Woher nehmen wir die Kraft zum Leben? Das Leben kann schwierig sein, das wissen wir alle. Meist kommt es anders, als wir geplant haben. So viel ungelebtes Leben, so viel unverwirklichtes Potential. Was ist aus unseren Träumen und Idealen geworden? Die harte Wirklichkeit holt uns ein. Wir machen Leiderfahrungen und Erfahrungen der Vergeblichkeit, Enttäuschungen. Wir werden enttäuscht, von anderen Menschen, von uns selbst. Wir müssen mit Aufgaben kämpfen, die uns überfordern oder nicht erfüllen. Und wenn wir keine Aufgaben haben, dann quält uns die Langeweile, die Leere. Jeder von uns geht auf den sicheren Tod zu. Die meisten von uns haben schon geliebte Menschen verloren. Wird durch den Tod nicht alles sinnlos? Viele werden gequält von Sinnlosigkeitsgefühlen. Woher nehmen wir die Kraft zum Leben?
Diese Frage stellt sich auch für Elija. Er kann nicht mehr, er möchte einfach nur noch sterben. Er ist todmüde, ausgebrannt, am Ende. Die Wanderung des Propheten Elija zum Gottesberg Horeb hatte als Flucht vor dem Zorn der Königin Isebel begonnen. Dann begegnete er dem Gottesboten. Der Prophet erlebt wie das Volk Israel in der Wüste Müdigkeit und Verzweiflung. Jeder Prophet muss durch diese Nacht hindurchgehen. Und auch für uns Christen gilt, dass wir immer wieder Nachterfahrungen machen und unterschiedlichen Anfechtungen ausgesetzt sind. Gott scheint abwesend zu sein, ich kann seine Nähe nicht mehr erfahren. Das ganze Leid in der Welt, all der Irrsinn, der da vor sich geht, die Unmenschlichkeit und Dummheit, die Situation der Kirche, auch mein eigenes Unvermögen. All das kann einen an den Rand der Verzweiflung führen. Woher nehmen wir die Kraft zum Leben?
Wir brauchen Nahrung, die uns wirklich Kraft gibt, Nahrung, die unseren existentiellen Hunger nach Geborgenheit stillt. Was ist ihre Nahrung? Woher nehmen sie die Kraft zum Leben? Was stillt ihren Hunger, die Sehnsucht ihres Herzens nach Glück und Sinn? Das Problem des Menschen ist, dass nichts in der Welt seinen existentiellen Hunger wirklich stillen kann. Von uns aus finden wir immer nur Götzen, an die wir uns klammern, aber die nicht halten können, was sie versprechen. Das menschliche Herz ist eine Götzen-Fabrik. Die Götzen sind unbarmherzig, man muss viel leisten, um sie zu haben. Sie geben uns nicht wirklich Kraft, sondern laugen uns aus, machen uns schwach. Weltvergötterung führt zwangsläufig zur Verzweiflung an der Welt. Woher nehmen wir die Kraft zum Leben?
Jesus sagt: „Ich bin das Brot des Lebens". Jesus selbst ist die Kraft unseres Lebens. Er will uns nähren, er will unsere Nahrung sein. Nur in ihm finden wir die letzte Erfüllung, nur durch ihn können wir wahrhaft leben. Wie kann man das verstehen?
Jesus offenbart uns Gott. Ohne Jesus wüssten wir nicht, wie Gott es mit uns meint, ohne Jesus hätten wir keine Beziehung zu Gott, ohne Jesus wäre Gott abwesend und verborgen. Und wir wären unseren selbstgemachten Gottesbildern und Götzen ausgeliefert. Aber in Jesus kommt uns der wahre Gott ganz nahe, näher als wir uns selber kommen können. Denn Jesus bringt uns Gemeinschaft mit dem Vater. Die Botschaft Jesu ist, dass er der von Ewigkeit her geliebte Sohn Gottes ist, und dass wir an seiner Beziehung zum Vater Anteil bekommen. Wir werden aufgenommen in die Liebe Gottes zu Gott, in die Liebe des Vaters zum Sohn, die der Heilige Geist ist. Nur so ist Gemeinschaft mit Gott möglich. Das ist unser Glaube. Diesen Glauben verdanken wir Jesus, seinem Wort. Und dieser Glaube bedeutet ein letztes Geborgensein, gegen das keine Macht der Welt ankommen kann. Sogar der Tod hat dann nicht mehr die Macht, uns von Gott zu trennen. Wer glaubt, hat das ewige Leben. Das ewige Leben ist nichts anderes als die Gemeinschaft mit Gott, die schon jetzt beginnt und niemals enden wird.
Woher nehmen wir die Kraft zum Leben? Wir kennen viele Kraftquellen, aber die eigentliche Kraftquelle ist Gott, so wie er sich uns in Jesus offenbart. Denn Gott ist die Quelle allen Seins, nichts kann existieren ohne ihn, er ist die unbegrenzt-unbegreifliche Wirklichkeit, von der alles abhängt. Gott ist in allem mächtig. Wenn dieser Gott uns sein Wort gibt, sich uns zusagt, dann kommt nichts dagegen an. Wer mit diesem Gott Gemeinschaft hat, der kann in der Freiheit der Kinder Gottes leben, nicht mehr gefangen in der Angst um sich selbst, sondern befreit zu wahrer Menschlichkeit. Das bedeutet nicht, dass wir dann keine Probleme mehr hätten, kein Leid und keine Enttäuschung. Vielleicht nehmen wir das alles dann sogar viel schärfer wahr. Aber wir haben dann die Gewissheit, dass uns nichts von Gott trennen kann. Und damit ändert sich alles. Immer wieder neu dürfen wir mit dem Glauben anfangen, immer wieder neu dürfen wir uns an Jesus halten, zu ihm kommen und unseren Hunger stillen.
In der Eucharistie wird es ganz deutlich, dass Jesus das Brot des Lebens ist. Gewöhnliches Brot und gewöhnlicher Wein werden in der Kraft des Heiligen Geistes gewandelt und zu Lebensmitteln des Glaubens, zu Jesu Leib und Blut. Der Sohn Gottes will unsere Nahrung sein, er gibt sich uns hin, wir nehmen ihn auf, er verbindet sich mit uns in einer Weise, gegen die keine Macht der Welt ankommt: Wir bekommen Anteil am Leben Gottes. Martin Luther hat einmal gesagt, „in der Eucharistie werden wir ein Kuchen mit Christus." Gott sieht in jedem von uns seinen eigenen geliebten Sohn, er erfüllt uns mit der Gerechtigkeit und Heiligkeit Jesus Christi. Das ist unser Glaube. Und in diesem Glauben finden wir die Kraft zum Weitergehen auf unserem Weg. Amen.
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