Wann haben Sie das letzte Mal ein Opfer gebracht? Was ist das überhaupt, ein Opfer? Im moralischen Sinn ist die Frage nicht allzu schwer zu beantworten. Ein Opfer bringen wir, wenn wir in der Hingabe für andere Menschen und füreinander leben, wenn wir etwas tun, wozu wir spontan vielleicht keine Lust haben, was aber dennoch notwendig und wertvoll ist. Wir bringen ein Opfer, wenn wir Zeit und Kraft und Aufmerksamkeit für andere aufwenden, wenn wir andere Menschen materiell unterstützen, mit ihnen teilen, wenn wir Leid lindern, wenn wir da sind für andere, auch wenn das schwierig und unangenehm sein mag. Eltern, Ehepartner, Ordensleute, Freunde, Staatsbürger - sie alle müssen Opfer bringen. Auch im Berufsleben muss man manchmal Opfer bringen, nicht nur um der eigenen Karriere willen, sondern mit Blick auf das große Ganze. Nur wo Menschen in der Hingabe füreinander leben, kann Leben wirklich gelingen. Aber wie wir wissen, ist das für uns gar nicht so leicht. Immer wieder gewinnt der Egoismus, im Großen wie im Kleinen. Immer wieder hält uns die Angst um uns selbst davon ab, wirklich selbstlos zu sein. „Jeder ist sich selbst der Nächste", meinen deshalb viele zynisch. Opferbereitschaft gilt heute nicht als besonders sexy, vielleicht auch deshalb, weil sie übel ausgenutzt werden kann. Durch zu viel Opferbereitschaft kann man selbst zum Opfer werden.
Und dann gibt es auch noch das Opfer im religiösen Sinn. Was könnte damit gemeint sein? In den meisten Religionen bringen Menschen den Gottheiten irgendwelche Opfer dar. Durch das Opfer soll Gott gnädig gestimmt werden. Durch das Opfer beweist man den eigenen Gehorsam Gott gegenüber. Und vielfach will man durch ein Opfer die Gottheit auch im Sinne der eigenen Wünsche und Bedürfnisse beeinflussen, ganz nach dem Motto: „Ich gebe Dir etwas, aber dafür musst auch Du etwas für mich tun." Man verzichtet zum Beispiel in der Fastenzeit auf die geliebten Schokokekse und erwartet sich dann von Gott dafür irgendeine Belohnung oder Hilfestellung.
Das klingt recht harmlos. Die Bindung Isaaks, die wir in der Lesung gehört haben, zeigt aber, dass der Opfergedanke alles andere als harmlos ist. Gott will anscheinend von Abraham das ultimative Opfer, er befiehlt ihm, seinen Sohn Isaak zu opfern. Und Abraham hat einen so großen Gehorsam, dass er bereit ist, seinen geliebten Sohn für Gott zu schlachten, wenn auch unter schweren Gewissensnöten. Abraham zeigt blinden Gehorsam. Aber was ist das für ein Gott, der solche Unmenschlichkeiten fordert? Was ist das für ein Gott, der Menschen so grausam auf die Probe stellt? Und was ist das für ein Vater, der zu solchen Dingen bereit ist? Auch wenn der Engel des Herrn das Schlimmste verhindert, ist die Geschichte doch skandalös. Und sie bleibt skandalös, selbst wenn wir wissen, dass hier im Hintergrund die Abkehr Israels vom Menschenopfer thematisiert wird: Gott will keine Menschenopfer, er begnügt sich Widdern und Böcken. Religionsgeschichtlich ist das immerhin ein großer Fortschritt.
Wie kann man den Opfergedanken christlich verstehen? Nun, durch Jesus Christus kommt es zu einer Revolution des Opfergedankens, zu einer völligen Umkehr der Richtung. Gerade hier gilt: „Denkt um, ändert euer ganzes Sinnen und Trachten, und glaubt an das Evangelium!" Nicht wir Menschen müssen Gott ein Opfer darbringen, um ihn gnädig zu stimmen, sondern Gott selbst gibt sich in seinem Sohn für uns hin. In Christus hat Gott die ganze Welt mit sich versöhnt. Gott gibt uns in Jesus sein gutes Wort. Und in diesem Wort schenkt er uns Gemeinschaft mit sich selbst, nimmt uns auf in die ewige Liebe des Vaters zum Sohn, die der Heilige Geist ist. Das geht auch den Jüngern auf dem hohen Berg auf, dem Ort der Gottesbegegnung. Den Jüngern geht auf, wer dieser Jesus wirklich ist, was dieser Jesus mit Gott zu tun hat. Gott ist da, Gott zeigt sich, Gott offenbart sich, und zwar in und durch Jesus. Die Jünger machen eine Glaubenserfahrung, sie kommen zum Glauben an Jesus als den Sohn Gottes. In Jesus schenkt uns der unbegreifliche Gott seine rettende Gegenwart. In Jesus ist uns Gott ganz nah, ohne uns mit seiner Herrlichkeit zu erdrücken.
Der wahre Gott braucht keine Opfer, und seine Zuwendung ist völlig bedingungslos, sie gilt unter allen Umständen, im Glück und im Leid, im Leben und im Sterben. Wir müssen und wir können nichts tun, um Gottes Liebe zu erringen. Aber wir dürfen sie uns im Glauben an das Wort Gottes von Jesus her gesagt sein lassen, immer wieder neu. Paulus schreibt im 2. Korintherbrief einmal: „Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!" Das ist eine ungeheuerliche Aussage. Letztlich sind nicht wir die Bittenden, sondern Gott bittet uns in Jesus Christus, dass wir auf sein Wort vertrauen mögen. Er fleht uns geradezu an: „Vertrau doch auf meine Liebe, ich bin bei Dir, ich befreie dich von all deine Sünden, nichts kann dich von mir trennen." Gott als Bittsteller. Findet er Menschen, die seiner Bitte entsprechen? Das Kreuz Jesu ist nur so zu verstehen, dass Menschen dieser Bitte nicht entsprochen haben, diese Bitte grausam abgelehnt haben. Aber Jesus ist seiner Botschaft bis zum Äußersten treu geblieben. Er hat sich auch angesichts der Todesdrohung nicht erpressen lassen, er hat sich auf seine Botschaft festnageln lassen, damit wir glauben können. Und so kann man das Kreuz Jesu auch als Opfer verstehen, als Zeugnis zu unseren Gunsten, als letzte Konsequenz seiner Hingabe für andere. In jeder Eucharistiefeier wird diese Lebenshingabe Jesu gegenwärtig.
Liebe Schwestern und Brüder, das einzige Opfer, das wir Gott darbringen können, das ist unser Glaube an ihn, das dankbare Vertrauen auf sein gutes Wort. Und wer im Glauben erfasst, dass er von Gott bedingungslos angenommen ist, der kann dann auch anders leben. Freier, mutiger, liebevoller, so wie Jesus, in der Hingabe füreinander und nicht mehr gefangen in der Angst um sich selbst. Erst so kann unser Leben wirkliche Erfüllung finden. Denn dazu sind wir geschaffen. Amen.
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