Weinachtswunder: Erinnerung an die Kindheit – und nicht nur das…

Predigt zum Christtag von Prof. Józef Niewiadomski, 25. Dezember

Symbol

Vermutlich geht es vielen von Ihnen ähnlich wie mir. Je älter man wird, umso öfters denkt man mit Wehmut an die kindlichen Erlebnisse – grade an Weihnachten. In meiner Heimat Polen hat es zur Zeit meiner Kindheit – gerade in der dörflichen Gegend – keine Geschenke gegeben. Dafür gab es Symbole in Fülle. Das Heu etwa, das auf dem Tisch lag, machte den Tisch zur Krippe, der Stroh auf dem Boden das Zimmer zum Stall. Den emotionalen Höhepunkt des Weihnachtsabends stellte das Brechen von Oblaten dar. Wohl als Zeichen dafür, dass all das Unversöhnte: all die Kränkungen, Beleidigungen, all das, was die Familienangehörigen am schlechten Gewissen mit sich tragen, dass all das zu Weihnachten gebrochen – sprich ausgelöscht – wird. Eine heilsame Unterbrechung war das. Jeder hielt da seine Oblate in der Hand, brach bei seinem Gegenüber ein Stück ab und aß ihn. Man wünschte sich vor allem, dass man auch im nächsten Jahr miteinander Oblaten bricht. Am Heiligen Abend war es der Vater, der die Zeremonie begann mit den Worten: „Ich lade Euch ein, die geweihten Oblaten zu brechen!" Dann ging er auf die Mutter zu, sie flüsterten beim Brechen einander ein paar Worte zu und küssten einander. Der Vater ging anschließend auf meinen älteren Bruder zu, der ja viel größer als ich war. Und schlussendlich kam er auch zu mir: dem Jüngsten und auch dem Kleinsten in der Familie. Und er kniete sich nieder vor mir. Er kniete nieder, um mir direkt in die Augen zu schauen, weil ich halt zu klein war, um seinen Blick direkt zu erwidern. Und an diesem Heiligen Abend sollte niemand dazu genötigt werden über sich selber hinauszuwachsen und seinen Grenzen überspringen. Nicht einmal die Tiere. Deswegen gingen wir dann all in den Stall, wo der Vater die Oblate mit seinem Pferd brach. Und auch mit der einzigen Kuh, die wir besaßen. Er steckte ihnen ein Stück Oblate ins Maul und blickte ihnen direkt in die Augen. Mensch und Tier auf Augenhöhe! Waren doch diese Tiere ein Teil der Familie.

Liebe Schwestern und Brüder! „Ich weiß nicht, ob der Himmel niederkniet, wenn man zu schwach ist, um hinaufzukommen?" Diese bange Frage stellt die große österreichische Dichterin Christine Lavant in ihrem Weihnachtsgedicht: "Es riecht nach Schnee". Armut, Krankheit und Einsamkeit begleiteten sie ihr Leben lang. "Ich war selber nie jung, und nie auch nur ein bisschen anziehend", schrieb sie einmal an eine Freundin. Von körperlichen Schmerzen geplagt, unter psychischen Depressionen leidend, von Selbstmordgedanken gequält und der Isolierung durch die Umwelt haderte sie zeitlebens mit Gott, verfluchte ihn und ersehnte ihn zugleich. Im Kerker ihrer Einsamkeit eingesperrt fragte sie sich immer wieder, ob Gott von ihr wisse. Und viele von uns verstehen das bestens. Gerade in der Weihnachtszeit.

Gerade an jenen Tagen, an denen trotz aller Krisen und Brüche das Fest der Familie gefeiert wird, an Tagen, an denen die Beziehungen in den Vordergrund rücken, und alle, alle Menschen des Glücks trunken zu sein scheinen, kämpfen da viele von uns mit Ängsten, sehen sich mit Sackgassen konfrontiert, erstarren deswegen in der Sprachlosigkeit. All jene, die zu schwach sind, um hinaufzukommen auf das Niveau, das unsere Alltagskultur als normal definiert: sie alle können die Zweifel der Dichterin nachvollziehen und auch ihre bange Frage nach dem niederknienden Himmel sich zu eigen machen.

