Fußwaschung

Predigt zum Nachlesen von P. Thomas Hollweck SJ

Symbol

Gründonnerstag 2022

Links und rechts. Oben und unten. Außen und innen. Vorne und hinten. Wir haben viele solcher Begriffspaare. Immer zwei Möglichkeiten. Unser Gehirn denkt viel in solchen dualen Strukturen. Das hilft uns, uns im Raum zurechtzufinden. Ich gehe hinein in den Raum oder hinaus. Ich gehe auf jemanden zu oder weg. Das hilft uns räumlich gesehen.

Aber auch in einem übertragenen Sinn denken wir dual. Richtig oder falsch. Schwarz oder weiß. Tag oder Nacht. Himmlisch oder irdisch. Gut oder böse. Freund oder Feind. Ja oder nein. Wenn als Basis da schon mal einiges klar ist, dann haben wir eine Grundorientierung, die wir brauchen um uns zurechtzufinden.

Aber dann gibt es Dimensionen in unserem Leben, wo das nicht reicht. Allein dass wir uns zurechtfinden in dieser Welt, reicht nicht aus. Wenn es um das Gute, Schöne, Wahre geht. Wenn es um die tieferen Fragen unseres Lebens geht. Wenn es um Sinn und Erfüllung geht. Wenn es um Glauben, Hoffen, Lieben geht.

Stellen wir uns vor, jemand steht sehr früh auf, wenn es noch dunkel ist und er geht in die Natur hinaus. Ganz langsam wird es heller. Irgendwann gibt es einen Moment, wo es noch nicht wirklich Tag ist, aber wo es auch nicht mehr ganz Nacht ist. Meistens ist das ein ganz besonderer Moment: von den Farben her, aber auch vom inneren Erleben: ich bin sehr wach dabei, sehr präsent.

Oder: Wir gehen in eine Kunstausstellung, eine Bildergalerie, eine Kirche mit Glasfenster. Von Chagall vielleicht. Kategorien wie richtig oder falsch, schwarz oder weiß, vorne oder hinten reichen da nicht. Farben und ästhetische Eindrücke lassen sich nicht so leicht (dual) ausdrücken. Farben können mich berühren. Wie ließe sich das in Worten ausdrücken?

Zwei Menschen lernen sich immer mehr kennen. Immer mehr lieben. Sie entscheiden sich für eine Partnerschaft. Für intime Beziehung und Begegnung. Das Buch Genesis würde sagen: Die beiden werden nicht mehr zwei sein, sondern ein Fleisch. – Eine ganz andere Wirklichkeit entsteht.

Heute ist Gründonnerstag. Ein Tag für eine ganz andere Wirklichkeit. „Da er die Seinen liebte, die in der Welt waren, liebte er sie bis zur Vollendung."
Die Liebe überschreitet alle Kategorien von links und rechts, von Gut und Böse, von Schwarz und Weiß, sogar die Kategorie von Göttlich und Menschlich, von Himmel und Erde.

Das wird uns an diesem Tag auf zwei Weisen vermittelt. Zwei Szenen oder Bilder sprechen dieses „Überschreiten" an / dieses „Transzendieren".

Jesus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest wie Gott zu sein. Er entäußerte sich und wurde wie ein Mensch. Diese göttliche Herunterbewegung aus Liebe wird in der Fußwaschung nochmal ganz deutlich. Jesus zieht sein Obergewand aus. Er beugt sich. Er dient den anderen. Da, ganz unten, am Boden unserer eigenen Tatsachen begegnet er den Seinen, begegnet er uns. Sollten wir mal ganz unten sein, könnte es passieren, dass wir mit ihm auf Augenhöhe kommen. Um Gott zu begegnen in Jesus Christus, dürfen wir auf dem Boden bleiben, wir müssen nicht erst in einen Himmel abheben, dessen Beschaffenheit uns noch fremd ist. Ganz unten, auch dort, wo wir anderen geerdet begegnen, kann uns die göttliche Gegenwart, die göttliche Liebe entgegenkommen.

Und dann das letzte Abendmahl. Letztlich die gleiche Botschaft. Nehmt und esst, das ist mein Fleisch. Nehmt und trinkt, das ist mein Blut. Ich schenke mich Euch ganz – aus Liebe. Dieses Stück Brot, das wir in der Kommunion empfangen. Ist es einfach nur Brot? Oder begegnet uns Jesus Christus, der Heiland, der Erlöser der Welt, göttliche Wirklichkeit? Wenn wir dual denken, werden wir diese Frage nicht beantworten können. –

Wenn wir die Zusammenhänge des Lebens Jesu betrachten, wie er gesprochen hat und Menschen begegnet ist, wie er Sündern verzeiht und Ausgestoßene annimmt, wie er sein Leben verschenkt, was wir in diesen Tagen erinnern, dann werden wir eine Ahnung bekommen. Ja, es ist ein Stück Brot und ja, da steckt die ganze Liebe Jesu Christi drin. Er für mich – jetzt – ganz einfach, am Boden meiner Existenz.

Jesus Christus, Deine Menschlichkeit zeigt uns das göttliche Angesicht.
Dein irdisches Wirken verkündet uns das Himmelreich.
Gott und Mensch durch dich versöhnt.
Himmel und Erde in dir berührt.

 

P. Thomas Hollweck SJ


Bild: Fußwaschung, Padua

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