Joh 4,16
„Aus seiner geöffneten Seite strömen Blut und Wasser. Aus seinem durchbohrten Herzen entspringen die Sakramente der Kirche". Auf diese Weise besingt der liturgische Hochgesang der heutigen Präfation das Geheimnis des Herzens Jesu. Die Liturgie sagt uns deutlich, dass Milliarden von Menschen ihr Leben haben: Ja, dass ihnen das göttliche Leben zukommt, weil dieses eine Herz durchbohrt wurde. Kann man das verstehen?
Ich möchte mich heute diesem Glaubensgeheimnis durch den Hinweis auf ein eigenartiges Bild des Herzens Jesu nähern. Das Bild gehörte einem verstorbenen Freund von mir, dem Pfarrer Erwin Corazza. Es wurde in den 50-er Jahren des letzten Jahrhunderts gemalt von seinem Bruder Otto, der auch Priester der Diözese Innsbruck war.
Das Bild ist ganz anders, als das vertraute Bild des Herzens Jesu. Wirf man einen schnellen Blick darauf, so meint man nur das vertraute Thema der „Pieta" zu sehen. Der tote Sohn liegt auf dem Schoß seiner Mutter. Stumm sitzt sie da, scheint auch den Betrachtern zu sagen: „Ihr alle, die ihr des Weges zieht, schaut her, ob ein Schmerz ist wie mein Schmerz." Das Bild fokussiert aber ein klares Zentrum: Und das ist die offene Wunde. Mit ihrer Hand weist die Mutter auf diese Wunde hin. Was will sie damit? Will sie anklagen? Den Betrachtern schlechtes Gewissen machen? So ganz nach dem Motto: „Seht ihr, was mein Sohn erdulden musste! Schaut her, was ihr alle – ja ihr alle – ihm angetan habt!" Will sie also das Verwundetsein durch neue Verwundung überblenden? So wie wir dies tagtäglich praktizieren? Wenn wir Beziehungen gewaltsam durch Anschuldigungen beenden, damit neue Beziehungen Fuß fassen können? Wenn also nur noch Opfer auf der Strecke bleiben: ihr Herz voll Enttäuschung und auch voll Hass? So wie dies Ingeborg Bachmann in einem Gedicht ausdrückte: „Alles ist Wundenschlagen und keiner hat keinem verziehen."
Nein, liebe Schwestern und Brüder, der mütterliche Verweis auf diese Wunde hat nichts von einem Anklagegestus zu tun. Er sagt nicht das, was Ingeborg Bachmann meisterhaft formulierte: „Verletzt wie Du und verletzend lebte ich auf Dich hin". Denn am Ende ist dann alles "ins kälteste Schweigen gekehrt". Nein! Der Zeigegestus der Mutter sagt etwas anderes aus, genauso wie diese offene Wunde etwas anderes auslöst, als dies die offenen Wunden des Hasses und der Destruktivität bewirken. Und warum?
Die trauende Mutter und der tote Sohn stellen hier den Inbegriff einer liebenden Beziehung dar. Einer Beziehung, die sich im Symbol des Herzens verdichtet. Das Bild sagt also: Auch oder gerade in diesem Bruch – im Bruch des schrecklichen, ja gewaltsamen Todes – ist das Geheimnis des Lebens zu sehen. Denn: Der Zeigegestus der mütterlichen Hand und die offene Wunde weisen auf das Geheimnis Christi hin. Er starb und seine Brust wurde aufgeschlitzt, auf dass sein letztes Geheimnis offengelegt wird und dieses heißt: An diesem einen Menschen hat es nichts, aber auch gar nichts gegeben, was nicht auf Beziehung, was nicht auf heilende Beziehung, was nicht auf das Leben ausgerichtet war und auch ist. Ihren toten Sohn auf ihrem Schoß bergend, legt die Mutter durch ihre stumme Geste auch ein persönliches Bekenntnis ab: „Auch meine Beziehung zu ihm wird von der Kraft seines Herzens getragen!"
Liebe Schwestern und Brüder, Karl Rahner hat das Geheimnis der Kraft dieses einen Herzens, die Kraft der offenen Wunde des göttlichen Sohnes auf eine kaum zu überbietende Formel gebracht: „Sein Herz wurde deswegen offen gelegt, auf dass alle, die dieses Herz gläubig anschauen, wissen: Dieses Herz hat alle geliebt, ja es liebt alle..."
