Das Reich Gottes ist nahe.

Predigt zum Nachlesen von Prof. Liborius Lumma

Symbol

Evangelium: Lk 10,1–12.17–20

Liebe Schwestern und Brüder,

das heutige Evangelium erinnert auf den ersten Blick daran, wie fern die Welt der Bibel doch von der unsrigen ist. Wenn von – nun ja – eher schlecht als recht vorbereiteten Zweiergruppen gesprochen wird, die durch die Dörfer und Städte wandern, Heilungswunder vollziehen, Skorpione zertreten und den Menschen auf ihrer Wanderschaft merkwürdige Botschaften und horrende Flüche entgegenschleudern, dann hört sich das bestenfalls nach einer mythologischen Geschichte auf der großen Kinoleinwand an, die ganz gewiss nicht unter uns und schon gar nicht in unserer Zeit spielt.

Die Bibel ist nicht dazu da, unserer Erwartungen zu erfüllen, sondern sie verlangt im Gegenteil, dass wir uns in sie hineinbegeben, so wie in ein Kunstwerk, in Poesie oder in eine fremde Sprache, die wir erst erlernen müssen.

Andererseits: Sind nicht auch unsere eigenen Träume und Alpträume, unsere Literatur und Symbolwelt, unsere Sprichworte und Fantasien voll von drastischen Bildern und Überzeichnungen – etwa wenn wir versuchen, unsere tiefsten Hoffnungen, unsere erschütterndsten Ängste, unsere prägendsten Erinnerungen und unsere sehnsüchtigsten Wünsche in Worte zu kleiden? Vielleicht ist die Bibel uns also gar nicht so fremd wie es auf den ersten Blick scheint.

Die Verkündigung Jesu im heutigen Evangelium ist apokalyptisch. Nun bedeutet Apokalypse nicht, dass gleich an jeder Ecke Feuersbrünste und Erdbeben ausbrechen. Das sind nur die Bilder, mit denen apokalyptische Vorstellungen ausgedrückt werden. Worum es dabei im Letzten geht, ist die Endlichkeit der Zeit. Es gibt eben manches, das keinen Aufschub duldet, denn schon morgen könnte es zu spät sein. Immer wieder erleben wir, dass wir die Vergangenheit nicht mehr ändern können: Wenn der Mensch, mit dem wir noch etwas klären müssen, plötzlich verstirbt. Wenn der Blick in den Spiegel zeigt, dass wir nicht mehr unser ganzes Leben vor uns haben. Wenn wir Fehler bereuen, die wir nicht mehr aus der Welt schaffen können.

Das erklärt vielleicht diese eigenartigen Weisungen Jesu, kein Geld und kein Gewand zum Wechseln mit auf die Reise zu nehmen und niemanden zu grüßen. Das ist kein Aufruf, unvernünftig zu sein und sich in unnötige Gefahren zu begeben. Es gibt genügend andere Stellen in den Evangelien, in denen Jesus zur Klugheit mahnt. Das heutige Evangelium drückt vielmehr in drastischen Bildern aus, dass wir keine Zeit zu verlieren haben.

Jesus schickt zweiundsiebzig auf den Weg, und zwar immer zu zweit. Es gibt in der neueren Forschung die Vermutung, dass es sich dabei um Ehepaare gehandelt hat. Aber selbst wenn das nicht so sein sollte: Menschen, die zu zweit agieren, können einander Halt und Stärkung geben, und sie bremsen einander, wenn einer dazu neigt, übers Ziel hinauszuschießen und in seinem Urteil zu vernebeln. Insofern ist auch im heutigen Evangelium der Hausverstand durchaus im Spiel.

Dass es gerade zweiundsiebzig sind, ist auch kein Zufall, sondern eine Fortführung des Alten Testaments, wonach 72 Älteste (später auch zu 70 abgerundet) eine Art Senat des Volkes Israel bildeten. Jesus ruft die Zahl 72 ins Bewusstsein: sie steht für die Ordnung des Volkes Gottes. Bei Jesus hat diese Ordnung einen neuen Namen, der für seine Verkündigung zentral ist: „Reich Gottes".

Im Reich Gottes ist – um es mit den Worten Jesu zu sagen – der Satan vom Himmel gefallen; die Namen derer, die zu Jesus gehören, sind hingegen im Himmel verzeichnet. Die Vollmacht, auf Schlangen und Skorpione zu treten, und die Zusage „nichts wird euch schaden können", kennen wir ebenfalls aus dem Alten Testament, besonders aus Psalm 91, der wortgewaltigen und von starken Bildern durchzogenen Betrachtung des allumfassenden Schutzes Gottes.

Nun erkranken, verunfallen und sterben Christen genauso wie alle anderen Menschen, aber Jesus sagt: Hinter all dem steht eine Wirklichkeit, die größer ist und der wir vertrauen dürfen. All das Böse in der Welt mag sich abstrampeln, so sehr es auch will, es wird am Ende vergehen. Deswegen kannst du nun tun, was getan werden muss; warte nicht, zögere nicht. Wo immer Gutes geschieht, hat das Reich Gottes schon begonnen.

 

Prof. Liborius Lumma

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