Karfreitag

Predigt zum Nachlesen von Józef Niewiadomski

Symbol

Predigt aus der Jesuitenkirche Innsbruck zum Karfreitag 2020,
direkt im Anschluss an die „Passion nach Johannes" (Joh 18,1-19,42)

„Wegen des Rüsttages der Juden und weil das Grab in der Nähe lag, setzten sie Jesus dort bei." (Joh 19,42)

Und jetzt? Jetzt, nachdem eiligst all das getan wurde, was man bei einem Todesfall zu tun pflegt. Nachdem die Leiche im Grab ist und die letzten Freunde nach Hause gegangen sind? Was jetzt? Radikale Totenstille! Und der Absturz ins Bodenlose. Nein! Kein bewusst erlebter Schmerz mehr. Und auch keine Trauer. Die Leere macht sich in der Seele breit. Und zunehmend auch die Gleichgültigkeit. „Wenn man bloß noch weinen könnte! Und Klagen! Oder zumindest Wut empfinden!" Die scheinbar bodenlose Sinnlosigkeit des anbrechenden Karsamstags: sie umfängt nicht nur die Mutter! Nicht nur jene Mutter, die ihren Sohn auf ihrem Schoß betten durfte. Vom Schmerz versteinert schaut sie den Sohn an, nimmt aber in ihre Mutter-Sohn-Beziehung auch den Betrachter mit. Vom Schmerz sprachlos geworden, scheint sie doch zu sprechen und zu klagen: „Ihr alle, die ihr des Weges zieht, schaut doch und seht, ob ein Schmerz ist, wie mein Schmerz, den man mir angetan." (Klg 1,12) Diese Klage inspiriert zur Empathie und zur Identifizierung. Identifizierung mit all jenen Menschen, die in eine ähnliche Bodenlosigkeit fallen, im Jahr 2020 noch sprachloser werden, weil sie sich oft von ihren verstorbenen Angehörigen nicht einmal verabschieden können. Weil diese oft "anonym", oder fast anonym begraben werden: auf jeden Fall im kleinsten Kreis.

Dankbar griff die kirchliche Liturgie und auch die Volksfrömmigkeit die alttestamentlichen Klagelieder auf und auch den Spruch des alten Simeon: „Dir selbst wird ein Schwert durch die Seele dringen" (Lk 2,35). Sie griff die Schrifttraditionen auf, um dem Schmerz der Mater dolorosa, dem Schmerz der schmerzensreichen Mutter auch einen sinnlichen Ausdruck zu verleihen. Die Kunst formte gar unzählige Figuren der Mutter, deren Brust durch Schwerter aufgeschlitzt bleibt, gar durch "sieben Schwerter" – unzählige Schwerter also: Schwerter, die auf Verletzungen hinweisen, die unzähligen Verletzungen, die diese Frau im Lauf ihres Lebens erleiden musste. Die Schwerter weisen auf Verlusterfahrungen hin, auf die vielen kleinen Tode im Alltag: auf die Flucht und Asylsuche und die Angst, die sich zunehmend in ihre Seele hineinfraß. In die Seele der Mutter eines Außenseiters, für viele gar eines Spinners, eines Menschen, der einen atemberaubenden Aufstieg erlebt hat und noch einen atemraubenden Fall. Die Schwerter weisen aber auch auf die Worte des eigenen Sohnes hin, Worte, die sie mitten ins Herz trafen: wie Steine! Worte, die ihr den Atem wegnahmen und die Augen mit Tränen füllten: Meine Mutter? Wer ist meine Mutter? Alle, die das Wort Gottes hören, es verstehen und danach handeln. Sie alle sind mir Schwester und Bruder und Mutter (vgl. Lk 8, 21). Das hat gesessen. Genauso wie die vielen distanzierten Anreden: „Was willst du von mir, Frau?" Misch dich nicht ein! „Meine Stunde ist noch nicht gekommen" (Joh 2,4). Selbst da, wo die Stunde da war – nein, nicht die Stunde des Triumphes, sondern die Stunde des Todes –, selbst da kam ja doch nur die distanzierte Anrede: „Frau, siehe, dein Sohn" (Joh 19,26). Es waren seine letzten Worte an seine Mutter. Zu groß war da der Schmerz, als dass der Spruch ihr noch einmal die Sprache verschlug.

Liebe Schwestern und Brüder, die sie am Karfreitag des Jahres 2020 bloß virtuell mit dem Prediger „verbunden" sind! Modern hört sich die Geschichte dieser Frau an, einer Frau, die mitten im Leben steht. Einer Frau, die vom kirchlichen Lehramt als „socia", als Gefährtin, als „Genossin" angesprochen wird, als Zeitgenossin im besten Sinn des Wortes: Zeitgenossin Jesu und der Apostel, unser aller Zeitgenossin. Nicht eine schrille Friede-Freude-Eierkuchen-„Comedy-Tante" unseres medialen Zeitalters. Nein, ein Mensch – wie Du und ich – mit vielen zerstörten Lebenshoffnungen.

Für diese Frau endet die Passion nicht mit der Grablegung. Sie wird nun auch in die scheinbar bodenlose Sinnlosigkeit des Karsamstags geführt. Jene Sprachlosigkeit, die eben keine Sprache kennt. Diese Frau steht in einer Reihe von Millionen und Abermillionen von Menschen: Frauen und Männer, die der lebensspendenden Beziehung beraubt wurden, deswegen in den Abgrund tiefster Depressionen stürzen, sich immer mehr in ihrer Einsamkeit in sich selbst verkriechen, in ihren nicht mehr benennbaren Schmerz. Menschen, die sich in ihrer biographischen Hölle in sich selbst einkapseln und daran unsäglich leiden: „Jeder fühlt sich allein in der Hölle und genau das ist die Hölle" (René Girard). Diese radikale Totenstille des Karsamstags steht zuerst für diese Erfahrung, die Erfahrung der Beziehungslosigkeit, die Erfahrung der höllischen Einsamkeit diesseits und jenseits des Todes. Die Erfahrung, die sich für Millionen von Menschen in Zeiten der Pandemie noch einmal radikalisiert.

