Eine große Gefahr für uns Menschen ist die Gewöhnung. Man gewöhnt sich an die Dinge, Routine stellt sich ein, es gibt anscheinend nichts Neues. Alles kennt man, alles läuft in geordneten Bahnen, man erwartet keine Überraschungen mehr. Bis dann eine Überraschung kommt, die alles über den Haufen wirft, die uns vielleicht sogar aus der Bahn wirft. Es ist daher gut, wenn wir wachsam und aufmerksam bleiben. Wir sollten nicht ängstlich auf Bedrohungen fixiert sein, aber doch mit offenen Augen durch die Welt gehen, nicht schläfrig dahinleben, sondern achtsam und umsichtig. Vielleicht gelingt es uns, immer wieder einen frischen Blick auf die gewohnten Dinge zu werfen und sie mit den Augen eines Kindes zu betrachten. Das würde uns vor Langeweile schützen und den Wert des gegebenen Moments erkennen lassen. Ein aufmerksamer Mensch ist meistens auch ein dankbarer Mensch. Nichts ist selbstverständlich.
Im religiösen Leben ist die Gewöhnung ebenso eine Gefahr. Auch hier können sich ungute Routinen einschleichen. Alles geht so dahin, man weiß Bescheid, man hat keine Fragen mehr. Aber die Gewöhnung kann auch zu einer Abstumpfung führen. Der Glaube wird irgendwie selbstverständlich. Man erfasst dann gar nicht mehr richtig, worum es im Glauben geht, wie unerwartbar und unendlich groß das Geschenk ist, dass Gott uns in Jesus Christus macht. Wahrscheinlich hat auch schon die frühe Kirche mit diesem Problem gerungen. Der Text aus dem Lukasevangelium will die Gläubigen aufrütteln. Sie sollen nicht schläfrig dahinleben, sondern auf den Herrn warten, der zu jeder Stunde kommen kann. Haltet euch bereit! Die Zeit ist kurz, die Zeit ist kostbar. Der Glaube ist eben kein Beruhigungsmittel, kein Opium, sondern er aktiviert uns, er lässt uns aufbrechen. Aufbrechen aus den scheinbaren Sicherheiten, aufbrechen aus der gewohnten Selbstverständlichkeit. Aufbruch, damit Gott in unser Leben einbrechen kann und damit wir in Gott leben können. Nichts ist wichtiger als das.
Im Hebräerbrief haben wir heute eine berühmte und denkwürdige Definition des Glaubens gehört: „Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht." (das ist die alte Übersetzung, die mir besser erscheint) Schauen wir uns diese Definition ein wenig genauer an!
Zunächst: Glaube ist Feststehen in dem, was man erhofft. Vieles verunsichert uns, vieles macht uns schwankend. Persönliche Lebensprobleme und Hersausforderungen, die Weltlage, die Angst vor der Zukunft. Was wird noch alles auf uns zukommen? Wir wissen es nicht, nur der Tod ist gewiss. Wir möchten festen Boden unter den Füßen, aber alle selbstgemachten Böden können letztlich nicht tragen. Irgendwann stürzen sie ein. Nur der Glaube gibt uns festen Boden. Denn er bezieht sich auf Gottes Wort. Im Glauben vertraue ich auf die Zusage Jesu, dass mich nichts trennen kann von der Liebe Gottes. Und das eröffnet wahre Zukunft. Was auch immer geschehen mag, in bin und bleibe geborgen in der Gemeinschaft mit Gott. Darin kann ich feststehen, darin gewinne ich Halt für mein Leben. Das ist meine große Hoffnung, für mich und alle Menschen. Und deshalb ist der Glaube ein Feststehen in dem, was man erhofft, keine Vermutung oder bloße Hypothese, sondern ein fester Stand in der von Gott geschenkten Verheißung. Dieser Stand wird immer wieder angefochten sein, aber wir können auch immer wieder neu anfangen mit dem Glauben, mit dem Vertrauen auf Gottes Wort. Glaube ist Feststehen in der Hoffnung auf den Herrn.
Zweitens: Glaube ist Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht. Manchmal hält man den Glauben für eine Art Stimmung oder für ein Gefühl. „Sinn und Geschmack für das Unendliche", hatte Schleiermacher gemeint. Oder man meint, der Glaube sei nichts anderes als Nächstenliebe. Aber das ist nicht ganz richtig. Glaube ist mehr als eine vage Stimmung und auch mehr als eine soziale Praxis, er ist ein Überzeugtsein, ein Fürwahrhalten von Dingen, die man nicht sieht. Wie ist das gemeint? Im Glauben bin ich überzeugt, dass Gott mir gnädig zugewandt ist, dass ich zusammen mit allen anderen Menschen in der Liebe des Vaters zum Sohn geborgen bin. Das kann ich aber nicht an den Zuständen der Welt ablesen, das kann mir keine Erfahrung und keine Wissenschaft und keine Philosophie sagen. Gottes Liebe hat ihr Maß nicht an der Welt und ist in diesem Sinn „unsichtbar", man kann sie nicht vorzeigen, demonstrieren. Ich kann sie nur so erfahren, dass ich sie mir gesagt sein lasse, durch das Wort Gottes von Jesus her. Der Glaube kommt vom Hören. Aber dann verändert der Glaube auch unsere ganze Welterfahrung. Er macht uns fähig, das Sichtbare als ein Gleichnis des Unsichtbaren anzuschauen, und dankbar dafür zu sein.
„Glaube ist Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht." Der Sohn Gottes ist Mensch geworden, um solchen Glauben definitiv möglich zu machen. Alle Verheißungen des Alten Bundes werden durch Jesus erfüllt. Der Glaube ist die rechte Beziehung zu Gott. Und in der rechten Beziehung zu Gott kommen wir dann auch in die rechte Beziehung zur Welt. Wir können uns über alles Gute freuen, aber wir müssen uns nicht mehr krampfhaft und um jeden Preis an geschaffene Güter klammern. Und so werden wir durch den Glauben zu Menschen, deren Hüften gegürtet sind, deren Lampen brennen, zu Menschen, die auf den Herrn warten, ganz auf ihn ausgerichtet sind. Gott will in unser Leben kommen und uns dienen, wie Jesus selbst sagt. Wenn wir jetzt Eucharistie feiern, dann ist er mitten unter uns und schenkt uns Anteil an seinem göttlichen Leben. Das ist sein Dienst an uns, das ist Gottes-Dienst. Darüber dürfen wir immer wieder neu staunen. Amen.
P. Robert Deinhammer SJ
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