„Unsere Heimat ist im Himmel. Von dorther erwarten wir auch Jesus Christus, den Herrn, als Retter." Unsere Heimat ist im Himmel? Was soll das bedeuten? Wir Menschen sind ja Geschöpfe der Erde. Diese Erde sollen wir bewohnen, behüten, bearbeiten und auch genießen. „Bleibt der Erde treu!" hat Nietzsche in seinem Hymnus auf das Leben gefordert. Wie kann man die Aussage aus dem Philipperbrief verstehen?
Heimat, liebe Schwestern und Brüder, Heimat ist ein menschliches Grundbedürfnis. Jeder Mensch braucht Heimat. Damit meine ich nicht bloß die Staatsangehörigkeit. Man kann sich auch im eigenen Land fremd fühlen. Heimat ist der Ort, wo man hingehört, wo man angenommen wird, so wie man ist, ohne etwas leisten zu müssen, wo man Geborgenheit erfährt, wo man die anderen versteht und von ihnen verstanden wird, auch ohne große Worte. Jeder Mensch braucht Heimat. Wir Menschen haben eine tiefe Sehnsucht nach Beheimatung, nach Zugehörigkeit.
Wir wollen Heimat haben, und finden sie doch immer nur ansatzweise und vorläufig. Neben den Heimaterfahrungen gibt es Erfahrungen der Heimatlosigkeit, Erfahrungen der Ungeborgenheit und Fremdheit. Nichts in dieser Welt kann uns letzte Heimat sein, weil alles in dieser Welt vorläufig und vergänglich ist. Alles Glück dieser Welt hat ein Ablaufdatum. Die meisten von uns haben schon geliebte Menschen verloren, Menschen, die für uns Heimat waren. Wir alle, ob alt oder jung, gehen auf den Tod zu. In diesem Tod wird unsere existentielle Heimatlosigkeit ganz deutlich. Alle Versuche, bleibende Heimat zu finden, erweisen sich dann als zwecklos. Unser Lebenshaus wird einmal abgerissen, wir wissen nicht wie und wann, aber einmal werden wir abgeschoben, ausgewiesen aus dem Land der Lebenden, hinaus in die dunkle, kalte Nacht. Wenn wir Christus am Kreuz betrachten, dann können wir etwas erfahren von der furchtbaren Heimatlosigkeit des Menschen.
In dieser hoffnungslosen Lage hören wir die Botschaft: „Unsere Heimat ist im Himmel." Das bedeutet: Gott ist unsere wahre Heimat. Denn der Himmel ist da, wo Gott ist. Der Himmel ist kein jenseitiger Ort, wo wir nach dem Tod auf Wolken sitzen und in alle Ewigkeit „Halleluja!" singen. Ein solcher Himmel wäre kein Grund zur Hoffnung, ein solcher Himmel wäre eine Horrorvorstellung. Dann lieber ein endgültiges Aus. Nein, der Himmel, das ist unsere Gemeinschaft mit Gott, gegen die auch der Tod keine mehr Macht hat. Ewiges Leben ist keine zeitliche Fortsetzung des irdischen Lebens unter anderen Bedingungen. Mit dem Tod vollendet sich unsere Lebensgeschichte, mit dem Tod hört die Zeit auf. Das ewige Leben dauert nicht unendlich lang, sondern es ist vollendetes Leben, Leben in Fülle. Und dieses ewige Leben ergreifen wir schon jetzt im Glauben an Jesus Christus. Durch Jesus haben wir Zugang zu Gott. Durch seine Botschaft, durch das Evangelium, wird offenbar, dass wir an seiner Beziehung zum Vater Anteil teilhaben, hineingenommen sind in die Liebe zwischen Gott-Vater und Gott-Sohn, erfüllt vom Heiligen Geist, geborgen im Lebensraum der Dreifaltigkeit. Das ist auch den Jüngern aufgegangen am Berg Tabor, bei der Verklärung Jesu. Jesus ist nicht nur ein vergänglicher Mensch, nicht nur ein Prophet wie Elija oder ein Gesetzeslehrer wie Mose, sondern in Jesus ist der Schöpfer der ganzen Wirklichkeit mitten unter uns. In Jesus kommt Gott selbst auf uns zu, aber nicht als niederdrückend-verurteilende Macht, sondern als befreiende Liebe.
