Weißer Sonntag

Predigt zum Nachlesen von Martin Hasitschka SJ

Symbol

„Wir haben den Herrn gesehen." So lautet das Zeugnis, das die anderen Jünger dem Thomas geben. Das genügt ihm aber nicht. Er will auch den Herrn sehen. Er sagt: Wenn ich nicht seine Wundmale sehe und berühre, glaube ich keinesfalls. Warum ist Thomas speziell an den Wundmalen Jesu interessiert? Sie sind Zeichen der schrecklichsten und schändlichsten Art der Todesstrafe, die Jesus erlitten hat.

Das Problem, das Thomas hat, betrifft die Identität des auferstandenen mit dem gekreuzigten Jesus. Es genügt ihm nicht, sich den Auferstandenen irgendwie als Himmelsgestalt vorzustellen. Er will zur Gewissheit gelangen, dass der Auferstandene kein anderer ist als Jesus von Nazaret, und zwar der Gekreuzigte.

Acht Tage nach dem Ostertag wird die Bedingung, die Thomas nennt, erfüllt. Und zwar, weil Jesus die Initiative ergreift und weil Thomas erfährt, dass Jesus weiß, was sein Problem ist. Thomas hat nun Gelegenheit, Jesu Wundmale zu betrachten und zu betasten. Ob Thomas die Wundmale tatsächlich berührt, wird nicht gesagt. Wir haben sogar den Eindruck, dass er darauf verzichtet, weil er überwältigt ist von der Begegnung mit dem Auferstandenen.

Wenn Jesus wie vor acht Tagen auf seine Wundmale hinweist, so werden dem Thomas aber auch uns zwei Gedanken mitgegeben. Erstens: Der Auferstandene ist identisch mit dem Gekreuzigten. Er ist nicht eine himmlische Christusgestalt, die alles Irdische hinter sich gelassen hat. Das Johannesevangelium sagt: „Sie werden auf den schauen, den sie durchbohrt haben." (Joh 19,37) Die Wundmale / Narben gehören bleibend zu ihm.

Zweitens: Jesus lebt weiterhin in jener Intention, die er in seinem irdischen Wirken bekundet hat, und an die die Wundmale erinnern. Diesen zweiten Gedanken möchte ich etwas entfalten. Die Wundmale erinnern an das Zeugnis, das Jesus für Gott gegeben hat und das er mit seinem am Kreuz vergossenen Blut besiegelt hat. Mit Jesus kommt ein neues, ja revolutionär neues Gottesverständnis in unsere Welt. Er bringt Kunde von dem Gott, den kein Mensch je gesehen hat. Seine einzigartige Beziehung zu Gott beschreibt er als eine Vater-Sohn-Beziehung. Es ist und bleibt jedoch ein Rätsel: Jesus wird wegen seines Gottesverständnisses von den Autoritäten des Volkes als Gotteslästerer zum Tod verurteilt. Er ist den Tod eines Märtyrers gestorben. Doch Gott hat ihn gerettet und damit auch bestätigt. Die Wundmale erinnern uns daran uns, dass Gott wirklich der ist, den Jesus verkündet hat.

Die Wundmale erinnern auch an Jesu Liebe zu den Seinen, die bis zum äußersten gegangen ist, bis zur freiwilligen Lebenshingabe. Jesus lebt weiterhin in dieser Haltung der Liebe zu den Menschen. Die Fußwaschung beim letzten Abendmahl ist Sinnbild dafür. Das Aufschauen zu dem, den sie durchbohrt haben, kann auch in schwierigen Lebenssituationen die Gewissheit stärken, dass wir geliebt sind.
Acht Tage zuvor hat Thomas gesagt: Wenn ich nicht sehe, glaube ich nicht. Und jetzt bekennt er seinen Glauben, indem er zu Jesus sagt: „Mein Herr und mein Gott!" - Die erste der zwei Bezeichnungen „mein Herr" erinnert an den Ausdruck, mit dem Maria von Magdala acht Tage zuvor den Auferstandenen bezeichnet hat: „Rabbuni" – mein Herr / Lehrer (Joh 20,16). Thomas stimmt in das Bekenntnis der Maria ein.

Wie ist die zweite Bezeichnung „mein Gott" zu verstehen? – Wird Jesus selbst als ein Gott gesehen? – Es hilft uns, wenn wir auf den Auftrag achten, den Maria v. Magdala vom Auferstanden erhalten hat: „Geh zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott" (Joh 20,17).

Mein Vater / mein Gott – hier kommt die singuläre Gottesbeziehung Jesu zum Ausdruck. Zugleich ist er euer Vater / euer Gott – wir haben dieselbe Gottesbeziehung wie Jesus – wir werden in die wechselseitige Beziehung von Sohn und Vater / von Jesus und Gott hineingenommen.

Noch etwas müssen wir dazu nehmen: Wiederholt hat der irdische Jesus gesagt: „wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen" (Joh 14,9; 12,45) – Der Gott, den kein Mensch je gesehen hat, ist in Jesus sichtbar geworden.

Wenn Thomas auf Jesus, den Auferstandenen blickt, sieht er in ihm zugleich Gottes Wesen und Herrlichkeit.

Anders gesagt: im Auferstandenen begegnet ihm / erschließt sich ihm Gott selbst.

Noch einmal anders gesagt: In Jesus, den Sohn sieht Thomas den Vater.

Die letzten Worte Jesu in der Erzählung vom achten Tag: „Selig, die nicht sehen und glauben." Diese Seligpreisung sprengt den Erzählrahmen. Sie ist umfassend weit.

Jene, die „nicht sehen", sind die Glaubenden der späteren Generationen, die den Auferstandenen nicht wie Thomas sinnlich-leiblich sehen – sind wir. Jesus, der Auferstandene ist - so sind wir überzeugt - zwar nicht sichtbar mit unseren Augen, aber dennoch real gegenwärtig auch unter uns.

Für uns wie für Thomas ist der Osterglaube mit der einzigartigen Gewissheit verbunden, dass der Auferstandene kein anderer ist als Jesus von Nazaret, der Gekreuzigte, und dass eine persönliche Beziehung zu ihm fortbesteht.

Wie Thomas können wir Du zu Jesus sagen – zu ihm aufschauen – in allen Situationen – auch wenn einst der Schatten des Todes über unser Leben fällt.

Wie Thomas bekennen wir: Mein Herr und mein Gott.

Martin Hasitschka, Jesuitenkolleg Innsbruck

 

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