Gerechtigkeit und Barmherzigkeit

Predigt zum 2. Adventsonntag von P. Robert Deinhammer SJ, 7. Dezember

Symbol

Gottes Barmherzigkeit und Gottes Gerechtigkeit. Gott ist unendlich barmherzig, aber er ist auch unendlich gerecht, oder nicht? Wie geht beides zusammen? Haben wir Christen ein ambivalentes, gar schizophrenes Gottesverständnis, das uns im Grunde nur verwirren kann? Um diese Fragen soll es heute am zweiten Adventsonntag gehen.

Johannes der Täufer, dieser letzte große Prophet des Alten Bundes, predigt den gerechten Zorn Gottes. Er ruft die Menschen zur Umkehr auf; sie sollen ihr Leben ändern, damit sie dem furchtbaren Strafgericht Gottes entrinnen und nicht auf ewig verloren gehen. Die Botschaft des Täufers ist aber nicht die Botschaft Jesu. Johannes der Täufer ist nur ein Vorläufer Jesu, er ist die Stimme in der Wüste, die dem Herrn den Weg bereitet. Johannes bereitet sozusagen den dunklen Hintergrund, auf dem das Evangelium überhaupt erst leuchten kann. Denn die Barmherzigkeit Gottes wird völlig missverstanden, wenn man sie als billige Gnade auffasst, als etwas, das irgendwie selbstverständlich wäre. Was heißt das? Für mich ist hier die lutherische Unterscheidung zwischen Gesetz und Evangelium hilfreich. Gott spricht zu uns auf zweierlei Weise: im Gesetz und im Evangelium. Gesetz und Evangelium müssen voneinander unterschieden, aber auch in ihrer Bedeutung füreinander gesehen werden. In drei Punkten möchte ich das nun ein wenig erläutern.

1. Das Gesetz als Gottes Forderung. 
Das Gesetz ist Gottes Wort, durch das er uns seinen fordernden Willen mitteilt, und durch das er uns auch infrage stellt. Gott will, dass wir unser Leben ändern, dass wir umkehren, und er verurteilt alles Böse und Verlogene, alles Lieblose und Selbstsüchtige in uns. Wo finden wir das Gesetz? Wir finden es in der Heiligen Schrift, sowohl im Alten als auch im Neuen Testament. Aber nicht nur dort. Jeder Mensch, ob nun gläubig oder nicht, hat bereits in seinem Gewissen mit dem Gesetz zu tun. Durch die Stimme unseres Gewissens können wir das Gesetz erkennen. Das Gesetz ist der unbedingte moralische Anspruch, unter dem wir Menschen von vornherein stehen und den wir nicht wegerklären können: Du sollst menschlich und nicht unmenschlich sein. Was bedeutet das, menschlich zu sein? Im Grunde wissen wir es: Es bedeutet, seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben, in der Wahrheit zu leben und nichts in der Welt zu vergöttern, sich nicht um jeden Preis an geschaffene Güter zu klammern. Es bedeutet die Abkehr von den falschen Göttern, die mich versklaven und unfrei machen.

Das Gesetz ist gut und heilig, es ist auch von zentraler Bedeutung für ein friedliches Zusammenleben der Menschen und für eine gerechte politische Ordnung. Aber das Gesetz überlässt mich meinen eigenen Kräften. Es kann mich daher nicht in die rechte Beziehung zu Gott bringen. Immer wieder muss ich feststellen, dass ich das Gesetz nicht in Wahrheit erfülle, dass ich mich selbst nicht aus meiner Lieblosigkeit befreien kann, dass ich gefangen bin in der Angst um mich selbst. Deshalb kann die Predigt des Gesetzes auch sehr unangenehm sein, sie überführt mich ja als Sünder und klagt mich an. Heuchelei und Verdrängung sind Weisen, damit umzugehen. Doch das Gesetz als das fordernde Wort Gottes in unserem Gewissen lässt sich nicht völlig zum Schweigen bringen: Es ist wie der brennende, aber nicht verbrennende Dornbusch. Und es bereitet uns vor, das Evangelium zu hören und anzunehmen. Das Gesetz lässt uns unsere Erlösungsbedürftigkeit erkennen.

