So sehr hat Gott die Welt geliebt …

Predigt zum Nachlesen von Roman Siebenrock, 4. Fastensonntag, Laetare

Symbol

Heute, in der Mitte der Fastenzeit, am Sonntag „Laetare" verkündet die Kirche mit dem zweiten Teil des so genannten Nikodemusgesprächs das Herz des Evangeliums, und daher auch die Mitte unseres christlichen Glaubens. Im ersten Teil sprach Jesus zu Nikodemus über die Wiedergeburt aus Wasser und Geist, also von der Taufe und der Geistsendung, bzw. der Wandlung durch den Geist.


Den zweiten Abschnitt des Gesprächs beginnt Jesus mit der Erinnerung an die Erzählung von der ehernen Schlange aus dem Buch Numeri (Num 21,6-9), dem dritten Buch der Thora. Der Menschensohn müsse, wie die Schlange in der Wüste erhöht werden, damit Heil geschehen könne. Später wird Jesus ausdrücklich sagen: wenn ich von der Erde erhöht werde, werde ich alle an mich ziehen (12,32). Immer wird im Johannes-Evangelium der Glaube an Jesus Christus sehr eng, ja unlösbar mit der Hoffnung auf das ewige Leben verbunden. Denn wer glaubt, ist im ewigen Leben, d.h. ist im Leben Gottes. Denn das ewige Leben ist Teilhabe am Leben Gottes durch, in und mit Jesus Christus in der Kraft des Geistes.


In diesem Zusammenhang steht nun jener Satz Jesu aus dem heutigen Evangelium, den wir vor alles, was wir über Gott sagen und verkünden, setzen sollten. Dieser Satz ist das Vorzeichen aller christlichen Verkündigung. Diese Kraft und Wahrheit dieses Satzes sollte täglich neu uns durch und durch erfassen und prägen: "denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat" (Joh 3, 16). Die erste und letzte Erfahrungen, die wir mit dem Gott Jesu Christi machen dürfen, hat später der erste Johannesbrief in die Aussage gebracht: Gott ist Liebe und wer liebt ist in Gott (1 Joh 4,7-12).


Die Wahrheit, d.h. die Verlässlichkeit und Gültigkeit dieser Überzeugung, können wir nicht an der Welt ablesen und alle unsere Erfahrungen reichen nicht hin, von uns aus diese Botschaft einfach zu bestätigen. Auch scheint es mir im Blick auf die Christentumsgeschichte nicht selbstverständlich zu sein, diese Aussage am Geschick Jesu ablesen zu können. Das Kreuz war der Tod der Terroristen und Verbrecher, wegen seiner Grausamkeit für Römer nicht erlaubt, für die anderen aber ein selbstverständliches Instrument, um die "pax romana" aufrechtzuerhalten. Pilatus hat diese Mittel römischer Friedensstiftung „großzügig" angewendet. In unserer Geschichte des christlichen Glaubens aber haben wir oft davon gesprochen, dass der Vater sein Sohn geopfert hätte, um Genugtuung zu leisten, um sich mit der Welt, d.h. mit uns versöhnen zu können. Aber davon ist nirgendwo im Neuen Testament die Rede, weder in diesem Evangelium noch einer anderen Auslegung. Es heißt schlicht: Gott hat die Welt geliebt: von Anfang an! Immer und ohne Wenn und Aber müssen wir es uns immer wieder gesagt sein lassen: Gott liebt seine Schöpfung, er liebt Dich und mich. Denn er liebt alles, was er geschaffen hat, dieser Gott, ein Freund des Lebens (Weish 11,24-26).


An uns ist es, diesem Gott Jesu Christi zu glauben, das bedeutet: ihm zu trauen, ihm zu vertrauen, sich auf die Gemeinschaft, das Leben mit ihm einzulassen. An uns ist es, jenem Gott Jesu Christi zu vertrauen, der das Leid und Unglück nicht hinwegzaubert, selbst sein Wort, seinen Sohn vor diesem grausamen Ende nicht bewahrt. Trauen wir jenem Gott, der sich also restlos und ohne Vorbehalt uns ausgeliefert hat, der sich in seinem Sohn und Wort völlig entäußert hat (Phil 2), der nackt und bloß uns entgegenkommt? Werde ich mein Leben auf einen Gott setzen, dessen Allmacht und Heiligkeit sich nicht im Töten und im Verhindern, sondern in der Annahme und der ausgelittenen Verwandlung erweist, der also die Freiheit des Menschen und seiner Geschöpfe mehr achtet als sich selbst (Phil 2, 2)?


Wenn wir angesichts der Gestalt Jesu Christi dazu nicht nur ja sagen, sondern diesen Weg des Menschensohn in unserem Leben zu gehen beginnen, dann ist das Gericht schon geschehen, dann hat sich die Endgültigkeit unseres Lebens schon ereignet. Nicht nach dem Tod, sondern schon hier und jetzt. Denn dann ist in Leid, Dunkelheit und Tod bereits Auferstehung geschehen. Dann wird unsere Leere unvermittelt durch das Licht erfüllt und gewandelt.
Das Evangelium erspart uns aber nicht die andere Seite dieser Verkündigung, nämlich das ernste Wort, dass dieses Licht der Liebe nicht nur zu seiner Zeit scheinbar gescheitert ist. Auch heute scheint die Liebe, die gewaltfreie Hingabe und Hoffnung auf verlorenem Posten zu stehen. Immer stehen wir am Abgrund der Menschheitsgeschichte. Immer scheint, wie es das Evangelium ausdrückt, der „Fürst dieser Welt" die Oberhand zu gewinnen.