Ich selber, liebe Schwestern und Brüder, darf mich ja glücklich schätzen, weil ich die Antwort schon als kleines Kind bekommen habe: in dem Augenblick, als sich mein Vater vor mir - dem kleinen Scheißer - niedergekniet hat. Der einfache Bauer aus Ostpolen verstand den Kern der Glaubensbotschaft von Weihnachten und lebte ihn halt, so gut er konnte. Denn: Nicht das Hinauf zu den Spitzenpositionen steht zu Weihnacht im Mittelpunkt, nicht das Transzendieren nach oben, sondern die Deszendenz, der Weg nach unten. Der lebendige Gott ist von sich aus und höchst persönlich heruntergekommen zu dir, zu dir und zu mir: ganz gleich, wer ich bin, wie ich lebe und in welchen Sackgassen ich stecke. Er kommt nicht mit dem erhobenen Zeigefinger und schon gar nicht mit der Moralinsäure daher. Er kommt herunter, weil ich selber zu schwach bin um hinaufzukommen. Zu ihm! Und in seinem Abstieg kennt er keine Grenze. Der Stall, die Krippe, der Esel und der Ochs: all die Bilder der Weihnachtsbotschaft stehen dieser theologischen Revolution Pate. Das Johannesevangelium drückt das auf philosophische Art und Weise: Das Wort wurde Fleisch und hat unter uns gewohnt. Gewohnt: aber nicht nur damals: „In seiner Menschwerdung hat sich der Sohn Gottes mit jedem Menschen verbunden": lautet einer der schönsten Sätze des 2. Vatikanischen Konzils.

Und unsere Reaktion auf diese göttliche Revolution der Menschwerdung? Selbst niederknien! In anbetender Haltung verharren! Unterbrechen! Weil sich der Himmel niederkniet, können auch wir niederknien, um bei jenen zu sein und jene aufzuheben, die ganz unten sind. Ein Freund erzählte mir vor Jahren, er kniet sich regelmäßig vor seinem behinderten Bruder nieder, um ihn die Schuhbänder zu binden. Unzählige Kinder knien sich heute buchstäblich vor ihren gealterten Eltern nieder. Pflegekräfte, Krankenschwestern, Ärzte in Krankenhäusern: sie alle stehen für den Himmel, der niederkniet da. Und auch all die Menschen, die Not lindern: wie halt jene die den Vinzibus fahren, oder auch den Fremden helfen, mögen es auch nur die sprichwörtlichen zwei Euro Spende für einen Bettler sein.
Selbst niederknien und jene aufheben, die es selber nicht schaffen! Das ist die Folge des Wunders von Weihnachten. Verweigern wir dieses Wunder, so tut sich die destruktive Stimmung breit: in mir selber aber auch in unserer Welt. Auf den unzähligen Kampffronten der Gegenwart, auf denen nicht nur die Islamisten dem Irrglauben verfallen, man könne mit Gewalt den Himmel erobern. Mit Selbstdestruktion und Destruktion wird der sich niederknieende Himmel bloß zerstört und nimmt die Form des Kreuzes an. Jenes Kreuzes an dem der Menschgewordene gelitten hat und gestorben ist. In Solidarität mit all den Opfern.
Liebe Schwestern und Brüder, tagtäglich ereignet sich mitten unter uns das Wunder, weil der Himmel niederkniet und unzählige Menschen selber zu Weihnachten werden: anbetende Menschen, Menschen, die unterbrechen können, Menschen, die sich niederknien können vor denen, die selber zu schwach sind. Sie erinnern uns daran, dass Gott von uns weiß! Er ist ja ein Gott mit uns. Der Emanuel!

 

Prof. Józef Niewiadomski


Foto: Marek Studzinski via unsplash.com

 

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