Der Nazarener in mir.

Predigt zum Nachlesen von P. Bernhard Heindl SJ

Symbol

 

Der Nazarener in mir.
Mk 6,1 ff

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

„Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen, wie in seiner Heimat."
Ein enttäuschter Jesus und ich könnten ihm tröstend antworten:
Das gilt nur, solange der Prophet lebt! So manche Söhne (und Töchter) ihrer Heimatstädte haben nach ihrem Tod über Statuen, Gedenktafeln und Museen die Anerkennung nachgereicht bekommen, die ihnen zeitlebens verwehrt geblieben ist.
Es ist bedauerlich, aber meist brauchen wir etwas länger, bis wir kapieren und uns von Vorurteilen, von Geringschätzung, von Neid lösen können.

Das „memento mori"– die Tatsache, dass unser aller Zeit hier miteinander begrenzt ist – trage ich als spirituelles Moment in dieses Evangelium ein.
Es steht da nicht so drin, aber ich denke, es lohnt, einmal nachzudenken, was ich den Menschen meiner unmittelbaren Umgebung, meines Lebens jetzt, also noch zu Lebzeiten an Anerkennung aussprechen möchte.

Jesu Enttäuschung wird für mich zur Mahnung, zur Erinnerung, sich zu Lebzeiten nichts an Anerkennung und Wertschätzung schuldig zu bleiben, was man sich gegenseitig hätte zugestehen können.

Spirituell Erfahrene, die Heiligen empfehlen eine Art vorgezogene Beerdigungsfeier, um das verbleibende Leben besser würdigen, gestalten zu können:
Ihre Frage ist, auf was möchte ich am Ende zurückblicken können?
Ignatius kennt in seinem Exerzitienbuch eine „Betrachtung zur Todesstunde", wo er bedenkt, was er zum Zeitpunkt seines Todes gelebt, verwirklicht haben will?
Ich mag diese Betrachtung nicht sehr, ich muss immer einen Widerstand überwinden, wenn von dieser Betrachtung die Rede ist, weil sie mich mit einer sicheren Realität konfrontiert, dem eigenen Tod, von der ich jetzt noch nichts wissen will, ich lebe gerne!

Anderseits: „Bernhard Heindl war ein wirklich wertschätzender Mensch ...", wenn man das ehrlichen Herzens auf meiner Beerdigung sagen könnte, würd' mich das freuen!
Also, warum nicht, immer wieder der Anlauf, die innere Frage: Was möchte ich dem Nächsten wertschätzend sagen, gesagt haben?

Es braucht Mut und Größe, einander Wertschätzung zukommen zu lassen und dabei könnte Wertschätzung und Anerkennung das Große, das in uns lebt und lebendig werden möchte, schneller ans Tageslicht heben und für alle hilfreich werden.

Hintergründe, die wir voneinander wissen, nicht zu Abgründen werden lassen! Alltägliche Kleinigkeiten, die wir voneinander wissen, drohen mitunter das Große, das Staunenswerte, das auch in uns lebt, zu ersticken.
Es erstaunt mich immer wieder, wie ein Mensch unter einem Lob wächst und aufblüht!
Jesus, der so Großartiges geleistet hat, wo Menschen im Glauben schenkten, ihm versagt die Inspiration, wo man verächtlich und klein von ihm denkt:
„Und er konnte dort keine Wunder tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie."

Die Nazarener hätten noch Größeres sehen können, wenn sie ihrem Propheten nicht die Flügel gestutzt hätten! Flügel stutzen oder sich beflügeln?! Das Große, das in uns lebt, heben, damit es Wirkung zeigen kann und allen nützt.
Über die traurige Erfahrung, die Jesus machte, lernen und einander offen, großmütig, anerkennend begegnen.

Eine weitere spirituelle Blickrichtung auf das heutige Evangelium ist für mich:
Wo passiert es mir, dass ich Gott, das Wirken Gottes in meinem Leben entkräfte, minimiere, es abtue, nicht sehen will?
Wo bin ich „Nazarener", wo habe ich mich in der Entkräftung Gottes „beheimatet"?

Vielleicht hat unserer Zeit es gar nicht so leicht, über das Wirken Gottes in unserer Welt zu staunen. Denn in Kausalketten, warum etwas geschieht, wie es geschieht, müssen wir nicht - wie vergangene Zeiten - alles mit Gott erklären. Die Wissenschaft hat beachtliche, erfreuliche Fortschritte gemacht, wir können so viel ohne Gott erklären, dass letztlich die Verlegenheit in einem aufkommen kann, ob Gott überhaupt noch etwas tut, wirkt?

Kann man nicht unterdessen fast alles, was man mit ihm erklären kann, auch genauso gut ohne ihn erklären? Aber wenn dem so ist, wer verbietet es mir dann, es einfach öfter mit Gott zu erklären?

„Dem Glauben mehr Glauben schenken und den Zweifel bezweifeln", ist für mich zu einem hilfreichen Erinnerungssatz geworden. Warum hat der Zweifel so einen starken Verpflichtungscharakter für mich? Ich öffne ich ihm so leicht Tor und Tür, wenn er mich beschleicht oder an mich herangetragen wird?

Und verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Es gibt einen hilfreichen, einen reinigenden Zweifel, ... aber es gibt auch einen fruchtlosen, einen selbstgefälligen, wo man auf der Stelle tritt, retardiert ...

„Dem Glauben mehr Glauben schenken und den Zweifel bezweifeln" oder anders gesagt: Habe ich heute schon über das Leben gestaunt, dessen Ursache ich nach wie vor in Gott sehe? Habe ich heute schon über das Leben gestaunt oder hat die Geringschätzung in mir die Stimmung übernommen?

Der Nazarener in mir ... oder: Nazaret, ich bin dir dankbar!
- Du hast einen Propheten hervorgebracht, der mich lehrt,mit Wertschätzung nicht zu sparen, sie einander nicht vorzuenthalten!
- Du hast einen Propheten hervorgebracht, der mir zeigt, dass Glauben nicht schwer sein muss, dass Staunen ein Glaubensausdruck ist, der dem Leben gerechter wird als zweifeln. – Amen.

 

P. Bernhard Heindl SJ


Foto: milos-hajder-SVBUZs1wr1I-unsplash

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