Ist damit die Situation, die der Grablegung Jesu folgt, umfassend beschrieben? Nein. Denn: So wie für die Mutter die Passion nicht mit der Grablegung zu Ende war, so auch für den Sohn nicht. Das altkirchliche Glaubensbekenntnis lässt den toten Christus in die Hölle absteigen. Und die Osterikone der Ostkirche zeigt den Auferweckten in einem Reigentanz: tanzend führt er den Zug jener Menschen an, die in die Hölle abgestürzt sind und nun durch ihn, den Sohn Gottes, zum Leben geführt werden. Was bedeuten diese Zusammenhänge für uns alle, die wir im Jahre 2020 die Karwoche unter den Bedingungen erzwungener Isolation feiern? Die Pandemie lädt auch zur Neubesinnung ein: zur Besinnung auf den Wert christlicher Sprache, christlicher Symbole, christlicher Hoffnungen. Als gläubige Christen stehen wir in einer Reihe mit allen unseren Zeitgenossen. Mit Menschen anderer Religionen, mit Agnostikern und Atheisten, mit Zynikern und den Gleichgültigen verbindet uns dasselbe Schicksal: wir alle können zu Opfern der Pandemie werden, auf diese oder jene Weise sind wir ihr ja bereits zum Opfer gefallen. Schmerzhaft nehmen wir wahr, dass die Pandemie auch all die alltäglichen Schmerzen und Leiden der Zeitgenossen oft zur Unerträglichkeit verstärkt.

Als Christen sehen wir darin die Verdichtung der vielen „Kreuzwege": der Kreuzwege der Menschen, deren „Opferung" rational eingeplant wurde, der Kreuzwege der Flüchtlinge, der Kreuzwege der Menschen, deren Kreuze durch Hungerkatastrophe produziert wurden, der Kreuzwege der Menschen, deren Kreuze durch die nicht abgebrochene Kultur des Verbrechens, der Korruption, oder des schlichten Versagens anderer aufgestellt werden. Wir nehmen auch unsere ganz persönlichen Kreuzwege wahr: Wege auf denen wir stürzen, Wege auf denen wir verletzt werden, verletzt gar durch eigene Kinder. Wege auf denen wir uns selber verletzen: durch unseren Selbsthass, durch die fehlende Selbstliebe. Als Christen glauben wir: alle Menschen stehen in einer Reihe mit dem Kreuz beladenen und am Kreuz sterbenden Christus und auch in einer Reihe mit seiner Mater dolorosa, die ja den Kreuzweg geht: als socia – als Gefährtin. Wie die Mater dolorosa und ihr Sohn werden alle Menschen oft an den Rand der scheinbar bodenlosen Sinnlosigkeit des Karsamstags geführt: der radikalen Totenstille, die man aushalten muss und in der man immer und immer wieder der Gefahr erliegt, sich selber in der Hölle der Isolation einzuschließen.

Als Christen bezeugen wir aber schließlich durch unser Beten und unsere oft so brüchige Hoffnung, dass es auch eine „innere Seite" des Kreuzes gibt und auch eine „innere Seite" der scheinbar bodenlosen Sinnlosigkeit des Karsamstags. Unsere „Augen des Glaubens" nehmen den Sohn Gottes wahr, der in seinem Kreuzestod in den allerletzten Abgrund stürzt, gar in den Abgrund der gottverlassenen Hölle hinuntersteigt. Damit er uns auffängt, uns und auch die anderen, selbst jene, die ihn nicht kennen, oder ihn nur noch verschmähen. Dankbar richten wir unseren Blick auf das Kreuz, (das verhüllte Kreuz, das in der Karfreitagsliturgie sein Geheimnis offenbart). Bewusst und dankbar nehmen wir die „innere Seite" des Kreuzes wahr: die Hingabe des Gottessohnes, die Hingabe im Sterben und Tod. Bewusst positionieren wir uns am Karfreitag in der Haltung der Anbetung: einer Haltung, die nach außen hin oft kaum unterscheidbar ist von der Haltung jener, die vom Schmerz bloß versteinert, vom Gefühl der Sinnlosigkeit bloß übermannt sind, in deren Seele sich nur noch die Leere ausbreitet und Gleichgültigkeit. Anbetend richten wir unseren Blick auf IHN, der seinerseits unseren gläubigen Blick auf all jene Menschen lenkt, die tagtäglich ihr eigenes Kreuz tragen. Deswegen führt auch der liturgische Weg des Karfreitags von der Kreuzanbetung zu den großen Fürbitten für all jene, die auf ihren Wegen und Kreuzwegen unterwegs sind. Im Jahr 2020 rücken all jene Menschen in den Vordergrund, die unter der Pandemie besonders zu leiden haben. Auf dass sie alle, wie auch alle Menschen, durch das Geheimnis des Triduum paschale zur Osterfreude geführt werden. Auch zu jener Osterfreude, die niemals endet!

Prof. Józef Niewiadomski
Katholisch-Theologische Fakultät, Universität Innsbruck

 

Hier finden Sie diese Predigt als Video.

 

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