Wenn ich in Rom bin, pflege ich die Kirche Santa Maria in Trastevere aufzusuchen. In ihr fühle ich mich gleich geborgen und aufgenommen. Besonders die Apsis zieht mich an. Dort befindet sich ein Mosaik aus dem 12. Jahrhundert, und ich habe ein Foto davon mitgebracht. Auf goldenem Hintergrund – der Farbe für den Himmel – ist Christus dargestellt, Seite an Seite mit Maria, seiner Mutter. Beide sitzen auf einem Thron und blicken abgeklärt in die Ferne. Sie strahlen große Ruhe aus. Besonders anziehend finde ich ein Detail, das ich erst mit der Zeit entdeckte. Jesus legt zärtlich seinen Arm um ihre Schulter, so als wollte er sagen: „Es ist schön, dass du hier bist." Maria scheint dies zu genießen. „Seine Rechte umfängt mich" (Hld 2,6 und 8,3) steht auf der Schriftrolle, die sie hält. Sie fühlt sich geborgen und aufgenommen.
Dieses Bild sagt mir alles, was das Christentum im Allgemeinen und die Aufnahme Mariens mit Leib und Seele in den Himmel im Besonderen letztlich bedeutet: Es ist der Glaube, in Gottes Liebe und Gemeinschaft aufgenommen zu sein durch Christus.
Aufgenommen sein, ganz und gar, mit Leib und Seele, mit Ecken und Kanten, mit allem, was ich bin, auch mit meinen Wunden, Armseligkeiten und Verfehlungen. Wo nicht mehr gilt: Wenn du endlich deine Macken losgeworden bist, wenn du deine Leistungen erbracht hast, wenn du 20 Kilogramm abgenommen hast, wenn, wenn, wenn... Nein: Es ist bedingungslose Annahme und Aufnahme. Kurz: Sich rundherum geliebt fühlen. Daheim sein. Das ist Aufnahme.
Diese Aufnahme geschieht nicht erst am Ende, nach dem Tod. Maria lobt Gott bereits in ihrer Jugend als den, der auf sie geschaut hat. Sie hat Gott in Jesus Christus aufgenommen, sie hat ihm Raum gegeben, sie hat ihn zu den Menschen getragen. Damit begann ihre Aufnahme durch Gott. Das ist ein Wink auch für mich, für uns:
da beginnt diese Aufnahme, jetzt schon. Man möchte meinen, dass dafür ideale Verhältnisse herrschen müssten. Doch dies war schon bei Maria nicht der Fall. Von siebenfachem Schmerz ist die Rede, der schrecklichste davon war die Hinrichtung ihres Sohnes. Und doch verzweifelte sie nicht. Sie hat geglaubt, dass niemand und nichts sie von Gott trennen kann, auch nicht der Tod. „Selig, die geglaubt hat..." (Lk 1,45)
Ich lese gerne in den Tagebüchern von Etty Hillesum. Sie war Jüdin aus Holland und beschrieb, wie ihre Situation während des 2. Weltkriegs immer schwieriger wurde, bis sie im Konzentrationslager endete. Doch ihr Glaube an Gott wurde zusehends stärker. Einmal schrieb sie: „Manche sagen: ‚Mich sollen sie [die Nationalsozialisten] nicht in ihre Klauen bekommen.' Und sie vergessen, dass man in niemandes Klauen ist, wenn man in deinen Armen ist." (1)
Vor einigen Jahren erkrankte Harry Gensler, ein Mitbruder von mir in den USA, an Krebs. Als er wusste, dass er nur mehr wenige Monate zu leben hatte, schrieb er an seinem letzten Buch, einem Buch über Religionsphilosophie. Darin finden sich einige persönliche Bemerkungen, z. B. wie er sich den Tod vorstellte. Er schrieb: „Ich gehe davon aus, dass ich, wenn ich sterbe, was vielleicht schon bald sein wird, als erstes eine liebevolle Umarmung von Gott erleben werde, begleitet von den Worten: ‚Willkommen zu Hause, Sohn.'" (2)
Liebevolle Umarmung: Das bringt mich wieder zum Mosaik zurück. Warum zieht es mich an? Vielleicht weil bei seinem Anblick jetzt schon etwas von himmlischer Ruhe in mir einkehrt, weil es mich einlädt, mich mit allem was passiert, dem Schönen und Schrecklichen, in Gottes Armen zu sehen und von ihm aufgenommen zu glauben.
(1) Etty Hillesum, Das denkende Herz. Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-1943. Hamburg 1985, 149-150.
(2) Harry Gensler, Reasoning about God. An Introduction to Thinking Logically about Religion. New York 2023, 48: "I expect that when I die, which may be soon, my first experience will be a loving hug from God, with: 'Welcome home, son.'"
P. Bruno Niederbacher SJ