Predigt zur Einstimmung auf die Karwoche

von Dominik Markl SJ

Symbol

Liebe Schwestern und Brüder,

In den letzten Tagen ist mir bewusst geworden, wie sehr der Palmsonntag ein Christkönigsfest ist und wie dieses Motiv die ganze Passion durchzieht. Jesus zieht in Jerusalem ein und nimmt wie König Salomon und wie der Friedenskönig in der Vision von Sacharja die Stadt seines Regierungssitzes in Besitz. Der Esel aber macht die ganze Szene zur Persiflage. Die Feldzüge und Triumphzüge der Könige finden hoch zu Ross statt. Jesus reitet auf einem Eselchen daher. Vielleicht erinnert ihr Euch, wie Pasolini die Szene in seinem Evangelium nach Matthäus verfilmt hat: schwarz-weiß, Jesus ist umgeben von elenden Gestalten. Jesus ist ein König der Armen. Georg Sporschill hat man in Wien einmal „Sandlerkönig" genannt. So ungefähr kommt Jesus daher mit seinem Esel. Für die Elite eine lachhafte Figur. Das aber ist erst der Anfang einer großen Motivumkehr, die die Passionsgeschichte durchzieht. Jesus wird von den Soldaten als Pseudo-König lächerlich gemacht. Statt eines goldenen Diadems erhält er einen Dornenkranz. Statt auf einem Thron getragen zu werden, muss er selbst seinen Galgen tragen. Statt auf dem Thron sitzend zu richten, wird er am Galgen hängend gerichtet. Statt einer marmornen Prunkinschrift zu Füßen seiner Statue sehen wir über dem Kopf seiner Leiche das Schild seiner Verurteilung: „der König der Juden".

Zwei Aspekte dieser Parodie einer Machtergreifung sprechen mich besonders an. Der erste ist das Motiv der „Demut", das im Zitat aus Sacharja ausdrücklich anklingt: „demütig reitet er auf einem Esel." Die Demut ist in diesem Zusammenhang nicht ein privates Duckmäusertum, sondern eine Haltung mit einer politischen Botschaft. Sie ist ein ironisierender Protest gegen die selbstgefällige Aufplusterung der Macht, die sich auf Kosten anderer wichtig macht. Dieser scheinbar lächerliche Eselsreiter-König zeugt von einer unhinterfragbaren Menschenwürde, die keiner äußeren Selbstbestätigungen bedarf. Wir könnten uns wieder an Pasolinis Christus erinnern, der durch die Klarheit und den Ernst seines Gesichts überzeugt. In dieser Haltung der demütigen Würde greifen die spirituelle und die politische Dimension des Glaubens ineinander. Wer herrschen will, sei der Diener aller. So schlicht und utopisch der Gedanke erscheinen mag, seine revolutionäre Kraft zeigt sich in seiner Attraktivität, in der weltweiten Verbreitung des Christentums. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt" sagt Jesus zu Pilatus. Indem sich Jesus von allem vordergründig Politischen distanziert, hat sein Vorbild dennoch unerhörte politische Sprengkraft.

Der zweite Aspekt betrifft das Verhältnis von Leben und Leiden. Der Palmsonntag, domingo de ramos, hat seinen Namen von lebendigen Zweigen. Wir erleben den Frühling, die Blüte der japanischen Kirsche, die Narzissen, die Leberblümchen, Buschwindröschen, Himmelschlüssel. Es ist die Zeit, in der wir gar nicht anders können, als zu glauben, dass Gott ein Gott des Lebens ist, dass sein Wort Leben spendet, dass Christus gekommen ist, damit wir das Leben haben, und es in Fülle haben. Warum sollen wir gerade jetzt beginnen, die Passion zu betrachten? Der Palmsonntag eröffnet das Paradox der Passion. Jesus, der mit königlicher Würde in Jerusalem einzieht, dessen Friedensreich anbrechen soll, wird in der Mitte seines blühenden Lebens zerbrochen werden. Ich glaube, dass unser Glaube an den Gott des Lebens an diesem Paradox wachsen soll. Auch die zerbrechliche Menschheit, von tausend Gefahren bedroht, von einem kleinen Corona-Virus an die Wand gestellt, ist unwiderruflich zum Leben berufen. Auch dort, wo sich das Leiden nicht abwenden lässt, kann Gott die Würde des Menschen bewahren.

Für mich persönlich kommt diese Botschaft der Passion besonders eindrücklich im Eröffnungschoral von Bachs Johannespassion zum Ausdruck. "Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist! Zeig uns durch deine Passion, Dass Du, der wahre Gottessohn, zu aller Zeit, Auch in der größten Niedrigkeit, verherrlicht worden bist!" Dieser Text ist deutlich auf dem Hintergrund von Psalm 8 komponiert. Während Psalm 8 über die Kleinheit des Menschen sinniert und eine theologische Anthropologie entwickelt, ist dieser Gedanke bei Bach christologisch transformiert. Mit dem Leiden Christi betrachten wir das Elend der Menschheit. Mit Christus ist auch die leidende Menschheit zum Leben berufen. Ich lade Euch ein, den Eröffnungschoral unter der Leitung von Helmuth Rilling anzuhören, als Eingangsbetrachtung in die Karwoche: "Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist! Zeig uns durch deine Passion, dass Du, der wahre Gottessohn, zu aller Zeit, auch in der größten Niedrigkeit, verherrlicht worden bist!"

https://www.youtube.com/watch?v=lJWjdc0DFF

Dominik Markl SJ, Päpstliches Bibelinstitut, Rom

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