Einheit in Christus

Predigt zum Nachlesen von P. Robert Deinhammer SJ

Symbol

Gal 3,26-29; Lk 9,18-24

Wir Menschen haben manchmal Identitätskrisen, als Gemeinschaften und auch als Einzelne. Worüber sollen wir uns definieren? Was bestimmt unsere Identität?
Was macht uns aus? Ist es unsere kulturelle oder ethnische Herkunft oder unsere Staatsangehörigkeit? Oder unser Geschlecht und unsere sexuelle Orientierung? Ist es unser Geld, das jetzt immer weniger wert wird? Oder sind es doch eher unsere anerkannten Leistungen in Beruf und Familie? Müssen wir uns unsere Identität erarbeiten?
Menschen definieren sich über ganz unterschiedliche Dinge. Und Menschen werden auch bestimmt durch ganz unterschiedliche Dinge. Niemand hat sich die Familie oder Kultur ausgesucht, in die er hineingeboren wurde. Jeder kommt mit bestimmten Anlagen und Begrenzungen zur Welt. Unterschiede machen das Leben bunt und vielfältig, aber es gibt auch Ungleichheiten, die nicht gut sind, Ungleichheiten, die die einen auf Kosten der anderen einseitig privilegieren, Ungleichheiten, unter denen Menschen leiden müssen.

Im Galaterbrief haben wir heute eine erstaunliche Aussage gehört; verglichen damit wirken alle politischen Utopien wie kalter Kaffee. Paulus sagt: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus."
Das ist doch mal etwas wirklich Radikales, oder? Aber wie kann man das verstehen? Paulus kann ja nicht im Ernst meinen, dass Glaubende ihre Individualität verlieren, dass Männer nicht mehr Männer und Frauen nicht mehr Frauen sind. Oder war Paulus vielleicht ein Anhänger der Gendertheorie? Nein, gemeint ist vielmehr: Alle innerweltlichen Unterschiede zwischen den Menschen wie Herkunft, Nationalität, ökonomischer Status und Geschlecht werden durch den Glauben relativiert. All diese Dinge machen nicht die eigentliche Identität der Glaubenden aus, und sie eignen sich auch nicht mehr dazu, sich von anderen abzugrenzen oder andere auszugrenzen. Denn: „Ihr alle seid durch den Glauben Söhne (und Töchter) Gottes in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen."

Als Glaubende haben wir Anteil an der Sohnschaft Jesu. Jesus Christus ist mit dem Heiligen Geist gesalbt, er ist der von Ewigkeit her geliebte Sohn des Vaters. Und er hat eine menschliche Natur angenommen, um uns in menschlichem Wort zu sagen, dass wir mit ihm und um seinetwillen vom Vater geliebt sind, mit ein und derselben Liebe. Wir sind Leib Christi. Das ist unsere wahre Identität, das ist es, was uns im Letzten ausmacht, dass wir gemeinsam mit Jesus von Gott geliebt sind. Dass wir uns gar nicht sozusagen selber am Schopf aus dem Sumpf ziehen müssen, dass wir gar nicht uns selber unbedingt möglichst schätzenswert machen müssen, sondern dass wir davon ausgehen, dass wir im Letzten geborgen sind. Hier und jetzt. Geschehe, was auch immer geschehen mag. Alles andere ist zweitrangig.
Dass ein solcher Glaube auch politische und gesellschaftliche Auswirkungen hat, versteht sich von selbst. Unsere Mitmenschen, Freunde wie Feinde, sind keine Biomaschinen, die schon bald verrotten werden, sondern Kinder Gottes, berufen zu ewiger Gemeinschaft mit Gott.

Jesus ist gekommen, um uns Gemeinschaft mit Gott zu schenken. Etwas Größeres kann es nicht geben. Deshalb ist er der Christus, der Messias, der endgültige Heilsbringer. Aber er ist ein anderer Christus, als viele sich ihn vorgestellt haben. Er ist kein Sieger im weltlichen Sinn, kein Machthaber, sondern einer, der durch Leid und Tod hindurchgeht, einer der sein Leben einsetzt für andere. Seine Gottessohnschaft ist nur für die Augen des Glaubens erkennbar. Und sein Tod am Kreuz stellt alle unsere selbstgemachten Gottesvorstellungen in Frage. Die Gegenwart Gottes in der Welt verbirgt sich in einer schwachen menschlichen Gestalt, im Leid, im Kreuz. Das war für die Juden damals ein empörendes Ärgernis und für die Griechen Torheit. Und heute ist es natürlich auch nicht anders.

Jesus durchkreuzt unsere Vorstellungen und Erwartungen, was er sagt, ist auf den ersten Blick paradox: „Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten." Das wahre Leben und unsere wahre Identität ist in Jesus Christus zu finden, seinem Wort dürfen wir rückhaltlos vertrauen. Und das führt uns dann nicht weg von der Welt, sondern macht uns erst fähig, wirklich menschlich zu leben, liebevoller, freier, mutiger, so wie Jesus. Das wahre Leben ist ein Leben in der Hingabe an Gott und an die Menschen, auch wenn es schwierig wird, auch wenn man dabei Ablehnung erfährt. Man muss dann nicht mehr Böses mit Bösem vergelten. Kreuzesnachfolge bedeutet genau das.

Aber ist das wirklich lebbar? Wenn ich auf mich selbst schaue, habe ich so meine Bedenken. Da hilft mir der Blick auf Petrus. Auch Petrus hat wohl lange gebraucht, um Jesus wirklich zu verstehen, es war ein Auf und Ab. Um sein Leben zu retten, hat er nicht sich, sondern Christus dreimal verleugnet, aus Angst. Aber dann war er auch ein Zeuge des Auferstandenen. Er hat gelernt, aus der Vergebung Gottes zu leben. Er hat sich für den Glauben eingesetzt. In seinem eigenen Martyrium am Kreuz war er Christus vielleicht ähnlicher als je zuvor. Darum geht es wohl: nicht auf sich selbst schauen, sondern auf Jesus Christus. Und trotz allem immer wieder neu anfangen mit dem Vertrauen auf das Evangelium.

Amen.

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