Siebter Sonntag in der Osterzeit

Predigt zum Nachlesen von P. Bruno Niederbacher SJ

Symbol

7. Sonntag der Osterzeit


Woran hast du geglaubt?

Wenn ich mich recht erinnere, haben wir heuer in dieser Kirche noch kein Osterlachen gehört. Heute, am 7. und letzten Sonntag in der Osterzeit, wäre also die letzte Gelegenheit dazu...
George W. Bush, Barack Obama und Donald Trump treten nach ihrem Tod vor den Richterstuhl Gottes. Gott fragt Bush: „Woran hast du geglaubt?" Bush sagt: „An die freie Marktwirtschaft, an ein starkes Amerika und an die Nation." „Schön", sagt Gott, „komm zu meiner Rechten!" „Und woran glaubst du, Obama?" Obama sagt: „An die Demokratie, an die Hilfe für die Armen und an den Weltfrieden." „Wunderbar", sagt Gott, „komm zu meiner Linken!" Schließlich kommt Trump an die Reihe: „Und was glaubst du?" fragt Gott. Trump sagt: „Ich glaube, du sitzt auf meinem Stuhl."
Woran hast du geglaubt? Manche werden sagen: „Ich habe an die Macht geglaubt und an die Gewalt; denn das Leben ist hart und nur die Harten kommen durch." Andere werden sagen: „... an den Reichtum, an die Lust oder an den Ruhm." Wieder andere: „Wir haben an die Sinnlosigkeit von allem geglaubt."
Und Johannes schreibt in seinem Brief: „Wir haben an die Liebe geglaubt, die Gott zu uns hat." Auf Griechisch: „Pepisteukamen ten agapen hen echei ho theos en hemin." (1 Joh 4, 16) Er erläutert dies so: „Die Liebe besteht nicht darin, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat." (1 Joh 4, 10) Liebe ist der wichtigste Name Gottes, den Jesus uns offenbart (Joh 17, 6). An diese Liebe haben die Christen geglaubt.
„Wir haben an die Liebe geglaubt." Mit diesem Satz im Kopf ging ich neulich zum Sprenger Kreuz. Es ist wunderbar im Frühling. Die Bäume um das Kreuz ragen in den Himmel, und ich fühle mich wie in einer Waldkathedrale. Beim Kreuz Jesu stehen Maria und Johannes. Ich blicke auf diese Szene und denke den Satz dazu: „Wir haben an die Liebe geglaubt." Wie wäre es, wenn dieser Satz da stehen würde? Würde er nicht passen? Aber Kritiker werden sagen: „Und, was hat es euch gebracht? Ihr habt an eine Illusion geglaubt und seid damit nicht weit gekommen, wie man sieht. Wenn es einem gut geht, kann man noch verstehen, dass jemand an die Liebe glaubt. Aber in tristen Zeiten, wenn man in Gefahr ist, von einer Krankheit bedroht wird oder gar dem Tod ins Auge sehen muss, dann ist schnell Schluss mit diesem Glauben." Stimmt das?
Da fällt mir Chiara Lubich ein, die Gründerin der Focolare-Bewegung. Sie erinnert sich an einem bestimmten Tag in ihrem jungen Leben, dem 7. Dezember 1943, wo ihr aufgegangen ist, dass Gott sie unendlich liebt. Sie sagt:
Von dem Tag an spürte ich Gott ganz nah bei mir, er war nicht mehr weit weg... dass er Liebe ist und seine Liebe hinter allem steckte, was uns geschah, auch wenn es negativ zu sein schien...
Ich habe es allen weiter gesagt: „Gott liebt dich unendlich", meinen Freundinnen, meiner Mutter, ich schrieb es in Briefen an meinen Bruder und meine Schwestern. So kamen die ersten Gefährtinnen zu mir...
Es herrschte Krieg und wir konnten jeden Augenblick sterben, und wir sagten uns: Wenn wir sterben sollten, möchten wir zusammen begraben werden und auf dem Grabstein soll nur dieser Satz stehen: „Wir haben an die Liebe geglaubt."
Interessant, denke ich: Es war nicht Friede, Freude, Eierkuchen. Es herrschten widrige Umstände, es war Krieg, und sie konnten jeden Augenblick sterben. Gerade da beginnen sie an die Liebe Gottes zu glauben.
Diese Liebe wird auch erfahrbar in zwischenmenschlicher Liebe. Zu den berührendsten Worten im Trauungssegen zählen für mich diese: Wo Mann und Frau in Liebe zueinander stehen und füreinander sorgen, einander ertragen und verzeihen, wird deine Treue zu uns sichtbar.
Viktor Frankl heiratet 1941 Tilly Grosser, aber bereits 1942 werden sie ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Sie werden getrennt. Er wird nach Auschwitz gebracht, erlebt dieses Konzentrationslager und beschreibt, wie ihnen am Tag ihrer Ankunft alles weggenommen wird, was sie besitzen; wie sie frühmorgens in die Kälte getrieben werden, um den vereisten Boden aufzuhacken und Gräben auszuschaufeln. Er schreibt: ... es fällt kein Wort, aber wir wissen in dieser Stunde: jeder von uns denkt jetzt nur an seine Frau. Frankl weiß nicht, ob sie noch lebt, und er schreibt in einem erschütternden Kapitel mit der Überschrift „Wenn einem nichts mehr bleibt":
Ich führe Gespräche mit meiner Frau. Ich höre sie antworten, ich sehe sie lächeln, ich sehe ihren fordernden und ermutigenden Blick, und ... ihr Blick leuchtet jetzt mehr als die Sonne, die eben aufgeht. Da durchzuckt mich ein Gedanke: Das erstemal in meinem Leben erfahre ich die Wahrheit dessen, was so viele Denker als der Weisheit letzten Schluss aus ihrem Leben herausgestellt und was so viele Dichter besungen haben; die Wahrheit, dass Liebe irgendwie das Letzte und das Höchste ist, zu dem sich menschliches Dasein aufzuschwingen vermag.
Woran habt ihr geglaubt? Es wäre schön, wenn auch wir mit Johannes antworten könnten: „Wir haben an die Liebe geglaubt."

 

Bruno Niederbacher SJ, Jesuitenkolleg Innsbruck


 Aus einem Interview mit Chiara Lubich durch die Journalistin Sandra Hoggett, Face to Face Interviews Day 1, Charisma Productions. Rocca di Papa, 18 April 2002. Siehe: https://centrochiaralubich.org/it/the-discovery-of-god-as-love/


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