Überraschendes rund um die Taufe Jesu

Predigt zum Nachlesen von Prof. Nikolaus Wandinger, 8. Jänner 2023

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Lesungen: Jes 42,5a.1-4.6-7; (Apg 10,34-38); Mt 3,13-17

Liebe Gläubige,

auf den längstmöglichen Advent folgt dieses Kirchenjahr eine kurze liturgische Weihnachtszeit: sie endet heute mit dem Fest Taufe des Herrn. Wir springen vom Kind in der Krippe zum erwachsenen Mann, der aber noch ein unbeschriebenes Blatt ist: noch keine Jüngerinnen und Jünger, noch keine Predigt und Botschaft. Dieser Jesus kommt nun an den Jordan zu Johannes, um sich taufen zu lassen. Das ist unter mehrfacher Rücksicht überraschend.

Zum einen ist die bloße Tatsache, dass Jesus sich taufen lassen will, überraschend. Johannes weigert sich daher zunächst. Denn seine Taufe ist eine Taufe der Umkehr und Buße für sündige Menschen. Vor ihm steht aber – so seine Wahrnehmung und die christliche Überzeugung – ein absolut sündenreiner Mensch. Indem Jesus sich bei Johannes zur Taufe anstellt, reiht er sich in die Schar der Sünder und Sünderinnen ein, solidarisiert sich mit ihnen, ja wird einer von ihnen – und zwar nicht, indem er selber sündigt, sondern indem er als Sündenloser sich mit ihnen verbindet. Er tut damit das Gegenteil von dem, was die meisten Menschen oft tun: Die meisten sündigen, wollen sich selber trotzdem als Gerechte verstehen und suchen dann die Schuld bei anderen. Jesus sündigt nicht, rühmt sich deshalb aber auch nicht, sondern solidarisiert sich mit jenen, die gesündigt haben. Das, sagt er zu Johannes, sei notwendig um die Gerechtigkeit ganz zu erfüllen. Beim wirklich gerecht Sein, geht es nicht darum, keine Sünde zu haben; um wirklich gerecht zu sein muss man sich mit jenen solidarisieren, die sündig sind, und man muss umkehren wollen. Das ist die erste Überraschung.

Die zweite Überraschung: Gerade in diesem Moment der Solidarisierung öffnet sich der Himmel, der Heilige Geist kommt auf Jesus herab und eine himmlische Stimme verkündet „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe." Das muss für Jesus ein herausragender Moment gewesen sein: Er bekommt hier von außen zugesagt, wer er ist; und damit auch, was seine Sendung, seine Aufgabe in der Welt ist. Es ist nicht so, dass ihm da etwas völlig Neues mitgeteilt wird. Er hat das schon immer gespürt, irgendwie gewusst. Aber es ist doch etwas anderes, ob man so etwas in sich selbst spürt und empfindet oder ob man es von außen gesagt bekommt. Wenn wir verliebt sind und spüren, dass uns jemand zurückliebt, ist das ein wunderschönes Gefühl; wenn uns dieser jemand aber auch noch sagt „ich liebe dich", bekommt es eine neue Qualität: mein inneres Empfinden, meine Wahrnehmung wird bestätigt und quasi offiziell. So ähnlich muss das auch bei Jesus gewesen sein: „Dieser ist mein geliebter Sohn." Nicht nur irgendwer sagt das, sondern eine Stimme aus dem Himmel. Wenn die eigene Selbstwahrnehmung und der göttliche Zuspruch so übereinstimmen, muss das eine überwältigende Bestätigung sein: eine Bestätigung von Identität und Sendung für Jesus.

Aber, und das ist das Aufregende für uns, Jesus hat uns durch seine Menschwerdung und seine Solidarisierung mit den Sünderinnen und Sündern zu seinen Geschwistern gemacht. Jesus ging es nie um eine Sonderstellung, sondern er wollte sich von Anfang an mit allen Menschen verbinden und auch sie zu Söhnen und Töchtern Gottes machen (vgl. Röm 8,15; Gal 4,6) – und damit auch jedem Menschen eine eigene Sendung oder Berufung in der Welt geben. Als Christinnen und Christen dürfen wir uns dessen bewusst sein: In der Nachfolge Christi gibt es für jede und jeden von uns eine Sendung. Auch für uns ist es wichtig, dass wir diese Sendung von anderen bestätigt bekommen: von Menschen, die uns sagen: ja, dafür bist du geeignet, das ist dein Charisma, das ist die Art und Weise, wie du deine Nachfolge gut leben kannst. Um so schmerzlicher ist es, dass manchen Menschen diese Anerkennung von der Kirche verweigert wird und bestimmte Wege der Nachfolge ihnen so verschlossen bleiben. Hier muss sich die Kirche fragen, ob sie nicht dem Geist Gottes im Wege steht, der in diesen Menschen diese Sendung erweckt.

