Predigt zum Stephanitag

Predigt von Prof. Józef Niewiadomski

Symbol

 

Von der Krippe bis zum Kreuz: Das christliche Weihnachtsfest in der multikulturellen und multireligiösen Welt.

Predigt am Stephanitag in der Jesuitenkirche in Innsbruck am 26. Dezember 2020 um 11.00 Uhr.

Vermutlich kennen Sie alle die Legende vom vierten König. Im alten Russland entstanden wurde die Legende weltweit in unzähligen Varianten erzählt. Nur ein paar Konstanten sorgten für die Wiedererkennung des traditionellen Stoffes. Diese Legende verbindet auf eine kaum zu überbietende Art und Weise die Krippe und das Kreuz. Sie stellt damit auch eine wunderbare Klammer dar für unsere beiden Weihnachtstage: den Christtag und den Stephanitag. Sie verbindet beide miteinander zu einem Weihnachtsfest.

Wie die drei anderen Könige ist auch er aufgebrochen, um dem Stern zu folgen. Er setzte alles auf eine Karte, nahm die wertvollen Edelsteine als Geschenke mit sich. Doch, wie das Leben einem so spielt, scheiterte der ursprüngliche Plan kläglich. Er kam zum vereinbarten Treffpunkt zu spät, musste erfahren, dass die Kumpels ihn im Stich gelassen hatten. Warum kam er zu spät? Lahmte sein Kamel unterwegs? Oder hatte er in der Wüste die Orientierung verloren? Das ist zweitrangig. Wichtig ist etwas anderes. Er ließ sich durch die Erfahrung der fehlenden Solidarität seitens seiner Freunde nicht entmutigen, ritt nun den Weg seines Lebens, den Weg, den ihm sein Stern zeigte, er ritt ihn allein weiter, nahm das Elend des Alltags bewusst wahr, half dort, wo er konnte und verschenkte seine Edelsteine, die er dem neugeborenen Kind in der Krippe schenken wollte, an Bedürftige. Einmal war es ein Kind, das weinend am Straßenrand saß, ein andermal ein Sterbender. Nachdem er die Edelsteine verschenkt hatte, verkaufte er sein Reittier, ging weiter zu Fuß, pflegte unterwegs Kranke und Sterbende. Keine Not blieb ihm fremd. Als er eines Tages in einer großen Hafenstadt sah, dass ein Vater seiner Familie entrissen wurde und auf eine Galeere verkauft werden sollte, bot sich der vierte König selber an: anstelle des Unglücklichen wollte er als Galeerensklave arbeiten. Nach etlichen Jahren freigelassen, alt und gebrechlich, kommt er nach Jerusalem. Der Stern, den er voll Begeisterung vor Jahren so deutlich wahr nahm, der ihm den Weg zum menschgewordenen Gott zeigte, der Stern, den er hin und wieder unterwegs kaum gesehen oder gar vergessen hat, dieser Stern leuchtete auf einmal kräftig auf: über dem Hügel von Golgatha. Er strahlte über dem Kreuz. Ein Blitzstrahl warf den Greis zu Boden. "So muss ich also sterben, ohne dich gesehen zu haben", flüsterte der Alte. "Umsonst bin ich durch die Städte und Dörfer gewandert." Und er hörte vom Kreuz herab eine Stimme, die zu ihm sprach: "Du hast doch mich so oft getröstet, als ich jammerte, und gerettet, als ich in Lebensgefahr war. Du hast mich gekleidet, bist immer und immer wieder bei mir gewesen, als ich die Todesängste erlitt, nun bleibst du bei mir in alle Ewigkeit." So erkannte der vierte König: Er hatte nicht vergebens das Kind in der Krippe gesucht.

Liebe Schwestern und Brüder, der legendäre Weg des vierten Königs nach Betlehem, der Weg, der am Golgatha endet, der Weg, der ihn durch die Wüste des Lebens führte, ein Weg, der durch die immer wieder aufblitzende Begeisterung, durch Aufbrüche, aber auch durch die schmerzhaften Erfahrungen des Scheiterns geprägt war, dieser Weg hat sehr viel mit uns und unseren Lebenswegen zu tun. Mit uns, die wir ja unser Leben lang den menschgewordenen Gott suchen, ihn auch meistens finden, oft ohne uns dessen bewusst zu sein. Da gleichen wir alle dem Heiligen des zweiten Weihnachtstages: der Stephanus, dessen Leben der Inbegriff der diakonalen Existenzweise ist. Der christliche Protomärtyrer steht ja zuerst paradigmatisch für den diakonalen Dienst der Kirche, jenen Dienst, der sich auf eine legendäre Art und Weise in der Suche des vierten Königs verdichtet. Dessen Weg von der gesuchten Krippe zum gefundenen Kreuz ist geprägt durch unzählige Begegnungen mit dem menschgewordenen Gott, Begegnungen, die scheinbar nur der Logik des Alltags mit all seinen Problemen entspringen.

Die Klammer der Legende, die unsere beiden Weihnachtstage miteinander zu einem Fest: dem christlich verstandenen Fest der Weihnacht verbindet, diese Klammer macht uns sensibel auf den Wert der zentralen Frage nach der Relevanz des christlichen Glaubens in einer multikulturellen und multireligiösen Welt. Ist der christliche Glaube auf die so wichtige sich humanitär gebende Politik und Moral reduzierbar? Sind christliche Religion und Ethik austauschbar? Der mediale Diskurs legt dem Zeitgenossen eine bejahende Antwort nahe. Die Legende weist aber auf den Stern hin, den Stern, der zu einem ganz konkreten Weg animiert. Es ist ein Weg, der vom Bekenntnis nicht losgelöst werden kann: einem Bekenntnis, das auf den menschgewordenen Gott in Jesus von Nazareth hinzielt. Dieses Bekenntnis, nicht sein diakonaler Dienst, kostet auch dem Stephanus das Leben. Seine Gegner halten sich bei seinen Worten über den Menschensohn, der zur Rechten Gottes steht, die Ohren zu und werfen Steine, die den Bekennenden mundtot machen. "Er ist des Todes schuldig", urteilen auch diejenigen, die Jesus zum Tod verurteilen. Sie tun dies nicht deswegen, weil er ein Menschenfreund war und sich um Menschen kümmerte, sondern weil er den Anspruch erhaben hat, dass in seinem Handeln der Wille Gottes eine authentische Gestalt annahm und er "der Sohn des Allerhöchsten" ist.

Liebe Schwestern und Brüder, die Klammer der Legende, jene Klammer, die die beiden Weihnachtstage zu einem Fest verbindet: zum christlichen Weihnachtsfest, konfrontiert uns – die wir ja Christen sind – mit der Frage, welchem Stern wir in unserem Leben und Handeln – gerade in unserem Engagement – zu folgen versuchen. Dem Stern des Entsetzens über die ungerechte Welt, dem Stern des Skandals über die oft so augenfällige Korruption, dem Stern des Ehrgeizes, der zur atemberaubenden Karriere führen kann oder aber zur masochistischem Opfermentalität? All solche und ähnliche Sterne und Sternchen können auch Einiges an humanitärer, sprich diakonaler Hilfe provozieren. Der vierte König folgte – genauso wie der Diakon Stephanus – dem Stern des menschgewordenen Gottes, jenem Stern, der ihn schließlich zum Kreuz geführt hat. Dem Stern, der uns auch zur Auferstehung und dem ewigen Leben führt: mit jenem Gott, der im Kind von Betlehem Mensch geworden ist.

Prof. Józef Niewiadomski, Katholisch-Theologische Fakultät, Universität Innsbruck

 

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