2. Das Evangelium als Gottes Geschenk. 
Das Evangelium ist das Wort Gottes im eigentlichen und umfassenden Sinn. In diesem Wort schenkt Gott sich selbst, seine rettende Gegenwart, und sagt uns zu, dass wir von ihm unbedingt angenommen sind. Wir finden das Evangelium schon im Alten Testament, aber letztlich wird es erst durch Jesus Christus verständlich: In Jesus und seiner Botschaft begegnet uns das Evangelium, die frohe und frohmachende Botschaft, die uns erkennen lässt, dass wir Kinder Gottes sind, dass Gott schon immer auf unserer Seite ist und dass er uns so liebt wie seinen eigenen Sohn, mit unendlicher Liebe. Jesus nimmt uns hinein in seine Gemeinschaft mit Gott. Im Evangelium offenbart sich Gott als barmherziger Vater, der uns seine Vergebung schenkt. Dieses Evangelium ist keine moralische Forderung; und wir können es nicht in unserem Gewissen oder sonst wie erfahren, sondern wir brauchen andere Menschen, die es uns verkünden und erschließen. Das wäre ja auch die eigentliche Aufgabe der Kirche. Das Evangelium ist also Gottes Geschenk an uns. Wir müssen nichts tun, um es zu verdienen, wir müssen es uns nur sagen lassen und im Glauben darauf vertrauen, immer wieder neu. Dass wir gemeinsam mit Jesus von Gott geliebt sind. Dass wir uns gar nicht sozusagen selber am Schopf aus dem Sumpf ziehen müssen, dass wir gar nicht uns selber unbedingt möglichst schätzenswert machen müssen, sondern dass wir davon ausgehen, dass wir im Letzten geborgen sind. Geschehe, was auch immer geschehen mag. Das Evangelium ist das einzige Wort, das dem Tod gewachsen ist.

3. Das Evangelium befreit uns zur Erfüllung des Gesetzes. 
Das Evangelium befreit uns von der unheilvollen Illusion, dass wir das Gesetz aus eigenen Kräften erfüllen könnten. Und damit befreit es uns auch von Heuchelei und Selbstgerechtigkeit. Es befreit uns aber vor allem von einem ängstlichen, zwanghaften Kreisen um uns selbst und macht uns damit fähig, das Gesetz selbstlos zu erfüllen. Gottes Barmherzigkeit lässt auch uns barmherzig werden. Gottes Liebe zu uns, macht uns selbst liebesfähig, weil wir aus einem letzten Vertrauen leben können, und nicht mehr aus der Angst um uns selbst leben müssen. Das alles bedeutet keine billige Gnade. Bis zum letzten Atemzug stehen wir in der Spannung von Gesetz und Evangelium. Jeder neue Tag muss erst noch christlich werden. Anfechtungen bleiben keinem erspart. Und wer wirklich glaubt, wird gerade wegen seiner Freiheit auch Anfeindungen ausgesetzt sein. Jesus wurde wegen seiner Botschaft gekreuzigt; sie war gefährlich. Denn wer an Jesus glaubte, war nicht mehr erpressbar. Also musste man ihn aus der Welt schaffen.

Es braucht beides: Gesetz und Evangelium. Und Gott ist also auch beides, er ist gerecht und barmherzig. Außerhalb des Glaubens erfahren wir aber nur die Gerechtigkeit Gottes und seine Unzugänglichkeit. Im Glauben erkennen wir, dass seine Barmherzigkeit das letzte Wort hat. Das bringt Johannes der Täufer selbst zum Ausdruck, wenn er sagt: „Der aber, der nach mir kommt ist stärker als ich ..., er wird euch nicht mit Wasser, sondern mit dem Heiligen Geist taufen." Der Heilige Geist ist die ewige Liebe zwischen Vater und Sohn, in die wir „hineingetaucht" werden.

Im Advent wollen wir uns vorbereiten auf das Fest der Geburt Jesu, auf Weihnachten: Der Sohn wird Mensch, um das Wort Gottes, das Evangelium, in einem schlichten menschlichen Wort sagen zu können. Gottes selbst will in unser Leben kommen und sein Leben mit uns teilen. Dazu müssen wir aber offen und empfänglich werden, d.h. umkehren und unsere Armut vor Gott wirklich anerkennen. Beten wir um ein offenes, um ein armes Herz. Dann könnte Weihnachten für uns wirklich zum Fest der Freude werden.

 

P. Robert Deinhammer SJ


Foto: Aaron Burden via unsplash.com

 

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