieg in der Ukraine färbt diese Brillen gar pechschwarz. Es ist ja eine elend lange Zeit, die wir da durchmachen. Die Zeit, die uns Lockdowns, physische Distanz zueinander und den mentalen Tunnelblick bescherte. Wir essen Brot, oft gar das Brot des Luxus, aber wir leben vom Skandal. Was mit uns allen in dieser Zeit geschah, können wir nicht zuletzt an der Qualität der medialen Berichterstattung ablesen. Unser aller Alltag präsentiert sich dort als Jammern und Kritisieren. Und als Ausleeren von Schmutzkübeln. Auf dass wir den Verwesungsgeruch einer sich zersetzenden säkularisierten Kultur, einer Kultur, die die Hoffnung auf das Leben durch den Tod hindurch abgeschafft hat und bloß auf ihre eigene Grabesplatte starrt, auf dass die Menschen der Gegenwart diesen Verwesungsgeruch nicht riechen. Und wir? Die Christen? Christen, die ja so etwas, wie ein Sauerteig einer neuen Kultur sein sollten? Haben wir uns auch nicht solch pechschwarze Brille aufgesetzt? Brille, die den Nebel unserer Zeit zur pechschwarzen Nacht verwandeln? Wir sehen bloß schwarz, vor allem, wenn wir die kirchliche Gegenwart betrachten und beurteilen. Als eine Gegenwart, die dem Untergang zusteuert. Wir sehen schwarz, wenn wir uns an der Kirche bloß skandalisieren, diese gar im Grab ihres Versagens einsperren. Sehen wir aber auch nicht schwarz, wenn wir unsere eigenen Leiden, unsere Krankheiten, gar das Ziel unseres Lebens betrachten? Und nicht weiter sehen, als bloß die Grabesplatte?

Gleichen wir da nicht den Jüngerinnen und Jüngern am Karsamstag? Was ging es denn in ihren Köpfen vor sich? „Alles im Eimer". Pläne und Hoffnungen zerplatzten wie eine Seifenblase. Der Geist der Verzagtheit, der Geist der Anschuldigung bemächtigte sich ihrer. Der Abendmahlsaal, in dem sie sich eingesperrt haben, als Vorstufe des Grabes. Man starrt auf die Tür, wie der tote Christus auf die Grabesplatte starrt. Oder: man setzt sich dunkle Brille auf, um den anderen nicht in die Augen zu schauen, sein eigenes Entsetzen, seine eigene Trauer zu verbergen.

Und nun stellen Sie sich Maria von Magdala vor als sie gesehen hat, dass die Grabesplatte weg und das Grab leer ist. Stellen sie sich vor die Augen von Petrus und Johannes als sie zum Grab kamen. Augen weit aufgerissen vor Angst und Schrecken. Immer und immer wieder heißt es in den Evangelien, die Frauen, die Jünger standen ratlos da. Sie gerieten in Furcht und Schrecken. Augen erstarrt, oder verrotzt. Sie verstanden es nicht. Es erging ihnen so, als ob ihr geistiges Auge durch eine pechschwarze Brille verdeckt worden wäre. Und die Botschaft: „er lebe"? „Wie soll ich Ihm in die Augen schauen?", dachte Petrus, der Jesus dreimal verleugnete. „Wie sollen wir ihm in die Augen blicken?", dachten wohl alle Jünger, die in der Situation der Not weggerannt sind. „Am liebsten würde ich mir eine Sonnenbrille aufsetzen, weil ich mich schäme. Weil ich durchschaut worden bin."

Und ER? Jesus selber? Was macht er denn (in der Fortsetzung unseres heutigen Evangeliums)? „Maria! Maria!" Er nennt die Frau, deren Augen von Tränen verrotzt sind – jene Augen, die schon so viel Not gesehen haben, deswegen mit allen möglichen Brillen verdeckt wurden: mit den dunklen Brillen der Verstellung und Verbitterung, mit den rosaroten Brillen oberflächlicher Heiterkeit, mit den schwarzen Brillen der Anonymität – er nennt sie beim Namen, baut also die Brücke über den Abgrund des Todeserfahrung auf. Und sie erkennt ihn! Sie erkennt ihn, weil er ihr die pechschwarzen Brillen der abgrundtiefen Trauer abgenommen (der Prediger setzt die dunkle Sonnenbrille ab) und ihr „österliche Augen" geschenkt hat. Sie erkennt ihn also nicht, weil sie sich selber in ihrer Not billige „rosarote Brille" zugelegt hat. Sie erkennt ihn, weil sie sich auf jene Brücke wagt, die der himmlische Vater und der Auferstandene selber gebaut haben. Sie betritt jene Brücke, die über dem Abgrund des Todes zum Leben durch den Tod hindurch führt. „Friede sei mit euch!", sagt Er immer und immer wieder zu den entsetzten Jüngern. Als erster reicht er die Hand, baut auch hier die Brücke auf, versöhnt sich mit den Versagern und den Verrätern. Er macht es möglich, dass sie ihm nun in die Augen schauen können, nimmt also auch ihnen die dunklen Brillen ab und schenkt ihnen die „österlichen Augen", so dass sie ihn als Auferstandenen wiedererkennen.