Dieses ernste Wort scheint zunächst und ausdrücklich an uns, die wir den Namen Jesu kennen, gerichtet zu sein. Wie steht es aber um die anderen? Deshalb wurde in der ganzen Geschichte des Christentums immer wieder gefragt, wie jene mit Christus verbunden sein können, die ihn nicht kennen, die ihn nicht kennen können. Das Evangelium gibt uns eine doppelte Antwort. Mit Jesus Christus ist nicht verbunden, wer Böses tut, wer also das Leben und die Liebe zerstört. Das ist eine Mahnung zuerst wiederum an uns seine Jüngerinnen, die wir im nachzufolgen uns aufgemacht haben. Zwischen Leben und Tod hat schon Mose in seiner letzten Rede eine Differenz gesetzt und dazu aufgerufen, das Leben zu wählen (Dtn 30). Jesus steht ganz in der Tradition der Tora.
Alle Menschen aber sind grundsätzlich in diesem Licht und in dieser Liebe geschaffen worden (Joh 1,2-4), und können deshalb die Liebe leben, die Wahrheit tun. Deshalb heißt es immer wieder: wer die Wahrheit sucht, sucht Gott. Uns später sagt Jesus: Niemand hat eine größere Liebe als der, der sein Leben gibt für seine Freunde (Joh 15,13). Selbstlose Liebe und Hingabe ist allen möglich, ja ist dem Leben zutiefst eingeschrieben. Es gibt so viele Menschen zu allen Zeiten und allen Kulturen, die wirklich geliebt und ihr Leben dahin gegeben haben, - nicht nur für die FreundInnen.

Wie kann aber dieses Evangelium unseren alltäglichen Lebensstil heute formen? Für uns, die wir in diesen Wochen in besonderer Weise unser Leben in diesem Licht zu gestalten versuchen, kenne ich keine bessere Auslegung und Anleitung als die Schluss-Betrachtung der Exerzitien des Ignatius von Loyola: die Betrachtung zur Erlangung der Liebe (EB 230-237).
Zunächst erinnert Ignatius in der Vorbemerkung daran, dass die Liebe mehr im Tun als im Reden läge. Danach sollen wir zuerst betrachten und uns vergegenwärtigen, was Gott für uns getan hat. Gott hat sich uns mitgeteilt, er hat sich uns in Jesus Christus restlos und vorbehaltlos geschenkt. Wir sind beschenkt mit Gottes Liebe und Leben. Wie könnte Größeres und Schöneres möglich sein?
Weil Gott alles gesagt hat, fordert uns Ignatius in diesem „Schweigen Gottes" dazu auf, mit seinem Hingabe-Gebet unsere eigene Antwort zu geben. Ich gestehe, dass ich dieses grandiose Gebet meistens mehr mitbete als selbst authentisch bete; und ich bin mir nie sicher, ob ich dieses Gebet wirklich realisiere. Aber ich darf es mitbeten und sehne mich darin danach, es auch einmal wirklich zu leben:
„Nehmt, Herr, und empfängt meine ganze Freiheit, mein Gedächtnis, meinen Verstand und meinen ganzen Willen, all mein Haben und mein Besitzen. Ihr habt es mir gegeben; euch, Herr, gebe ich es zurück. Alles ist euer, verfügt nach eurem ganzen Willen. Gebt eure Liebe und Gnade, denn diese genügt mir."
Ich brauche deshalb keine besonderen Zeichen und Visionen, keine außerordentlichen Erfahrungen. In der Taufe ist geschehen, was nicht mehr überboten werden kann: Gott selbst ist ausdrücklich in mir gegeben und möchte in seinem Leben mich neu werden lassen. Das ist meine zweite Geburt. So werde ich wiedergeboren aus Wasser und Geist.
Dann leitet mich Ignatius an, täglich darauf zu achten und wahrzunehmen, wie Gott in allen Dingen wirkt und wie einer, der schwere Arbeit verrichtet, sich um mein Heil sorgt. Ja, jede und jeder von uns darf es sich gesagt sein lassen: „para mí / für mich" nimmt Gott schwere Arbeit auf sich. So übersetzt Ignatius den Satz des heutigen Evangeliums: „So sehr hat Gott die Welt geliebt". Gott arbeitet für mich! Schräg? Vielleicht, aber beglückend!


Und ich darf Zeugnis davon geben, dass tatsächlich das Leben sich wandelt, wenn ich diese Betrachtung zu leben beginne, wenn ich also mit Gott ein Experiment eingehe, Übungen mache. Ich habe diese Anweisung des Ignatius mit der Hilfe der Betrachtungsanleitung von P. Niederbacher SJ, die am Schriftenstand aufliegen, in den Tagesrückblick als Frage eingebaut: Wofür darf ich heute danken? Denn auf erfahrene Liebe antworte ich wie selbstverständlich mit Freude und Dank. Wofür darf ich danken? Das ändert wirklich den Blick auf Tage, Menschen und Lebensgeschichten. Danach aber darf ich mich auch nicht vor der Frage drücken: Wo habe ich gefehlt? Wo soll ich um Vergebung bitten? Wo soll ich mich wie ändern?
Mit diesen einfache Fragen beginnt ein neuer Weg und ich komme in Zeichen und Bildern der Wahrheit des heutigen Evangeliums innerlich ganz nahe: So sehr hat Gott die Welt geliebt; ja – so sehr liebt Gott mich, dass er sich in seinem Sohn als „señor y compañero" als „Herr und Gefährte" mir geschenkt hat.
Erbitten wir in dieser Feier für uns und für allen hier reiche Erfahrungen auf diesem Weg eines heiligen Experiments. Dann ereignet sich unversehens Ostern, Ewigkeit, schon jetzt, bereits hier.


Foto: Gaelle Marcel via unsplash.com

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