Kanzelpredigt zur "Langen Nacht der Kirchen"

Predigt zum Nachlesen von Prof. Józef Niewiadomski

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Kanzelpredigt im Rahmen von: „Lange Nacht der Kirchen"
„Ein Flieger und ein Fänger! Zur Gestalt des Petrus Canisius"

YYYHH! Die Kinder hielten den Atem an. Und dann? Dann der Schrei der Entspannung und der Bewunderung: WOW! Sie saßen im Zirkuszelt. Bei der Nachmittagsvorstellung. Und schauten gerade auf den jungen Flieger, kaum älter als sie selber. Es hat ihnen regelrecht den Atem verschlagen, als sie den halsbrecherischen „Salto mortale" sahen. Nun stand er oben im Scheinwerferlicht auf dem Trapez. Schien ihnen gar zuzuwinken. Da sagte die Lehrerin: Er kommt zu uns in die Schule. Wird mit euch reden. „COOL" lautete der unisono ausgestoßene Begeisterungsschrei. Jetzt saß er da, direkt vor ihnen. Die Augen der Kinder glänzten. Er erzählte ihnen von seinem Training, von seinen Hobbys und seinen Träumen. Er gab sich so, als wäre er einer von ihnen. Dann fragte er: „Was glaubt ihr, wer der Star des Trapezes ist? Wer ist der Held?" „DU!", schrien unisono alle Kinder. „Falsch!", entgegnete der Akrobat, „der eigentliche Held und damit auch der Star: das ist mein Fänger. Ich mache bloß ein paar Drehungen in der Luft. Er dagegen" – wiederum hielten die Kinder den Atem an – „er muss mich fangen. Ganz präzise in jenem Bruchteil der Sekunde fangen, wenn ich auf ihn in der Luft zusteuere. Ich strecke nur meine Arme aus, fliege und warte, dass er mich auffängt." Die Augen der Kinder wurden größer und größer. Sie glaubten, der Flieger will sie absichtlich täuschen. „Und du? Du machst gar nichts?", traute sich schließlich eines der Kinder zu fragen. „Eigentlich nicht", sagte der Flieger. „Wisst ihr was? Das wäre das Schlimmste, was ein Flieger tun könnte, wenn er versuchen würde, den Fänger selber zu fassen. Da wird er nur seine Handgelenke verstauchen. Und die Handgelenke des Fängers auch. Merkt euch: Der Flieger springt, der Fänger fängt. Der Flieger muss vertrauen, der Fänger darf das Vertrauen nicht enttäuschen." Verdutzt saßen die Kinder da.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Nachtschwärmer in dieser Zeit der Pandemie! Warum diese Geschichte bei der Kanzelpredigt? Einer Kanzelpredigt, die dem Star der katholischen Kirche, einem Mann mit einem gewaltigen Bezug zu dieser Alpenstadt. Weil sie, wie kaum eine andere Narration beide Aspekte dieser atemraubenden und atemberaubenden Biographie zum Ausdruck bringt, einer Biographie, die sich zwischen Erde und Himmel abspielt, zwischen dem herrlichen himmlischen Trapez und dem harten Boden der Alltagsrealität. Dem Peter Canis, dem Petrus Canisius, war es gegönnt beides zu sein: Er war Flieger und er ist Fänger. Die normale Laufbahn der Zirkusartisten kennt diese Reihenfolge: jung, dynamisch, vor allem gelenkig fliegen sie in den Lüften, wagen halsbrecherische Sprünge, erleiden auch Verletzungen am laufenden Band. Älter geworden wechseln sie die Rollen, bleiben oben auf dem Trapez. Ausgestattet mit reicher Erfahrung, mit allen Tücken eines „Salto mortale" vertraut, warten sie auf den alles entscheidenden Sekundenbruchteil, in dem die ausgestreckten Hände des Fliegers sich mit ihren Armen kreuzen.

Was ist denn, lieber Petrus Canisius? Bist Du mit dieser Geschichte nicht zufrieden? Und dies nur, weil Du sie irgendwann schon hier in dieser Kirche gehört hast? Ein bisschen grimmig schaust zu uns her von deinem Bild, dort drüben – lieber Diözesanpatron und inzwischen auch Patron der zentraleuropäischen Provinz der Jesuiten. Warum? Bist Du nicht glücklich mit all dem Rummel, den man da zu Deinem 500.en Geburtstag veranstaltet? Mit all den Lobeshymnen über das Genie, das Multitalent, über den Flieger, der damals tagtäglich mehrere Sprünge, die einem „Salto mortale" glichen, absolvierte. Oder ärgerst du dich über all die salopp geäußerten Vernichtungsurteile über dein Leben: Du wärest ein Hexenverfolger gewesen, einer den das aufgeklärte 21. Jahrhundert vom Sockel stürzen sollte?

