Kohelets Buch liest sich wie die Schrift eines Existentialisten. Er denkt über den Sinn des Lebens nach. Und er fragt immer wieder, ob nicht alles Windhauch ist, nichts als Windhauch, vanitas. Da kommt etwa der Slogan vor: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne" (Koh 1,9). Es ist immer das Gleiche, bei den Menschen überhaupt, aber auch bei mir.
Warum stehst du auf?
Um zur Arbeit zu gehen.
Warum gehst du zur Arbeit?
Um Geld zu verdienen.
Warum willst du Geld verdienen?
Damit ich mir einen Urlaub leisten kann.
Warum willst du dir einen Urlaub leisten können?
Um mich von der Arbeit zu erholen.
Warum willst du dich erholen?
Damit ich wieder pünktlich aufstehen und arbeiten kann.
Aber da dreht es sich ja im Kreis: Du arbeitest, um zu arbeiten. Du bist im Hamsterrad. Du bist ein Sisyphus: Dazu verurteilt, einen schweren Stein den Berg hochzurollen. Jeden Tag das gleiche Lied. Es ist absurd. Windhauch, Luftgespinst.
Kohelet kennt noch einen anderen Gedanken: Du strengst dich an, du gehörst vielleicht zu denen, die es zu etwas gebracht haben, zu den klugen Leuten, zu den Gerechten, die Gutes auf Erden getan haben. Aber was solls? „Alles Arbeiten des Menschen ist für den Schlund des Totenreichs und dessen Rachen wird niemals voll." (Koh 6,7) Du wirst schnell vergessen sein, du wirst keine Spur auf dieser Erde hinterlassen, und selbst wenn: "In the long run we are all dead," wie der Englische Ökonom John Maynard Keynes (1883-1946) formulierte (A Tract in Monetary Reform, London 1923). Auf lange Sicht sind wir alle tot. Die Spuren unserer Aktivitäten werden verschwinden, spätestens wenn alles endet: beim Hitzetod des Universums. Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, das ist alles Windhauch.
Nun mag jemand einwenden: Aber was, wenn Sisyphus oder ich nichts lieber täten, als täglich denselben Stein auf denselben Berg zu rollen? Ich habe meinen Spaß daran, und das ist der Sinn meines Lebens. Mein Leben hat kein entferntes letztes Ziel. Da muss auch nichts von Wert auf ewig bleiben. Das Ziel ist hier und jetzt. Ich freue mich am Stein-Rollen. Das ist es. „Wir müssen uns Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen," sagt Albert Camus (Le mythe de Sisyphe: Essay sur l'absurde, Paris 1942) Dein Leben hat Sinn, wenn du Lust an dem hast, was du tust.
Aber kann das stimmen? Stell dir vor, jemand würde nichts anderes tun als täglich die Grashalme in seinem Garten zu zählen, und genau das bereitete ihm unsägliche Lust. Würden wir sein Leben sinnvoll nennen? Oder stell dir vor, jemand hätte Lust daran, andere zu quälen und zu foltern. Sollten wir da wirklich von einem sinnvollen Leben sprechen?
Auch Jesus hat einen Beitrag zur Debatte um den Sinn des Lebens. „Das Leben [bzw. dessen Sinn] besteht nicht darin," so sagt er uns heute, „dass einer im Überfluss seines Besitzes lebt." (Lk 12, 15) Aber was hat Jesus am reichen Mann auszusetzen?
Dass er überlegt, was er mit der guten Ernte tun soll? Nein.
Dass er größere Scheunen baut? Nein.
Dass er Vorrat anlegt? Nein.
Dass er sagt: „Ruh dich aus, iss und trink und freue dich"? Auch nicht.
Was dann? Was hat Jesus am reichen Mann auszusetzen? Es kommt im letzten Satz zum Vorschein: „So geht es einem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber bei Gott nicht reich ist." (Lk 12, 21) „Nur für sich." Das ist das Problem. Dagegen setzt Jesus andere Werte: teilen, wohlwollen, lieben, sich lieben lassen, und so vor Gott reich sein. Und Gott vergisst dich nicht.
Mein Leben ist nach Jesus sinnvoll, wenn ich solche Werte auf die Welt bringe. Aber das allein ist es nicht. Was wäre ein Leben, in dem jemand zwar lauter wertvolle Dinge täte, aber ohne Freude daran zu haben? Freude an der Sache muss dazukommen. Wie Susan Wolf (The Variety of Values. Essays on Morality, Meaning, and Love, Oxford 2015, 112) es sagt: Sinn kommt auf, wenn sich das Gefühl der Erfüllung bei Tätigkeiten einstellt, die tatsächlich wertvoll sind. Wenn ich Gutes tue, Wahres suche, Schönes hervorbringe und dabei Freude erlebe, Genugtuung, mit dem Herzen dabei bin: dann hat mein Leben einen Sinn.
Am 31. Juli haben wir hier groß Ignatius von Loyola gefeiert. Auch er hat etwas über den Sinn des Lebens zu sagen: „Der Mensch ist geschaffen, um Gott, unseren Herrn zu loben." (Geistliche Übungen 23) Mancher wird die Stirn runzeln: Warum soll dies mein Lebenssinn sein? Was ist das für ein Gott, der ständig von mir gelobt werden will?
Aber dann frage ich: Wann komme ich eigentlich ins Loben, ins Schwärmen? Wenn ich innerlich erfüllt bin, wenn ich von etwas begeistert bin, wenn ich mich glücklich fühle, wenn Dankbarkeit in mir aufsteigt. Und im Lob kommt diese Freude und Dankbarkeit zur Vollendung. „Der Mensch ist geschaffen, um Gott zu loben..." Dieser Satz fällt mir immer wieder einmal ein:
- Wenn ich mich über jemanden furchtbar aufrege und ärgere, frage ich mich: Bin ich geschaffen, um wütend zu sein? Nein!
- Oder wenn die Angst vor der Zukunft mich aufzufressen droht, frage ich mich: Bin ich geschaffen, um vor Angst zu vergehen? Nein!
- Oder wenn die Trauer mich überwältigt und mich nicht mehr loslassen will, dann frage ich mich: Bin ich geschaffen, um traurig zu sein oder zu jammern? Nein!
Ich bin nicht geschaffen, ein Grantler zu sein, ein Hasser, ein Verflucher, ein Hetzer, ein Verängstigter. Ich bin darauf hin geschaffen, zu loben. Ich bin geschaffen, ein Lobgesang zu sein. Manchmal bete ich schon am Morgen: „Gott, ich danke dir für diesen neuen Tag." Und ich bitte: „Lass mich heute leben: dir zum Lob, den Mitbrüdern und Mitmenschen zur Freude und mir zum Heil."
P. Bruno Niederbacher SJ
Bild: Sisyphus von Franz von Stuck (1863-1928)