Neun Monate vor Weihnachten feiern wir das Hochfest Verkündigung des Herrn. Lukas führt uns eine bekannte Szene vor Augen, die Evangelisierung der Gottesmutter. Maria, eine einfache Jungfrau aus Nazareth, sagt „Ja" zur Botschaft des Engels und empfängt vom Heiligen Geist, sie empfängt den menschgewordenen Sohn Gottes und bringt ihn dann zur Welt. Damit wird Maria gewissermaßen zum Eingangstor für das Heil der Welt.
Die Jungfrauengeburt ist aber kein gynäkologischer Sachverhalt, sie muss theologisch verstanden werden. Sie bedeutet: Die Gottessohnschaft Jesu ist nicht aus irdischen Bedingungen ableitbar, sie stellt ein Wunder im strengen Sinn dar, dem man nur im Glauben gerecht werden kann. Da geschieht etwas Unausdenkbares, etwas Unerwartbares, etwas radikal Neues, ein ganz neuer Anfang von Gott her. Dass Jesus Gottes Sohn ist, das kann man nicht durch die natürliche Vernunft erkennen, das muss man sich durch das Wort Gottes gesagt sein lassen.
Aber wie soll man die Menschwerdung Gottes verstehen? Ist das nicht reine Mythologie? Wie kann der unbegreifliche, ewige, unveränderliche Gott ein Mensch werden? Für fromme Juden und Moslems ist der Gedanke einer Menschwerdung Gottes geradezu gotteslästerlich, für die Weisen und Klugen dieser Welt einfach nur Unsinn. Es wäre gut, wenn wir uns immer wieder neu bewusst machen, wie anstößig die christliche Botschaft eigentlich ist. Sie sprengt unser mitgebrachtes Vorverständnis, sie übersteigt unsere Vernunft. Aber sie ist nicht unvernünftig oder logisch widersprüchlich, sie ist kein unverständliches Rätsel.
Die Menschwerdung des Sohnes bedeutet, dass der Mensch Jesus vom ersten Augenblick seiner Existenz an und für immer aufgenommen ist in die Beziehung der göttlichen Wirklichkeit zu sich selbst, die wir den „Sohn" nennen. Die menschliche Natur Jesu ist also hineingeschaffen in eine Selbstpräsenz Gottes, die Mensch und Gott vereinigt: Zwei Naturen in einer Person. Nach dem Konzil von Chalzedon (451) sind Menschsein und Gottsein in Jesu weder miteinander vermischt noch voneinander getrennt, sondern unterschieden, aber gleichzeitig untrennbar miteinander verbunden: Unterscheidende In-Beziehung-Setzung statt Vermischen oder Trennen.
Jesus ist von Ewigkeit her vom Vater geliebt, mit göttlicher Liebe. Gerade das macht sein Personsein aus. Und Jesus ist der Sohn Gottes auch für uns, für die ganze Welt. Die Botschaft des Menschgewordenen ist, dass wir im Glauben an seinem Verhältnis zum Vater teilhaben. Wir werden hineingenommen in die Liebe zwischen Vater und Sohn, die der Heilige Geist ist. Nur so ist eine Gemeinschaft endlicher Menschen mit dem unendlichen Gott möglich. In dieser Gemeinschaft mit Gott besteht unsere Erlösung aus Sünde und Tod.
Wenn man sich fragt, wen Gott mehr liebt, Jesus Christus als seinen eigenen Sohn oder die anderen Menschen, dann müssten wir antworten: Gott hat gar keine andere Liebe als die eine, ewige und unbedingte, in der er seinem eigenen Sohn zugewandt ist; und diese Liebe gilt auch jedem einzelnen von uns. Darauf ist im Leben und im Sterben Verlass, keine Macht der Welt kann uns von Gott trennen. Und deshalb müssen wir nicht mehr unter der Knechtschaft der Angst leben, die uns sonst immer wieder unmenschlich werden lässt.
Gott geht in unsere Geschichte ein, er nimmt unser schwaches, vergängliches Fleisch an und verbindet sich mit uns, damit wir göttliches Leben haben können. Alles Mutmaßen, alles Herumraten über Gott hat nun ein Ende. In Jesus spricht Gott sein Wort zu uns, er selbst kommt zu uns in seinem Wort. Wir werden erfüllt vom Heiligen Geist, und können im Glauben unser „Ja" sprechen. So wie Maria, die einfache Jungfrau aus Nazareth, die den Sohn Gottes empfängt und zur Welt bringt.
P. Robert Deinhammer SJ
Bild: Henry Ossawa Tanner, The Annunciation, 1898