Du stehst doch nun ein ganzes Jahr im Rampenlicht, nach dem Willen des emsig agierenden Diözesanhirten wirst gar mit 500 Herzen assoziiert. Herzen, die nicht bluten, sondern brennen sollen. Was ist denn los mit Dir? Ärgerst Du dich etwa über den Riesenschwamm vor der Kirche? Oder gar über den Mandelbaum hinter mir? Er wollte halt nicht aufblühen. Wie vieles, was man heutzutage als scheinbar schöpferische Idee zur Belebung des kirchlichen Lebens in die Welt setzt. Was will dein Gesicht uns sagen? Liebe Schwestern und Brüder, als ich darüber grübelte, schien mir der gute Peter zuzuflüstern. Mit den Veränderungen der Kommunikationsvorgänge Schritt haltend, meldete er sich bei mir sozusagen „on line": „Jozef: Glaubt du wirklich, dass ich in meinem Leben der Star war? Denke doch bitte an deine Lieblingsgeschichte vom Zirkus. Ich war nicht der Star. Das war mein Fänger. Ich habe bloß ein paar Drehungen in der Atmosphäre der damaligen europäischen Geschichte vollbracht, bin mehr schlecht denn recht durch die vergiftete Luft der Reformationszeit geflogen, von einem Ort zum anderen gesprungen. ER – mein Fänger – musste mich dauernd auffangen. Ihm gebühren der Applaus und die Ehre. Das Einzige, was du mir zugutehalten kannst, ist vielleicht das Faktum, dass ich ihm vertraut habe: vertraut, dass er mich fangen wird, vertraut, dass er mich dort auffangen wird, wohin ich auch fliegen würde. Du hast doch gelesen, was dein Schüler über mich in einem Buch geschrieben hat: bei den Exerzitien, die ich unter der Begleitung von Pater Faber gemacht habe, bin ich ‚zu einem ganz anderen Menschen umgewandelt worden' Was mich ‚damals innerlich erfasst hat, ist – gelegen oder ungelegen – zeitlebens der Maßstab (m)eines Handelns in Kirche, Staat und Gesellschaft geblieben.' (vgl. M. Moossbrugger, Petrus Canisius. Wanderer zwischen den Welten. Innsbruck 2021, 147). Und was war das? Das war dieses Vertrauen, dass ich aufgefangen werde. Dieses gläubige Vertrauen machte mich selbstsicher bei meinen Sprüngen und Flügen. Deswegen überhöre bitte nicht meinen Toastgesang zu diesem Fünfhundertsten: In gut jesuitischen Tradition hebe ich mein himmlisches Glas hoch und singe: ‚Lob sei der Heiligsten Dreifaltigkeit in alle Ewigkeit'.

Und übrigens – fügt dieser zweite Apostel Europas hinzu – genau dort, wo ich nicht aus dieser Inspiration, nicht aus diesem Vertrauen in meinen himmlischen Fänger heraus gesprungen bin, sondern in meiner tiefen Angst gelähmt blieb, vor allem von jener Angst, die ich mit vielen meiner Zeitgenossen teilte, der Angst vor Hexen: Da handelte auch ich sündhaft! Auf dem kirchlichen Trapez stehend, vermochte ich nicht den revolutionären Sprung zu wagen, den Sprung, der die gängigen angstbesetzten Klischees hätte beseitigen können, sondern schloss mich den gängigen Vorurteilen an, heizte diese sogar durch unnötige Predigten auf. Habe also zumindest durch Unterlassung gesündigt. Wie auch sonst ich immer wieder die Schuld auf mich geladen habe. Wie alle Menschen halt. Durfte aber erfahren, dass ich gerade in meiner Schuld aufgefangen wurde. Und allein aufgrund der Gnade und Barmherzigkeit Gottes hinauf: zum himmlischen Trapez gebracht wurde.

