Auch ich kannte ihn nicht

Predigt zum Nachlesen von P. Bruno Niederbacher SJ, 15. Jänner 2023

Symbol

Bei einer geistlichen Übung sollte ich mir vorstellen, wie ich mit offenen Händen vor dem Herrn verweile und ihm alles hinhalte, was sich im Laufe meines Lebens so angesammelt hat: Erfolg, Scheitern, Gedanken, Wertvorstellungen, aber auch Beziehungen, die mir viel bedeuten. Es könne sein, so ging die Übungsanleitung weiter, dass der Herr mich ansieht und sagt: „Mensch, du hast viel." „Ja," sage ich, „ich habe sehr viel, vielleicht mehr als mir bewusst ist." Und ich sollte mir ferner vorstellen, dass er sagt: „Bist du einverstanden, dass ich dies Eine herausnehme?" Da stieg eine gewisse Angst in mir auf. „Herausnehmen? Will er mir etwas wegnehmen? Was wohl? Wurde Menschen nicht schon oft das Liebste weggenommen?" Ich spürte die Neigung, meine Hände zu schließen. Und mit Johannes dem Täufer sollte ich heute sagen: „Auch ich kannte ihn nicht."

Johannes stellt ihn mit den Worten vor: „Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinweg nimmt." Diese Vorstellung wäre Antwort genug auf meine Frage: „Was will er mir wegnehmen?" „Nicht das Liebste," sagt Johannes der Täufer, „sondern die Sünde der Welt" – und meine Sünde. Die Sünde wurzelt in einer falschen Gottesvorstellung, die mir in den Knochen steckt: dass Gott es nicht gut mit mir meinen könnte. Dieses Misstrauen, das Adam und Eva und alle ihre Kinder dazu verleitet, sich vor Gott zu verstecken, das ist die Sünde der Welt, die Sünde, die hinter meiner Angst steckt. Jesus will sie hinweg nehmen. Aber wie? Indem er uns von Gott Kunde bringt: Wie er ist. Wie ist er? Ich greife zwei Aspekte aus dem heutigen Evangelium heraus:

Erstens: „Johannes sah Jesus auf sich zukommen." Das ist eine Vorstellung Gottes, die sich bei Jesus durchzieht: in seinem Leben, in seiner Verkündigung, in seinem Tun, in seinem Sterben, in seinem Auferstehen: Gott kommt auf uns zu. Wie der gute Hirt. Er sucht das verlorene Schaf, bis er es findet. Wie der barmherzige Vater. Er sitzt nicht zu Hause und sagt: „Wenn der Herr Sohn etwas will, soll er gefälligst zu mir kommen." Nein! Der Vater geht auf ihn zu, läuft ihm geradezu entgegen. Jesus vermittelt uns diese Geste Gottes bis zum Ende. Bis zum Tod am Kreuz symbolisiert er diese offenen Arme. Und so versuche ich mein Leben zu verstehen, auch das Schwere in diesem Leben: Gott kommt auf mich zu – in allen Ereignissen kommt er auf mich zu.

Zweitens: Johannes stellt Jesus vor als das Lamm Gottes. Lämmer sind keine gewalttätigen Tiere, man muss vor ihnen keine Angst haben. Im Gegenteil, sie lösen Zuneigung aus. Man muss sie einfach lieb haben.

Ich verknüpfe diese beiden Aspekte: Gott kommt in allem auf mich zu; als jemand, der nicht Angst verbreitet, sondern durch Liebe an sich zieht. Wie der Geliebte die Liebende. In allen Dingen: Es ist Gott, der mich lieben kommt.

Ich schließe mit einem Text von Madeleine Delbrêl (1904-1964). Auch sie hätte mit Johannes dem Täufer sagen können: „Ich kannte ihn nicht." Auch sie kannte Jesus nicht. Sie war eine Zeit lang sogar Atheistin. Während ihres Studiums in Paris kam es zu einer Wende. Ihr Verlobter löste sich von ihr und trat in den Dominikanerorden ein. Sie wurde in eine tiefe Krise gestürzt. Aber letztlich fand sie zum Glauben an Gott – besonders durch die Erfahrung im Beten. Sie schreibt: „Dann habe ich, lesend und nachdenkend, Gott gefunden, aber indem ich betete, habe ich geglaubt, dass Gott mich fand und dass er lebendige Wirklichkeit ist und man ihn lieben kann wie man eine Person liebt." Sie arbeitete später als Sozialarbeiterin in einer kommunistischen Vorstadt nahe Paris. Wie Jesus wollte sie mitten unter den Menschen sein, den einfachen Arbeiterinnen und Arbeitern. Und sie glaubte, dass Gott immer und in allem auf uns zukommt. In der Textsammlung „Wir Nachbarn der Kommunisten" lesen wir:

„Jede kleine Unternehmung ist ein gewaltiges Ereignis,
worin uns das Paradies geschenkt wird,
das wir weiterverschenken können.
Egal, was wir zu tun haben:
ob wir einen Besen oder eine Füllfeder halten.
Reden oder schweigen, etwas flicken oder einen Vortrag halten,
einen Kranken pflegen oder auf einer Schreibmaschine hämmern.
All das ist nur die Rinde einer herrlichen Realität,
der Begegnung der Seele mit Gott in jeder erneuten Minute,
die in jeder Minute an Gnade zunimmt, immer schöner wird für ihren Gott.
Es läutet? Schnell, machen wir auf! Es ist Gott, der uns lieben kommt.
Eine Auskunft? Bitte... Es ist Gott, der uns lieben kommt.
Zeit, sich zu Tisch zu setzen? Gehen wir: Es ist Gott, der uns lieben kommt. –
Lassen wir ihn gewähren."

 

P. Bruno Niederbacher SJ


Bild: Ausschnitt aus dem Mosaik in der Hauskapelle des Jesuitenkollegs, P. Bruno Niederbacher SJ

 

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