„Ziehe doch mit uns, Herr"
(Ex 34,9)
Predigt zum „Dreifaltigkeitssonntag" im Anschluss an Dtn 4,32-34.39-40
Uhr Was war da vorher? Was ging dieser wunderbaren Rede des großen Moses voraus, der Rede, die wir in der Lesung gehört haben? Da gab es zwar alles Mögliche; bezogen auf das Resümee, das Mose heute vor unseren Augen und Ohren gezogen hat, muss das spannende Gespräch zwischen ihm und Gott selber in Erinnerung gerufen werden. Und zwar schon deswegen, weil das Gespräch so herrlich unmodern ist, deswegen uns auf unsere wunden Stellen aufmerksam macht.
Das Gespräch zeigt deutlich, dass der gute Mose sich keine Illusionen über sein Volk machte. Er wusste, dass sein Volk ein störrisches Volk ist, widerspenstig und rebellisch, schon willig ins gelobte Land zu wandern, Zukunft zu gestalten, Lebensbedingungen zu verbessern – damit, wenn nicht schon ich selber, so doch meine Kinder erhobenen Hauptes und mit vollem Bauch aus dem Haus gehen können. Schon willig also in die Zukunft zu gehen. Aber doch bitte nicht auf geraden Wegen und auch nicht unbedingt mit vereinten Kräften. Rivalität und Neid, Geltungssucht und Gier, Lüge und Gewalt waren dem vom Gott erwählten Volk keine Fremdwörter. Deswegen betete Mose zu Gott: "Ziehe doch, mein Herr, mit uns!" Mehr noch: "Lass uns dein Eigentum sein!" Gerade, weil wir unberechenbar sind bei der Gestaltung unseres Lebens, weil wir uns allzu leicht faszinieren lassen, uns gar verführen lassen: von den unzähligen goldenen Kälbern, die da an jeder Straßenecke uns angrinsen, gerade deswegen wollen wir, dass Du mitgehst. Dass also Deine Autorität uns Grenzen setzt. Lieber Herrgott: Wir brauchen Weisungen und Gebote, damit nicht alles außer Rand und Band gerät.
Die steinernen Tafeln standen schon bereit. Und bereit wofür? „Für jenes Minimum an Ethik, das jede Gesellschaft braucht, wenn sie nicht dem Chaos verfallen will"" – so wird der Agnostiker, der Atheist und der modern aufgeklärte religiöse Mensch sagen. Unsere Öffentlichkeit ist stolz auf den kulturellen Fortschritt der Menschheit; wir haben es erkannt, dass im Grunde in allen Religionen ein gemeinsamer ethischer Kern gefunden werden kann. Darauf kann die Menschheit nicht verzichten. Wohl aber soll sie die Religion hinter sich lassen. Diese verführe ja bloß zu Fanatismus und Fundamentalismus. Ist das aber verkehrt?
In zwei Punkten unterscheiden sich unsere modernen Trends von der Bitte des Moses: Zum einen wollen wir zwar Weisungen, aber nicht von Gott. Der Gedanke, dass Gott den modernen Weg in die Zukunft begleiten soll, ist den meisten Zeitgenossen ein Gräuel. Zum anderen aber wollen wir Weisungen, aber diese für ein Volk, von dem wir eine ganz andere Meinung haben als Mose. "Störrisches Volk" - so etwas klingt nicht nur politisch unkorrekt, es stellt eine Beleidigung der Menschenwürde dar. Und außerdem: Rivalität, Neid, der Wunsch nach Geltung sind inzwischen zu modernen Tugenden geworden und zum eigentlichen Motor des Fortschritts; Rebellion, Verdächtigung und Sündenbockjagd: das ist doch die Triebkraft heutiger Demokratie.
Liebe Schwester und Brüder! Sollten sie schon gedacht haben, ich hätte das Thema verfehlt, weil mir zum Thema der Heiligsten Dreifaltigkeit nichts einfällt und ich nicht die Geschichte vom dreiblättrigen Klee erzählen wollte, und auch nicht die Story vom Augustinus, der am Strand von Hippo von einem kleinen Knaben zur Bodenständigkeit bekehrt wird: - „ich werde eher das ganze Meer mit der Muschel in dieses Loch im Sand um schöpfen, als dass: der gelehrteste Geist der Epoche die Dreifaltigkeit begreift" -, sollten sie also gedacht haben, dass ich heute – wie die Zisterzienser – kneife, so haben sie sich getäuscht.
Es ist eine Predigt zum Thema: Der Glaube an den Dreifaltigen Gott und dessen Mehrwert für unsere Tage. Unsere aufgeklärte, von der Pandemie schwer gebeutelte Zeit hat mit der biblischen Epoche mehr gemeinsam als uns allen vielleicht lieb ist. Es sind dies nicht nur die mehr oder weniger eindeutigen und glücklichen ethischen Weisungen, Gebote und Verbote. Es ist auch die Tatsache, dass wir Menschen uns bloß halbherzig daran halten. Selbst die Bravsten unter uns, selbst diese bleiben in Zusammenhänge verstrickt, wo Überschreitung von Grenzen zur Routine werden kann. Gemeinsam ist uns auch die Erfahrung der Aufbrüche und Zusammenbrüche. "Das Land ist zwar gut, es frisst seine Bewohner" - sollten schon die biblischen Kundschafter gesagt haben. Der moderne Alltag hat vieles mit dem biblischen Alltag gemeinsam. Eines hat allerdings die biblische Kultur unserer Welt voraus.