Und wenn wir schon dabei sind – setzt der Heilige fort – dann gestehe ich, dass mich doch an eurer Zeit etwas ärgert. Nein, nein: ich ärgere mich nicht über den Rektor des Jesuitenkollegs – das war damals der Fall. Und auch nicht über den hässlich zugerichteten Schwamm vor eurer Kirche. Es ärgert mich die Selbstzufriedenheit der Flieger von heute. Ihre Unwilligkeit und auch Unfähigkeit, den Fänger auf dem himmlischen Trapez zu sehen und auch zu würdigen. Vielleicht habe ich selber zu dieser Selbstgerechtigkeit beigetragen durch meine Katechismen. Vielleicht kam dort die göttliche Gnade zu wenig zum Vorschein. Vielleicht habe ich den Wert der „guten Taten" zu stark betont. Doch der Irrglaube, der Mensch, jeder Mensch könnte sich kraft seines Willens auf den Gipfel des Ruhms hinaufkatapultieren, sich den sprichwörtlichen Himmel durch die Perfektion seiner Sprünge verdienen, dieser Glaube sei der Gift eurer Zeit. Denn: die Kehrseite dieser Illusion ist nicht zu übersehen: Auf Schritt und Tritt werden jene beschuldigt und mit Steinen beworfen, die dem Selbstgerechten auf seinem Weg nach oben – so jedenfalls der Glaube der Selbstgerechten – im Wege stehen würden. Die Gnadenlosigkeit des Erfolgszwanges und die Gnadenlosigkeit des Scheiterns zeugen bloß davon, dass eure Öffentlichkeit den Fänger vergessen hat. Und es ärgert mich, wenn meine Kirche bloß nur noch von Ethik spricht. Und den vielen blühenden Mandelbäumen in dieser Welt. Es ärgert mich, wenn die Religion als Ethik für Fromme verkauft wird. Und die Kirche sich nach und nach zum Caritasverband verwandelt. Nichts gegen das Engagement, wenn dadurch der Wert des Fängers nicht vernebelt wird.
Jenes Fängers, der die nicht aufgeblühten Mandelbäume nicht durch bessere und schönere ersetzt, sondern auch die dürren und die verdorrten, die scheinbar nutzlosen Gestalten trägt und sie zur Vollendung bringt.

Jozef, Du bist doch ein Dogmatiker. Eure Rolle ist klar: ihr müsst doch im religionspolitischen Wirrwarr eurer Zeit von Christus reden: dem menschgewordene Sohn Gottes! Er fängt nicht nur von oben auf, er selber steigt zu euch herunter bis auf den harten Boden, auf dem die missglückten Flieger landen. ER steigt herab, damit sie – die ja dort verletzt, verkrümmt, in der Einsamkeit der gescheiterten Flieger eingeschlossen liegen – damit sie dort nicht verloren gehen. Habt ihr vergessen: etliche Glaubensbekenntnisse sprechen in diesem Zusammenhang vom Abstieg Christi in die Hölle. Dieser himmlische Fänger fällt in seinem Tod so tief hinab, wie kein Mensch je im Leben zu fallen vermag. Damit er sie dort auffängt. Zum anderen aber – und das ist doch das Tüpfelchen auf dem „I" unseres katholischen Glaubens – müsst ihr auch von der unüberschaubaren Zahl der Flieger auf dem himmlischen Trapez reden. Jener Flieger, die nach ihrem Tod selber zu Fängern geworden sind. Und dies nicht nur für die Menschen in Not, nicht nur für jene, die ihren Namen tragen, sondern für alle, die sie anrufen."

Da verstummte plötzlich der Heilige. Ist die Online-Verbindung zwischen Himmel und der Barockkanzel der Jesuitenkirche gerissen worden? Oder klickte er sich bewusst aus? Dieser brillanter Flieger, der zu einem der vielen himmlischen Fängern geworden ist, den Heiligen – die ja nicht nur Vorbilder sind, nicht nur Models für eine Ethik für Fromme. Der brillante Flieger ist ja Fürsprecher geworden, sprich einer der Fänger. Fänger, die unser aller Vertrauen stärken, uns in unseren Ängsten begleiten. Damit wir die Sprünge wagen. Der himmlischer Akrobat, der im weit entfernten Nimwegen vor 500 Jahren das Licht dieser Welt erblickt hat, in jungen Jahren Jesuit geworden ist, der Akrobat, der am 25. Juni 1562 als Provinzial der Oberdeutschen Ordensprovinz der Gesellschaft Jesu das hiesige Kollegium der Jesuiten mit dem Gymnasium (dem Vorläufer der Innsbrucker Uni) eröffnet hat, der mehr als 100 000 Kilometer quer durch Europa zurückgelegt hat und überall Aufbauarbeit leistete, dieser Akrobat, der auf seinen Fänger vertraut hat, blickt nun auf uns nicht nur mit seinem grimmigen Gesicht von seinem Altar, sondern auch lächelnd vom Himmel herab. Durch Gottes Gnade ist er nun zum Fänger geworden, jenem Fänger, der vor allem die Sprünge der Diözese Innsbruck und der zentraleuropäischen Jesuitenprovinz im Auge behält: Als ein ordentlicher Stellvertreter des göttlichen Fängers. Und diesem gebühren die Ehre und der Applaus.

 

Prof. Józef Niewiadomski

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