Predigt zum Nachlesen

von Roman Siebenrock

Symbol

Predigt zum dritten Sonntag der Osterzeit 2020

Emmaus – kann und wird sich immer neu ereignen.

Das Evangelium vom heutigen Sonntag ist eine immer junge Erzählung, weil sie die Erschließungserfahrung christlicher Mystik, aus der allein der Glaube heute lebendig bleiben kann, in den verschiedensten Lebenssituationen zu allen Zeiten zu ermöglichen vermag. Christliche Mystik lebt im und nährt sich aus dem Vertrauen auf das Versprechen Jesu: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt" (Mt 28,20). Wenn wir im Wort des heutigen Evangeliums auf die sprachliche Anzeige „es ereignete sich" achten (griechisch: „egeneto"; im deutschen etwas unzureichend mit „es geschah" übersetzt), dann können wir die Entwicklungsschritte des Glaubens selbst mitgehen.

Glauben beginnt mitten in meinem Leben. Die Situation hier ist eine scheinbar ausweglose: Abwendung, Verdrängung, Verzweiflung. Zwei Menschen wenden sich ab vom Schrecken, dem Kreuz, der zerstörten Hoffnung, dem Ort der Hinrichtung eines wirklich guten Menschen, ja eines wahrhaft Gerechten. Die Welt ist ungerecht und alle Hoffnungen auf die große Wende in der üblichen Geschichte von Tod, Macht und Interessen haben sich aufgelöst. Die Blätter des Glücks in der Geschichte, so sagt Hegel, sind leer. Es kommt ja, wie es kommen musste. Ihr Sprechen aber birgt noch eine andere, eine neue Möglichkeit. Die zwei kommen von den Geschehnissen nicht los. Unsere Sprache verweigert die vollständige Resignation, die ein restloses Verstummen bedeutet hätte. Sie reden darüber, kommen nicht los und plötzlich, woher auch immer, ist ein Dritter dabei. „Es geschah": unableitbar plötzlich gibt dieses Ereignis, die Gegenwart eines anderen, des dritten, dem üblichen, normalen Ablauf eine Wende. Glauben beginnt mit einer Öffnung, einer Unterbrechung, einem anderen. Jesus sei es, sagt der Erzähler. Die beiden Jünger aber erkennen ihn nicht: Ihre Augen wären gehalten gewesen. Natürlich, sie kreisten nur um sich selbst, ihren Schmerz, ihren Frust, Ihre Sicht der Welt und den von ihnen her möglichen Möglichkeiten. Scheinbar banal mischt der Neue sich mit harmlosen Fragen ins Gespräch. Er fragt nach, um einer neuen Sicht Raum zu verschaffen. Die Therapie des Fragens beginnt. Jetzt öffnet sich ein neuer Raum. Sie sprechen nicht mehr nur mit sich, sondern öffnen sich für den dritten. Und es sprudelt aus ihnen heraus und sie sprechen von dem Ereignis („egeneto"): dem Propheten Jesu, mächtig in Wort und Tat. Der Name kommt ihnen über die Lippen und damit seine Einmaligkeit, das Ereignis der Erfahrung mit diesem Menschen. Dass selbst die Botschaft der Frauen ihre Weltsicht nicht ändern konnte, spricht für sich. Denn die Jünger, die auf ihre Botschaft hin nachgeprüft haben, haben alles wie berichtet vorgefunden, ihn selber aber haben sie nicht gesehen. Wie hätten sie es auch können: Für die Jünger war das Weibergeschwätz (24,11). Wie tief waren sie gefangen in ihrer Weltsicht: Frauen können kein gültiges Zeugnis geben. Und warum? Weil sich das Kreuzesereignis (Vers 21) einfach nicht in diesem Horizont einordnen lässt.

Hier setzt Jesus an: Unverständig und herzensträge nennt er sie. Das klingt nicht nach Vorwurf, sondern nach therapeutisch motivierter Diagnose. Denn nur mit rechter Vernunft und lebendigem Herz sind die Propheten zu verstehen. Und hier gilt in höchstem Maß, was Martin Heidegger sagte: Das Fragen ist die Frömmigkeit des Denkens. Und es geht schon damals um jene Frage, die bis heute offensichtlich einen zentralen Türöffner zum Osterereignis darstellt: Warum musste der Messias, warum musste Christus leiden? Und, das hat mich als Jugendlicher damals geärgert: Das Evangelium erzählt uns nichts von ihrem Gespräch. Wir dürfen nicht mithören, was Jesus erklärt und wie er lehrt. Nur auf Mose die Propheten und die ganze Schrift wird verwiesen. Was die drei gesprochen haben, bleibt ihr Geheimnis. Und ich habe gelernt, dass ich meine eigene Antwort geben muss. Glauben beginnt mit meiner unvertretbaren eigenen Antwort auf das Ereignis von Jesus Christus.

