Wie beten gehen kann

Predigt zum Nachlesen von P. Bruno Niederbacher SJ

Symbol

Wie beten gehen kann
Anregungen aus dem Evangelium der Verklärung Jesu

Die Szene des Evangeliums ereignet sich im Rahmen eines Gebets. Alles geschieht während Jesus betet. So möchte ich mit dieser Bibelstelle entfalten, wie beten gehen kann.

1. Jesus nahm die drei Jünger beiseite und stieg mit ihnen auf einen Berg. Wer auf einen Berg geht, nimmt sich Zeit, unterbricht seine Alltagsgeschäfte. Wer auf einen Berg geht, geht mit leichtem Gepäck. Wer auf einen Berg geht, geht oft mit keinem anderen Ziel, als zu gehen und Ruhe zu suchen. Das ist der erste Schritt beim Beten. Ich unterbreche meine Alltagsgeschäfte. Ich lasse alles beiseite: Handy, Bücher, Arbeiten... Ich nehme mir bewusst Zeit. Ich möchte mich überraschen lassen, zulassen, was geschieht. Ich bitte um die Gnade, diese Zeit Gott schenken zu können.

2. Auf dem Berg angekommen, veränderte sich das Aussehen von Jesu Gesicht und sein Gewand wurde leuchtend weiß. Er erschien im strahlenden Licht. Das ist der zweite Schritt. Ich stelle mich bewusst in die Gegenwart Gottes, werde mir inne, dass sein Angesicht über mir leuchtet.

3. Auf dem Berg passierten dann überraschende Dinge: Mose und Elija waren da. Sie redeten mit Jesus. Und Petrus nahm irgendwann am Geschehen teil. Mich erinnert dies an die Meditation, die wir Jesuiten von Ignatius von Loyola gelernt haben und ausüben. Nachdem ich in die Stille eingestiegen bin und mir bewusst wurde, vor Gottes Angesicht zu sein, lasse ich eine Bibelstelle in meiner Vorstellung lebendig werden. Ich stelle mir die Personen vor, die dort vorkommen, ich sehe, was sie tun, ich höre, was sie sagen. Ich ergänze die Dialoge. Aber ich betrachte die Szene nicht bloß von außen, wie einen Film. Ich nehme selbst daran teil, als ob ich gegenwärtig wäre. Ich begebe mich in meiner Vorstellung in das Geschehen hinein. Wie Petrus werde ich Teil der Geschichte. Diese Betrachtungsweise ist in der christlichen Tradition sehr alt. Ignatius hat sie nicht erfunden, sondern bei Ludolf von Sachsen kennengelernt. Der schreibt in der Einleitung zu seinem Buch Vita Christi: „Beglückwünsche die Jungfrau-Mutter, die deinetwegen schwanger wird. Sei bei seiner Geburt... Geh mit den Magiern nach Betlehem und bete mit ihnen den noch kleinen König an... Sei gegenwärtig, wenn er stirbt und teile den Schmerz seiner heiligen Mutter... Suche den Auferstandenen mit Maria von Magdala..." Ich begebe mich also in die Szene hinein und nehme wahr, was passiert. Das ist der dritte Schritt.

4. Petrus begann mit Jesus zu reden: „Meister, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija." Das ist der vierte Schritt. Die Betrachtung findet zwar in meiner Vorstellung statt. Aber sie weckt allerlei Gefühle, Wünsche und Gedanken in mir, die real sind. Ich rede darüber in einem Gespräch, das ich mit Jesus führe. Manchmal drücke ich Freude und Dankbarkeit aus wie Petrus: „Wie gut es ist, hier zu sein." Manchmal drücke ich meine Sorge aus, meine Angst, meine Trauer, meine Ohnmacht, meine Zweifel. Manchmal suche ich Rat oder seufze ihm meine Ratlosigkeit entgegen.

5. Dann heißt es: „Während er noch redete, kam eine Wolke... Sie gerieten in die Wolke hinein." Die Wolke ist ein Bild für Gottes Gegenwart. Eine Wolke ist da, kann sie aber nicht greifen oder festhalten. So ist Gottes Gegenwart. Er ist da, ich kann ihn aber nicht begreifen. Ich kann mich nur von dieser Wolke umhüllen lassen. Mystiker sprechen von der „Wolke des Nichtwissens". Eine Wolke kann uns ganz umhüllen und trotzdem Raum geben. Wenn ich eintauche in diese Wolke der Gegenwart Gottes, wird es nicht eng. Im Gegenteil: Gott umgibt mich von allen Seiten, und das macht mich frei. Und schließlich heißt es von der Wolke: „Sie warf ihren Schatten auf sie." Auch das ist ein hilfreiches Bild: Vom Schatten einer Wolke berührt zu werden, besonders an einem heißen Sommertag: welch sanfte Weise der Berührung! Das ist der fünfte Schritt. Ich tauche ein in diese geheimnisvolle Wolke der Stille. Sie zieht mich an und ich möchte in ihr bleiben. Es geht nicht mehr so sehr um Wissen und Begreifen. Ich bin da und lasse mich berühren.

6. Und dann heißt es: „Da rief eine Stimme aus der Wolke: Das ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören." Beten ist nicht nur Warten und Reden und Schweigen. Beten ist noch mehr ein inneres Hören. Bei Kierkegaard heißt es: „Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen; zuletzt wurde ich ganz still. Ich wurde still, ja, was womöglich ein noch größerer Gegensatz zum Reden ist, ich wurde ein Hörer." Ich horche also hinein in die Stille mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit ganzer Aufmerksamkeit. Was höre ich? „Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter...", das gilt auch uns.

Das heutige Evangelium bietet also Anregungen, wie man beten kann. Vielleicht greifen Sie sie einmal auf.

 

P. Bruno Niederbacher SJ


Bild: Artem Kovalev über Unsplash.com

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