Und den Zugang zu diesem atemberaubenden Unterschied, eröffnet uns die Bitte des Moses: „Zieh doch mit uns Herr! Zieh doch mit uns als Autorität, als das Wort der Weisung, als göttlicher Ethikexperte sozusagen." Das wird der moderne Mensch noch schlucken. Aber diese Bitte beinhaltet doch viel mehr. Sie beinhaltet auch den Wunsch nach Vergebung angesichts von Pannen und Katastrophen, von Korruptionen und Unfällen. Gerade, weil sich Mose keine Illusionen über sein Volk machte, gerade, weil er ein Realist war, wusste er, dass ethische Prinzipien allein letztendlich wertlos sein werden, wenn die Erfahrung des Scheiterns nicht bewältigt wird. Mit seiner Bitte antwortet Mose auf die göttliche Initiative der Aufnahme einer tiefgreifenden Beziehung. Jede Beziehung basiert zwar auf Berechenbarkeit, vor allem aber auf Überraschung. Und so wurde schon Mose selbst und dann sein Volk in der nachfolgenden Zeit überrascht durch das Ausmaß an Bereitwilligkeit dieses Gottes mit dem Volk zu ziehen. Die Beziehung dieses Gottes zu seinem Volk hat nämlich gar nichts gemeinsam mit den modernen Lebensabschnittspartnerschaften, bei denen Menschen oft schon beim Anschein vom Versagen einander den Rücken kehren. Nein! Dem Volk hat es öfters die Sprache verschlagen, wenn es erfahren musste, dass selbst dann, wenn nur noch Lug und Trug auf der Tagesordnung standen, wenn Untreue und Abfall nicht die Ausnahme, sondern die Regel waren, wenn sich der Mensch in Sackgassen sondergleichen hineinmanövriert hat, dass selbst dann Gott diesem Volk den Rücken nicht kehrte. Im Gegenteil: Er identifizierte sich mit dem Versager umso mehr. Im wahrsten Sinne des Wortes stieg er in der Gestalt seines Sohnes herab: in den menschlichen Dreck. Als menschgewordener Gott hat er sich selber mit dem menschlichen Geschick verbunden, ist gar den menschlichen Tod gestorben. Und zwar den denkbar scheußlichsten Tod. Auf dass die Menschen leben! Jene Menschen, über die man sich keine Illusionen zu machen braucht. Diese Menschen können leben, nicht weil sie sich das Leben selber erwirtschaften, nicht nur, weil sie dieses Leben ordnen durch Beachtung von Geboten und Verboten. Die Menschen leben, weil ein anderer ihnen dieses Leben schenkt. Nicht von oben herab, nicht bloß durch seine Weisungen. Er schenkt ihnen das Leben durch erfahrene Sackgassen hindurch, durch Versagen, ja durch den Tod hindurch, weil er selber die Sackgassen und die Katastrophe der Ethik erleidet. Als Mensch wie du und ich. Er steigt herab, wird aber nicht zum unerlösten Erlöser, zum tragisch verstrickten Helden, der weder sich selber, noch dem anderen helfen kann.
Liebe Schwestern und Brüder! Nur Christen können diese Radikalität erhoffen, weil sie an einen Gott glauben, der in sich selber eine Gemeinschaft ist. Dreifaltigkeit, das ist nicht eine mathematische Formel zum Thema eins und drei. Dreifaltigkeit, das ist bloß ein anderer Ausdruck für den alltäglichsten Satz: Gott ist Liebe. Gott selbst ist Liebe und Liebe setzt ja mehrere Personen voraus. Sie ist nicht Egoismus zu zweit. Weil Gott eine Gemeinschaft ist, weil er in seinem Sohn in die Welt kam, nicht um die Welt zu richten, auch nicht unbedingt um ihr eine bessere Ethik zu geben. Er kam in seinem Sohn in die Welt, um die Menschen zu retten und sie in die ewige göttliche Liebe zu integrieren. Ihnen schon jetzt den göttlichen Geist zu schenken, der all das, was wir tun und was uns widerfährt, zur Würde des Himmels emporhebt. Das ist die zentrale Wahrheit des christlichen Glaubensbekenntnisses. Sie hat weder etwas mit Fanatismus, noch mit Fundamentalismus zu tun. Sie darf nicht unter den Teppich des salopp gestrickten religiösen Mischmasches gekehrt werden. Schon gar nicht von uns Christen. Denn: sie ist überlebenswichtig. Und warum? So paradox es für viele in einer Predigt klingen kann: je weniger die Ethik mein Leben strukturiert, je weniger, die Ethik unsere Gemeinschaften steuert, umso mehr brauche wir die Liebe des dreifaltigen Gottes: jene Liebe des barmherzigen Gottes, die mich, den Sünder, vor der Selbstverachtung bewahrt und mir immer wieder neu meine Würde schenkt.
Prof. Józef Niewiadomski, Katholisch-Theologische Fakultät, Universität Innsbruck