Jesus zieht in Jerusalem ein, auf einem Esel, ganz demütig. Ein seltsamer König. Ein seltsamer Triumphzug. Die Volksmenge jubelt ihm zu. Bald schon wird Jesus diese Volksmenge gegen sich haben. Auch die Jünger werden ihn im Stich lassen. Wie wenig kann man sich doch auf Menschen verlassen, wie wankelmütig ist doch unser Herz. Heute Jubel und Zustimmung, morgen Ablehnung und Verrat.
Jesus geht seinen Weg. Er weiß sich vom Vater gesandt. Er nimmt Leiden und Tod auf sich, weil dies für die Erfüllung seiner Sendung notwendig ist. Wäre es nicht auch einfacher gegangen, weniger grausam? Warum musste Jesus leiden und am Kreuz sterben? Will Gott Blut sehen? Braucht Gott aus „Gerechtigkeitsgründen" ein Opfer? Nein, der wahre Gott braucht keine Opfer. Aber wir brauchen die Lebenshingabe Jesu, sein Zeugnis bis zum Letzten.
Die Botschaft Jesu war und ist, dass wir an seinem Verhältnis zum Vater Anteil haben, dass Gottes Liebe unendlich und bedingungslos ist. Diese Botschaft sprengt alles, was Menschen sich bisher über Gott gedacht haben. Und Jesus wurde verfolgt und am Kreuz ermordet, weil er Anhänger für diese befreiende Botschaft gefunden hatte. Denn wer an ihn glaubte, lebte nicht mehr unter der Macht der Angst um sich selbst und war damit auch nicht mehr erpressbar, weder in religiöser noch in politischer Hinsicht. Deshalb stellte Jesus eine Gefahr für die religiös-politische Ordnung dar und musste beseitigt werden. Er wurde von denen hingerichtet, die ihre Macht darauf aufbauen, anderen Angst zu machen.
Jesus verkündete mit Vollmacht die Nähe Gottes und kritisierte alle selbstgemachten religiösen Vorstellungen. Er brachte den Unglauben auch der angeblich Frommen ans Licht. Er wandte sich den Ausgeschlossenen und Sündern zu. Sein Selbstverständnis und sein Anspruch auf Glauben waren skandalös, ja „gotteslästerlich". All das hat ihn in einen tödlichen Konflikt geführt. Jesus blieb seiner Sendung durch den Vater auch angesichts der Todesdrohung treu. Er hat sich auf seine Botschaft festnageln lassen, sie mit seinem Blut unterschrieben. Und so ermöglicht er uns, dass wir uns im Leben und im Sterben auf diese Botschaft verlassen können. Sein Kreuzestod ist ein Martyrium zu unseren Gunsten, denn er ermöglicht uns bewusste Gemeinschaft mit Gott. Er heilt uns von unserer Gottverlassenheit.
Liebe Schwestern und Brüder, der Palmsonntag ist das Eingangstor in die Karwoche. Wir feiern das Leiden und den Tod Jesu, und dann den Sieg Gottes über Leiden und Tod. Wir dürfen Jesus begleiten auf seinem Weg, den er aus Liebe gegangen ist, aus Liebe für jeden einzelnen von uns. Amen.
P. Robert Deinhammer SJ
Bild: Einzug Christi in Jerusalem, Pietro Lorenzetti, 1320