Ostern 2022 – Ostern in einer schwierigen Zeit, der Zeit der Pandemie und des Krieges, Ostern in einer Zeit, in der unsere säkularisierte Kultur, aber auch wir Christen bloß einen Tunnelblick auf unseren Alltag haben und sehr oft auch nur auf die eigene Grabesplatte starren – dieses Ostern schenkt uns die „österlichen Augen". Und was ist das? Gerade im Alltag? Es sind dies zuerst Augen, die nicht fixiert bleiben auf die Grenze, auf die Grenze des eigenen Versagens, und auch nicht auf die Grenze des Versagens unserer Mitmenschen. Es sind dies Augen, die nicht fixiert sind auf die Sackgassen des Alltags, nicht fixiert sind auf die Grenze Todes. Es sind dies also Augen, die nicht bloß starren auf die Grabesplatte, wie es der tote Christus auf dem Gemälde von Hans Holbein tut. Es sind dies Augen, die das Jenseits erblicken: das Jenseits der Grenze, das Jenseits des Versagens, das Jenseits der Angst, das Jenseits der Sünde und des Skandals, das Jenseits der Sackgassen, ja: sie erblicken gar das Jenseits des Todes. „Österliche Augen" erblicken unser aller Ziel, sie erblicken das Ziel gar im Nebel und der Dunkelheit des allzu oft schweren Alltags, helfen uns so tagtäglich die Lasten des Lebens zu tragen. Möge die Feier der Eucharistie an diesem Ostersonntag uns die dunklen, oft die pechschwarzen Brillen, die uns der Alltag aufgedrängt hat, abnehmen und uns die wiederum die „österlichen Augen" schenken.

Liebe Schwestern und Brüder, viele werden sagen, es ist leicht darüber zu predigen. Das Leben sieht halt anders aus. Eine alte Legende sagt, dass sogar die Jünger im Himmel sich mit der Tiefe dessen, was „österliche Augen" bedeuten, schwer taten. Und wie dies?
Es ist Ostersonntag. Die himmlische Gemeinschaft sitzt beim Tisch. Das Mahl hätte auch schon längst beginnen sollen. Langsam werden die Gäste ungeduldig. Doch Jesus wartet. „Worauf wartet er noch?", denkt sich der eine oder andere Heilige. „Die Christen auf Erden sind schon lange beim Nachtisch." Plötzlich geht die himmlische Tür auf. Draußen steht Judas. Alles erstarrt. Die Spannung steigt. Man könnte eine Nadel fallen hören. Die Apostel werfen einander eindeutige Blicke zu: „Was will das Schwein hier?" Jesus strahlt Ruhe aus. Steht auf und geht auf Judas zu. Nimmt ihn bei der Hand und sagt: „Auf Dich habe ich gewartet!" Und dann ruft er in den Raum hinein: „Nun können wir beginnen. Mit dem Ostermahl."

Die österliche Initiative Jesu, Judas auf diese Weise in die himmlische Gemeinschaft zu integrieren, lässt sich rein menschlich kaum begreifen. Sie ist auch im wahrsten Sinn des Wortes göttlich. Gott kann ja auf krummen Zeilen gerade schreiben. Sogar auf den krummsten! Nicht nur auf den Zeilen, die das Versagen schreibt. Selbst auf jenen, die der abgründige Hass diktiert. Die Auferstehung Jesu wandelt aber all das Krumme. Selbst der Tod wird in die Schranken gewiesen. Das Wunder der Auferstehung sprengt alle rational nachvollziehbaren Gesetzmäßigkeiten, ist nicht rational. Dieses Wunder sprengt die Grabesplatte, auf die der tote Jesus auf dem Gemälde von Holbein starrt. Es sprengt die Grabesplatte und gerade deswegen vermag dieses Wunder auf eine neue Weise die Größe des Menschen zu begründen. Nicht nur die Größe Jesu selbst. Die Größe Eines jeden Menschen. Selbst desjenigen, dessen Leben im Desaster endete!

 

Prof. Józef Niewiadomski


Bild: Amanda Dalbjorn via unsplash.com

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