Dann waren sie plötzlich beim Dorf. Der Fremde will weitergehen, in das Unbekannte zurück, aus dem er gekommen war. Jetzt werden die Jünger aktiv: Bleibe bei uns! Mit dem Wort, der der Anfang allen Glaubens darstellt: Bleibe bei uns! Dieses Bleiben wird das Johannesevangelium in seinem ganzen Reichtum entfalten. Und er blieb, ja ging mit ihnen hinein. Glauben beginnt, wenn ich ihn einlade und bitte zu bleiben; – und er, immer noch unerkannt, eintritt.

Und nun zeigt der sprachliche Indikator, jetzt verdoppelt, das Ereignis an, das die endgültige Wende darstellt und das Leben der Jünger in eine neue, unvordenkliche Richtung wendet. Es geschah bei Tisch: Brot und Wein, Lobpreis, die Augen gehen auf, sie erkennen; und wörtlich übersetzt: es geschah, er unsichtbar geworden vor ihnen. Sie sahen ihn und sahen ihn doch nicht. Und so gehen ihnen die Augen auf und sie können nun die prägende Erfahrung einholen, die sie seit der Begegnung durchdrang: Brannte nicht unser Herz. Das träge Herz war gewandelt, es brannte als sie ihn hörten und er ihnen die Schrift erschloss.

Wie kommen also Menschen dazu, Christus zu glauben? Ihnen widerfährt eine Unterbrechung. In dieser Erzählung eine so tiefe Enttäuschung, dass sie illusionslos der Welt und allem Geschehen den Rücken zuwenden. Mitten in dieser Abwendung ereignet sich die Begegnung mit einem anderen, einem dritten, der sie noch einmal über das Geschehene nachzudenken einlädt und so die Möglichkeit einer alternativen Deutung eröffnet. Im Licht der Schrift wird das Ereignis neu gedeutet und es stellt sich das Bedürfnis ein: Bleibe bei uns! Und dann ereignet sich Eucharistie, Lobpreis, Segen und Gabe, und es ereignet sich, dass der Gegenwärtige nicht mehr zu sehen ist. Da und doch nicht verfügbar, präsent aber nicht festzuhalten. Die innere Erfahrung des Herzens, die die alte Sehnsucht nach neuem Leben, einer anderen von Gerechtigkeit und Frieden geprägten Welt neu entfachte, lässt sie die Basis ihrer Welt- und Lebensdeutung, die Schriften und Propheten neu sehen. Und sie verstanden, warum der Messias, der Christus leiden musste. Warum wird eine Welt, in der Gerechtigkeit und Friede sich küssen sollen, nicht durch Gewalt, sondern durch das Leiden des Gerechten Realität? Das hat ihnen der fremde Jesus erschlossen. Diese Geschichte lädt uns ein, mit diesem Schlüssel unser Leben und unsere Welt zu deuten.

Lukas, der Artz, der die Menschenfreundlichkeit Gottes in den Mittelpunkt seines Evangeliums gestellt hat, hat seine Antwort gegeben: Weil allein Barmherzigkeit und Liebe stärker ist als der Tod und alle Gewalt. Diese unwahrscheinlichste aller Möglichkeiten, die aber durch das Ereignis Jesu Christi eine mögliche Möglichkeit dieser unserer Welt darstellt, erkennen wir nur, wenn wir nicht vom Allgemeinen und Üblichen auf das Christusereignis blicken, sondern von diesem Ereignis her uns und alle Wirklichkeit zu deuten wagen, wenn wir aufgrund der Begegnung mit ihm, der im Zeichen von Brot und Wein, von Lobpreis und Dank da und dennoch unsichtbar ist, beginnen uns und unsere Geschichte zu verstehen und zu leben. Mir genügt die Erfahrung: Brannte nicht mein Herz ... . Mit ihr wage ich mit Paulus zu glauben, dass sich auch in mir ereignet: Christus lebt in mir (Gal 2,20)!

Roman A. Siebenrock, Professor am Institut für Systematische Theologischen der Universität Innsbruck

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