„Ich liebe dich. Niemals werde ich dich verlassen. Du gehörst mir, und keine Sünde und kein Tod können daran etwas ändern." So spricht Gott zu uns durch Jesus, seinen geliebten Sohn. Auf ihn sollen wir hören, auf ihn dürfen wir hören, immer wieder neu, gerade dann, wenn alles dunkel und unsicher wird. Allein Gottes Wort gibt uns Gewissheit. In seinem Wort überkleidet uns Gott mit der Gerechtigkeit Jesu. In jedem und jeder von uns sieht er den ewigen Sohn. Unser armseliger Leib wird verwandelt in die Gestalt seines verherrlichten Leibes. Unendliches Geliebt-Sein: das ist der Himmel, das ist unser ewiges Leben.
Gott ist die unbegrenzte Fülle des Seins. Nur er hat ewiges Leben. Aber durch Jesus bekommen wir Anteil an diesem Leben. Gott schenkt sich selbst, gibt sich uns hin. Er hält nichts zurück und lässt uns für immer teilhaben an seinem Leben. Dieses Leben übersteigt so wie Gott selbst alle unsere Vorstellungen und alles Begreifen. Es ist Geheimnis. Wir können nur in Gleichnissen davon sprechen. Gute irdische Erfahrungen – Gemeinschaft, Friede, Erfüllung, Verständigung und Gelingen – werden zu schwachen Bildern für die Gemeinschaft mit Gott. Und all die negativen Erfahrungen – Leiden, Schuld und Vergänglichkeit – sie haben nicht mehr das letzte Wort. Das Sterben bleibt uns nicht erspart, aber der Tod ist entmachtet durch unseren Retter Jesus Christus.
Nur in Gott finden wir also endgültige Heimat, nur in Gott findet unser armes Herz Frieden. Frei nach Augustinus: „Ruhelos ist das Herz des Menschen, bis es Heimat findet in Dir, mein Gott!" Ist das Jenseitsvertröstung? Eine entmündigende Beschwichtigung mit dem Eiapopeia vom Himmel, wie Heinrich Heine gemeint hat? Oder Opium für das Volk? Ein spirituelles Sedativum? Nein, denn das ewige Leben ist ja dieses Leben, das wir jetzt führen, allerdings in seiner vollendeten, verherrlichten Gestalt und für immer geborgen in Gott. Im Tod nehmen wir unsere Lebensgeschichte mit all ihren Beziehungen, Erfahrungen und auch Verwundungen geläutert und verklärt mit in die Ewigkeit Gottes. Jeder Augenblick gewinnt dadurch eine ewige Bedeutung, nichts geht verloren. Der Glaube an Gott bringt uns erst in das richtige Verhältnis zur Welt, zu anderen Menschen und zu uns selbst. Wer glaubt, ist davon befreit, sich an irgendetwas in der Welt um jeden Preis festzuklammern. In dieser Freiheit muss man irdische Glückserfahrungen nicht mehr vergöttern, sondern kann sie dankbar als Gleichnisse für Gottes Liebe verstehen. Und man muss es nicht mehr verdrängen oder daran verzweifeln, dass alles Glück dieser Welt sehr zerbrechlich und vergänglich ist. Diesen Glauben haben wir nicht als einen sicheren Besitz in der Tasche, sondern immer nur unter Anfechtung, bis zum letzten Atemzug. Und dieser Glaube provoziert auch immer wieder Ablehnung, sonst ist es gar nicht wirklicher Glaube. Gerade weil sie sich nicht mehr den Mächten und Gewalten dieser Welt unterwerfen müssen, werden Glaubende verfolgt. Trotzdem können sie voller Hoffnung leben. Denn ihre Heimat ist im Himmel. Amen.
P. Robert Deinhammer SJ
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