So spricht der Teufel: „Bete mich an, und ich lege dir Grönland und Kanada und Mexiko zu Füßen, und die seltenen Erden der Ukraine noch dazu."
Schwestern und Brüder, die Gier nach grenzenloser Macht ist der gefährlichste Virus der Menschheit, er plagt uns seit Jahrtausenden, keine Impfung wurde noch gegen ihn entwickelt. Hunderte Millionen von Menschen sind diesem Virus zum Opfer gefallen. An diesem zentralen menschlichen Schwachpunkt rückt der Teufel Jesus zu Leibe. Jesus hat gefastet, er hat Hunger, er ist geschwächt, aber geistlich ist er stark. Er antwortet mit Worten der Heiligen Schrift, die er von Kindheit an gelernt hat, die er wohl auch in der Wüste verinnerlicht hat: „Vor JHWH deinem Gott sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen." In Momenten der Schwäche und Versuchung kommt es darauf an, was wir verinnerlicht haben, auf welche absoluten Prioritäten wir unser Leben bauen. Wenn wir stark sind, vom guten Geist beflügelt, sagt der Heilige Ignatius, sollen wir die Kraft nützen, um uns im Guten zu stärken, uns zu wappnen für die Momente der Traurigkeit, der Schwäche, der Versuchung.
Die Versuchung der großen Macht, könnten wir denken, betrifft nur die Großen. Diejenigen oberen Zehntausend der Welt, die wirklich in die Nähe der Macht kommen, die im Geld baden wie Musk, die den Knopf zur Atombombe betätigen können. Die große Macht hat aber eine verhängnisvolle Ausstrahlung auf die vielen kleinen Menschen wie dich und mich, von denen sie abhängt. Wir kleinen Menschen haben die Tendenz, Reichtum und Macht zu bewundern, und wenn wir uns schon nicht anbiedern, wollen wir der Macht nicht in die Quere kommen, das ist besser für die eigene Sicherheit. Besser nicht kritisieren, besser mit dem Strom schwimmen. In der Wüste zeigt uns Jesus, was Widerstand bedeutet. Er widerspricht dem scheinbar mächtigen Diabolos ins Gesicht, und gibt ausschließlich dem einzigen Gott die Ehre.
Zwei Gegenmittel gegen die diabolische Versuchung der Macht bietet uns dieser erste Fastensonntag an. Das erste Gegenmittel finden wir in der ersten Lesung aus dem Buch Deuteronomium. Mose nimmt jene Zeit in den Blick, wenn Israel ins Land gekommen ist. Die Israeliten sollen dann mit den ersten Früchten des Landes in den Tempel kommen und ein Dankgebet sprechen. Sie bekennen, dass Gott sie befreit hat aus Ägypten, dem Imperium der Gewalt, und ihnen dieses schöne Land gegeben hat. „Und siehe, nun bringe ich hier die ersten Erträge von den Früchten des Landes, das du mir gegeben hast, Herr." Das Bewusstsein, dass Gott die Erde gehört, dass er das Leben und überhaupt alles gibt, kein dahergelaufener Diabolos dieser Welt, stärkt unser Immunsystem gegen den Virus der Macht. Darauf legt auch Ignatius wert in seinen großen Betrachtungen zur Erlangung der Liebe: alles betrachten, all das Schöne und Gute, das mir im Leben geschenkt ist. Dankbarkeit ist die Quintessenz der Liebe zu Gott.
Ein zweites Gegenmittel gegen die diabolische Versuchung der Macht sind die Werke der Barmherzigkeit. Denn bei ihnen geht es darum, in Kontakt zu treten mit Leidenden, Trauernden, Schwachen – gerade das Gegenteil unserer Tendenz, die Macht zu bewundern. Alwin Hecher hat für uns in seinem Fastentuch fünf Bilder zur Betrachtung Werke der Barmherzigkeit in der Fastenzeit geschaffen. Konzentrieren wir uns heute auf das zweite, oben rechts – Gefangene besuchen. Inspiriert ist das Bild von der Szene, als Anna Lechner, die im Schlachthofblock im Saggen wohnte, im Frühjahr 1944 Leokadia Justman im Gefängnis beim Bahnhof besuchte. Die 22jährige Leokadia musste jeden Moment damit rechnen, in der Herrengasse verhört und gefoltert, oder an einem Freitag nach Auschwitz deportiert oder kurzerhand erschossen zu werden, wie die Nazis das in Polen so oft machten. Dementsprechend verzweifelt war sie. Bei einem emotionalen Zusammenbruch hört sie, wie ein Wachmann kommt, sie fürchtet, sie wird abgeholt, aber der Wachmann bringt ein Paket mit Essen und Blumen. Im Text sind es Maiglöckchen – im Bild von Alwin Hecher sind es Vergiss-mein-nicht. Leokadia sieht, das Geschenk kommt von Frau Lechner, bei der sie gewohnt hatte. Leokadia klettert schnell zum Fenster hinauf, zieht sich an den Gitterstäben hinauf und sieht Anna Lechner mit ihrem kleinen Sohn Martin, der ihr ein Kusshändchen zuwirft. Martin lebt bis heute in Innsbruck. Anna Lechners Mann Luis war Polizist, er war in Mauthausen zu Tode geprügelt worden. Sie konnte in Innsbruck nur noch in einem Lebensmittelgeschäft einkaufen. Auf der Straße wurde sie als „KZler-Hure" beschimpft. Und trotzdem, obwohl sie weiß, dass ihre Untermieterin, die ihr ans Herz gewachsen ist, eine Jüdin ist, kommt sie ins Gefängnis und bringt ihr ein Paket. Sie nimmt das Risiko auf sich, als Judenfreundin noch weiter diffamiert zu werden. Anna Lechner war keine Heilige. Aber indem sie dieses Werk der Barmherzigkeit tut, ist sie ein Vorbild. Sie hat genug Widerstandskraft, sie kuscht nicht vor den Mächtigen, ihr ist das Mitgefühl mit ihrer Untermieterin, die sich so sehr mit dem kleinen Martin angefreundet hat, wichtiger als die Gefahr weiterer Repressalien.
Es passt zum gestrigen Weltfrauentag, dass die meisten Protagonistinnen auf unserem Fastentuch Frauen sind. Frauen, habe ich den Eindruck, haben tendenziell größere Widerstandskraft gegen den Virus der Macht, sie haben tendenziell stärkere Fähigkeiten der Empathie mit leidenden Menschen. Deshalb bin ich persönlich der Überzeugung, dass es der Menschheit besser ginge, wenn Frauen mindestens die Hälfte der öffentlichen Verantwortung tragen würden, auch in der Kirche.
Die Fastenzeit möchte uns Raum geben, uns gegen die Versuchung der Anbetung der diabolischen Macht zu stärken. Nehmen wir uns zum Beispiel jeden Tag vor dem Schlafengehen ein paar Minuten, um Gott zu danken für all das Schöne und Gute, das er uns heute geschenkt hat. Besuchen wir einmal in der Fastenzeit bewusst eine Person, die einsam ist, unter Ängsten leidet, gefangen ist in der Enge des Lebens. Bringen wir Freude mit, ein Lied, Schokolade, Blumen – es sind die kleinen menschlichen Gesten, die Barmherzigkeit spürbar machen.
P. Dominik Markl SJ
Bild: Zoritsa Valova via unsplash.com