Die erste, die dies damals in ganzer Tiefe begriffen hat, ist die Mutter. Den toten Sohn auf ihrem Schoß haltend, ihren Blick auf seine durchbohrte Brust richtend, bekennt sie: „Meine Liebe zu meinem Sohn war schon immer und ist erst recht jetzt von der Kraft seines Herzens getragen. Weil ich also von meinem Sohn geliebt wurde, vom ersten Augenblick seiner Empfängnis geliebt, konnte ich und kann ich ihn lieben." Vom ersten Augenblick seiner Empfängnis geliebt? Ist das noch nachvollziehbar? In der Lesung haben wir einen aufregenden und auch klärenden Satz gehört: „Die Liebe besteht nicht darin, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn ... gesandt hat" (1 Joh 4, 10). Die Kraft seiner Liebe kommt also allem menschlichen Tun voraus. Allem! Gott ist ja Liebe, Gott selber ist ja Beziehung. Und diese Beziehung ist der Urgrund all unserer Beziehungen. Das, was „seit der Grundlegung der Welt" verborgen ist, offenbart das Herz des menschgewordenen Sohnes: Dass Milliarden von Menschen von Gott geliebt werden und sie auch nur deswegen lieben können.
Und was ist mit jenen, deren Leben sich zu „Wundenschlagen" reduzieren lässt? Weil sie verletzt, nur noch verletzen können? Sich auch nicht lieben lassen wollen? Wird ihr Leben notwendigerweise „ins kälteste Schweigen" gekehrt? Die Beziehung zwischen der trauenden Mutter und dem toten Sohn und ihr Zeigegestus auf die offene Wunde deuten an, dass auch diese Menschen geliebt werden. Wie dies Karl Rahner formulierte: „alle, die dieses Herz gläubig anschauen" – und das sind wir ja alle – können wissen, dass dieses Herz selbst jene liebt, „die es ablehnen sich lieben zu lassen". Und das sind nicht nur die anderen, oft – vielleicht gar öfters als es uns lieb ist – sind auch wir in dieser Gruppe zu finden. Denn: Wir alle sind ja irgendwie verletzt, leben deswegen auch verletzend. Der Zeigegestus der Mutter deutet also an: das am Kreuz verletzte Herz liebt alle: also nicht nur diejenigen, die das glauben, sondern auch jene, die diesen Glauben verloren haben, von dieser Liebe nichts wissen, oder dieses Herz und seine Weisheit gar verhöhnen. Warum dies?
Die dogmatische Glaubenstradition hält daran fest, dass Maria sündenrein ist, dass sie zwar verletzt wurde, aber selber nicht verletzend lebt. Der Glaube sieht in ihr die Mutter der Kirche. Ihr offenbarender Zeigegestus ist demnach der Zeigegestus der Kirche selbst: Zeigegestus auf jene Wunde und jenes Herz, aus dem die Sakramente entspringen. Jenes Beziehungsgeschehen zwischen uns und dem in die Sackgassen der Gewalt, des Hasses und des Todes herabgestiegenen Sohn das für uns alle heilend wirkt. Die heutige Lesung formuliert es auf vertraute, traditionelle Weise: Gott liebt uns, weil er auch „seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat." Warum denn Sühne? Weil wir ihn weder geliebt haben, noch lieben wollten. Als Kirche glauben wir daran, sehen aber diese Liebe nicht nur als Privileg für uns selber, sondern auch als Hoffnungsschimmer für jene, die nicht glauben. Als Kirche beten wir auch deshalb, „weil andere nicht beten, wir glauben, weil andere nicht glauben, ... verstehen (so) am besten, dass alle auf alle angewiesen sind und ahnen das Ganze" (Jan Twardowski). Und das Ganze ist denkbar einfach: „Gott ist Liebe". Deswegen können wir am Herz-Jesu-Sonntag hoffen, dass das permanente „Wundenschlagen" in unserer Welt nicht im „kältesten Schweigen" enden wird, sondern im ewigen Lobpreis Gottes – dem ewigen Magnificat.
Prof. Józef Niewiadomski