Andererseits: Es ist gar nicht so leicht herauszufinden, was genau man tun soll, auch wenn man eine Bestätigung seiner Sendung erhalten hat. Jesus selbst ist es so ergangen. Unser heutiger Evangelienabschnitt endet mit der Stimme aus dem Himmel. Matthäus fährt dann aber unmittelbar fort, dass der Geist, der soeben auf Jesus herabgekommen ist, ihn in die Wüste führt, wo er vom Teufel in Versuchung geführt wird. Auch das ist überraschend: Auf die große Bestätigung folgt sogleich die Versuchung.

Jesus muss sich unter der Führung des Heiligen Geistes zurückziehen, eine Wüstenerfahrung machen, um zu eruieren, was es denn genau bedeutet „Sohn Gottes" zu sein. Was gehört denn alles zur Sendung dieses Sohnes? Die Lesung aus Jesaja sagt natürlich einiges darüber: Das geknickte Rohr nicht zerbrechen, den glimmenden Docht nicht auslöschen, blinde Augen öffnen, Gefangenen die Freiheit bringen und zum Bund für das Volk werden – all das wird Jesus tun. Und doch ist die genaue Erfindung der Ausgestaltung seiner Sendung nicht möglich, ohne dass er sich zurückzieht und dabei auch in Versuchung gerät. Die drei Versuchungen, von denen Matthäus berichtet, werden jedes Mal mit den Worten „Wenn du Gottes Sohn bist" eingeleitet und dann wird eine falsche Folgerung aus diesem Gottes-Sohn-Sein gezogen, die Jesus als Versuchung zurückweist. Am ersten Fastensonntag werden wir Genaueres über diese Versuchungen hören, aber schon heute möchte ich auf diese überraschende Wendung hinweisen: Die tiefste Bestätigung als Sohn Gottes, die Jesus gerade bei seiner Taufe erfahren hat, wird nur wenig später zum Anknüpfungspunkt der Versuchung: Wenn du Gottes Sohn bist, dann tu doch dies und jenes.

Auch das ist den meisten Menschen nicht fremd, denke ich: Sie haben ihre Sendung erkannt und beginnen sie mit großem Enthusiasmus, und dann tappen sie in die Falle einer Versuchung, die mit dieser Sendung verbunden ist. Menschen, die Eltern werden, und erkennen, dass dies – jedenfalls für die nächsten zwei Jahrzehnte – wichtiger Teil ihrer Sendung ist, und dann, gerade weil sie es gut machen wollen, zu Helikoptereltern werden, die es ihren Kindern schwer machen selbständig zu werden. Männer, die sich zu einem Dienst in der Kirche weihen lassen, und in dieser Sendung andere Gläubige entmündigen und bevormunden, weil sie es gut meinen, aber nicht bemerken, dass sie Grenzen überschreiten. Die Versuchung kommt gerne in frommer Verkleidung und sie kommt gern dann, wenn Menschen sich darüber klar werden wollen, was ihre von Gott gegebene Sendung genauer bedeutet und beinhaltet. Wir brauchen einerseits – wie Jesus – eine Zeit des Rückzugs, um uns darüber klar zu werden; und wir sind – viel mehr noch als er – gerade in dieser Zeit in Gefahr, einer frommen Versuchung zu erliegen. Darum ist es so wichtig, etwa in Exerzitien eine gute Begleitung zu haben, und darum warnt der heilige Ignatius davor, in den Exerzitien vorschnell Gelübde zu machen, wenn man eine Erfahrung des Trostes und der Nähe Gottes hat (vgl. Geistliche Übungen Nr. 14). Der Gründer der Jesuiten wusste genau um die Gefahr, dass sich die Versuchung unter dem Deckmantel des Guten anschleicht, vor allem dann, wenn Menschen überlegen, wie sie dem Ruf Gottes konkret nachkommen können.

Die Taufe Jesu und die Ereignisse danach zeigen uns also: Durch Jesu Solidarisierung mit Sünderinnen und Sündern sind wir Töchter und Söhne Gottes, eines Vaters, der uns innig liebt und uns in unserer Taufe, aber auch in anderen Erfahrungen unseres Lebens diese Liebe ausdrücklich zusagt trotz all unserer Fehler. Fehler einzugestehen und umzukehren ist daher keine Schwäche, sondern geschieht in der Kraft Gottes. Als Söhne und Töchter Gottes haben wir eine Sendung in dieser Welt: Letztlich geht es dabei darum, diese Liebe Gottes in der Welt wirksam werden zu lassen – und doch ist die konkrete Ausgestaltung dieser Sendung bei jedem Menschen anders und einmalig. Hüten wir uns aber vor der Versuchung, die gerade dann auftritt, wenn wir besonders eifrig und fromm sein wollen, indem wir den Blick weiten auf die Bedürfnisse und Sorgen und die Wahrnehmung anderer Menschen – anderer Kinder Gottes.

 

Prof. Nikolaus Wandinger


Bild: Janko Ferlic via unsplash.com

 

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