Wie alles begann ...

Predigt zum Nachlesen von Prof. Anni Findl-Ludescher, 3. Sonntag im Jahreskreis

Symbol

Predigt zu Mk 1,14-20, SJ-Kirche

Wie alles angefangen hat:
Wie sich Vater und Mutter kennengelernt haben,
Wie der Onkel durchgesetzt hat, dass er studieren darf
Wie aus dem kleinen Geschäft ein großer Familienbetrieb geworden ist.
...
Geschichten des Anfangens sind besondere Geschichten. Für alle Beteiligten und für alle Nachkommen. Sie werden immer wieder erzählt, alle sollen sie kennen. Solche Geschichten bilden Identität – unabhängig davon ob es einfach nur schöne oder aber schwierige oder dramatische Geschichten sind.
Wenn diese Geschichten immer wieder erzählt werden, werden sie entweder immer mehr ausgeschmückt und weitläufiger, oder aber sie werden knapper, reduzierter, fast formelhaft.
Der Ausschnitt aus dem Markus Evangelium, den wir heute gehört haben, ist eine solche Anfangsgeschichte: reduziert, formelhaft, wie ein Destillat.
Wie oft wohl haben diese vier Jünger ihre Anfangsgeschichte mit Jesus erzählt!! In den drei Jahren, in denen sie im Freundes- und Jüngerkreis unterwegs waren und in den vielen Jahren nach dem Tod Jesu, wo sie immer wieder von Jesus erzählt haben, von seiner ganz besonderen Persönlichkeit, von seinen Ideen, seinen Reden. Da werden sie immer wieder berichtet haben, wie es für sie selbst angefangen hat. „Damals, am See von Galiläa..."
Was erzählen seine Jünger? Was hat Eingang gefunden in diese kompakte Formel des Anfangs?
„Die Zeit ist erfüllt", das ist eine Formulierung, die wir im Alltag nicht verwenden. Das sagt man normalerweise nicht, so redet man nicht. Eine gewohnte Formulierung wäre „Die Zeit ist reif". Das hören wir oft, sagen es vielleicht auch selber. „Die Zeit ist reif", das ist ein Sprachbild, eine Metapher, die den Begriff Zeit mit einem Vorgang aus der Natur, aus der Landwirtschaft zusammenbringt: die Zeit ist reif, wie ein Apfel im September, wie die Erdbeeren im Mai. Die Zeit ist reif, wenn eine Entscheidung gut vorbereitet und jetzt getroffen wird, wenn ein Kind erwachsen wird und von daheim auszieht, wenn das „sich selbst Versorgen" nicht mehr möglich ist und ein Pflegeplatz gesucht wird... Sie haben da selbst viele eigene Beispiele.
Jesus hätte auch sagen können: „Die Zeit ist reif": ich bin jetzt 30 Jahre, bin gut vorbereitet und getauft bin ich auch. Den Johannes habt ihr eingesperrt, jetzt ist die Zeit reif, dass ich euch sage, was jetzt dran ist.
Aber Jesus sagt „Die Zeit ist erfüllt". Und diese besondere Formulierung merken sich seine Freunde. Kann eine Zeit erfüllt sein? Viele Menschen haben sich schon Gedanken gemacht über diese ungewöhnliche Formulierung. Eine Prophezeiung, eine Vorhersage kann sich erfüllen. – Und das ist sicher eine wichtige Spur für das Verständnis. Für mich ist in diesem Wort auch sehr wichtig der Begriff „Fülle". Zeit der Fülle. Gemeinsam mit Jesus können wir jetzt aus dem Vollen schöpfen. Die Fülle an Freude, Zuversicht, an Trost, Freundschaft und Liebe, Jesus nennt das „Reich Gottes", all das ist jetzt da.
Ein zweiter Teil dieser Kurzformel ist „Kehrt um". Dieser Ruf, diese Aufforderung Jesu war offensichtlich ein ganz zentraler Bestandteil seines Predigens. Dieser Ruf „Kehrt um" galt denen, die ihm zuhörten, aber vor allem galt er auch den Jüngern selbst. Diesen vier Jüngern, von denen heute erzählt wird, galt dieser Ruf ganz besonders und sie erzählen in dieser Anfangsgeschichte, wie sie auf diese Forderung Jesu reagiert haben.
Jesus trifft am See von Galiläa diese Männer, zwei Brüderpaare, die er vermutlich schon bei Johannes dem Täufer kennen gelernt hat, und er fordert sie auf, sich ihm anzuschließen. Zu Simon und Andreas sagt er: „Kommt her, mir nach". Sie lassen alles liegen und folgen ihm. Sie kehren um. Ebenso Jakobus und Johannes. Auch sie kehren um – hin zu Jesus. An ihrem Beispiel lässt sich manches lernen:
• Umkehren ist eine echte Veränderung. Es ist keine Kleinigkeit, was diese vier Männer machen. ...
• Umkehren geschieht, weil es Freude macht, weil eine Vision fasziniert, weil die Veränderung reizvoll und lohnend erscheint
• Umkehren heißt nicht: alles zurücklassen, alle Verbindungen kappen. Nein, mein Bruder, der Mensch mit dem ich schon mein ganzes Leben teile, geht auch mit. Umkehren bringt Abstand zum Gewohnten, aber nicht unbedingt einen radikalen Schnitt. Die Schwiegermutter des Simon Petrus begegnet uns in den Erzählungen und auch die Mutter der Brüder Johannes und Jakobus.
• Umkehren heißt: das, was man gut kann, was man gelernt hat oder eine Begabung dafür hat, weiter tun, aber für einen anderen Zweck: vom Fischer zum Menschenfischer.
• Umkehren heißt, einem Menschen folgen, Beziehungen eingehen, nicht einer Idee anhängen...

„Kehrt um" In meinen Ohren klingt diese Aufforderung meist wie der Beginn einer Bußpredigt. Es erinnert mich an meine Schwächen, an die moralischen Verfehlungen. Ich denke an die Asche, die auf meinen Kopf gestreut wird, an Verfehlung, Schuld und Wiedergutmachung.
Heute lese ich diesen Ruf als den Beginn einer wunderbaren Freundschaft, den vielversprechenden Anfang einer gemeinsamen Zeit, den Neubeginn in einer Gruppe von Gleichgesinnten mit einem faszinierenden Lehrer und Meister.
Amen

 


Bild: Heindl SJ

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