Predigt zum Nachlesen

von Roman Siebenrock

Symbol

Der Weg, die Wahrheit und das Leben

Predigt zum 5. Sonntag in der Osterzeit

Das haben wir in diesem Jahr schon oft gesagt: So wie in diesem Jahr, war es noch nie: Ostern, Weißer Sonntag, 1. Mai und an diesem Sonntag: Muttertag; – wie noch nie! Wenigstens sind an diesem Wochenende die kleinen Besuche wieder möglich, und daher auch ein Besuch und ein unmittelbarer Dank in kleiner Runde angebracht. Wir alle haben Erfahrungen mit der Mutter, und wenn nicht, wird sie vermisst und immer wieder neu gesucht. Mit „mütterlich" verbinden wir Geborgenheit, leistungslose Anerkennung und ein verstehendes Herz. Aber sind solche Stereotypen nicht Muster vergangener Zeiten, die Menschen, vor allem die Frauen, auf bestimmte Rollen fixieren wollten? Das trifft sehr wohl zu, wenn wir die Geschichte des Muttertags nicht verdrängen. Damit ist aber die Bedeutung der genannten Haltung für das Gedeihen unseres Lebens nicht widerlegt oder als unsinnig zurückgewiesen. Wenn ich auf diesem Hintergrund das Wort der Schrift des heutigen Tages lese, dann kommt mir ein Ideal in den Sinn, das mir in der Jugend vor Augen gestellt worden ist: der marianische Mann. Das klingt heute ziemlich schräg, aber ich habe daraus gelernt, dass das reale Leben nicht den Stereotypen entspricht, sondern dass es mütterliche Männer und väterliche Frauen geben soll und darf. Und jeder und jede von uns ist es aufgegeben, sich selbst in dieser breiten Palette des Lebens mit seiner eigenen Persönlichkeit zu finden. Die einzelne Person mit ihren Charismen und Grenzen ist der Ort der Suche nach dem Willen Gottes im je eigenen Leben, nicht das Stereotyp, von woher auch immer.

Aber alle unsere Erfahrungen sind nie ein eineindeutig, sie sind komplex und bisweilen tief ambivalent. Wie sollen wir Christgläubige mit unserem nie abschließbaren und immer wieder durchbrochenen eigenen Leben umgehen? Wie sollen wir überhaupt in dieser aktuellen Situation dem Leben trauen? Wir sind doch in unzumutbare Dilemmas hineingestellt: Lebensschutz in Spannung mit Lebensentwicklung und Grundrechten; wissendes Nichtwissen mit so vielen Aspekten und sich widersprechenden Expertisen, dass es nicht leicht fällt, ja bisweilen unmöglich erscheint, einer Grundbedingung der pluralistischen und hoch-differenzierten Gesellschaft zu folgen: dem Vertrauen in die ExpertInnen und den auf dieser Basis handelnden politisch Verantwortlichen. Denn diese haben nie das wünschenswerte Wissen für solche gewichtigen Entscheidungen, weil sie immer im Bereich der Wahrscheinlichkeiten handeln müssen. Wir erfahren eine radikale Kontingenz unseres gemeinsamen gesellschaftlichen Lebens. Befinden wir uns deshalb inmitten einer globalen Tragödie, in der wir, um das Leben aus besten Motiven und mit besten Gründen zu schützen suchen, gerade dadurch dieses Leben nachhaltig schädigen? Was kann uns das Wort Gottes dieses Tages über diese beiden Fragen sagen, wozu ermutigen, wovor warnen? Finden wir einen möglichen Ausweg aus dem Irrgarten so vieler gegensätzlicher Stimmen?
In allen Lebenssituation ist uns Christgläubigen aufgegeben, was von Anfang an das Leben in der Spur des Gekreuzigten und Auferstandenen ausgezeichnet hatte: Wir deuten unser Leben im Licht des Evangeliums, im Licht des fleischgewordenen Wortes Gottes, im Blick auf Jesus Christus. In der Beziehung zu ihm lernen wir, wer und wie „G//T" ist und wer und wir Menschen sind und sein sollen. Dieses Experiment und Wagnis wollen wir auch heute, an diesem Tag, in dieser seltsamen Zeit eingehen, nicht mit einem ausgesuchten Wort der Schrift, sondern mit dem von der Kirche für den heutigen Tag vorgegebenen. Und – es erstaunt mich immer wieder, wie es auf einmal zu sprechen beginnt. Immer neu spricht das Wort in unser Leben, immer auch anders. Aber immer erweist es sich als unerschöpfliche Ressource für wahres, ganzes und neues Leben, weil allein im hingegebenen Hören auf das Wort der Schrift der Urheber des Lebens mit uns neu das Gespräch aufnimmt.

Die Apostelgeschichte erzählt aus der frühen Gemeinde jene Situation, aus der ein neuer Dienst, das Amt des Diakons entstanden ist. Neid und Misstrauen hatte sich in der jungen Gemeinde eingenistet, die also nicht einfach nur ein Herz und eine Seele war. Und der Grund ist Ursache von Misstrauen und Spaltung bis heute: eine Gruppe hatte die gut begründete Überzeugung, zu kurz zu kommen. Sie würden bei der caritativen Verantwortung übergangen, weil sie Neulinge waren, Neu-Bekehrte sicherlich, aber gruppentheoretisch gesprochen „Rei-Gschmeckte" (wir es auf schwäbisch heißt). Die Urspannung zwischen Juden und Griechen, Hellenisten und Hebräern, zeigt sich hier zum ersten Mal. In solchen kulturellen Differenzen werden sich in der späteren Geschichte des Christentums die konfessionellen Spaltungen aufbrechen. An solchen Differenzen würden sich ein „Krieg der Kulturen" in diesem Jahrhundert bilden, hat vor einer Generation Huntington prognostiziert. Die junge Gemeinde, und die Kirche bis heute, erweist sich also als exemplarisches Laboratorium des Lebens, individuell, sozial und gesellschaftlich. In ihr soll gelebt und erprobt werden, wie Menschsein geht und wie wir gemeinsam auf diesem begrenzten Planeten nicht nur überleben, sondern gut leben können. Denn diese Kirche soll Zeichen des Reiches Gottes in und mitten unter uns sein.

Damals war Innovation gefragt und die Apostel werden auch später diese Differenz kreativ, mit der Berufung auf den Heiligen Geist in einem ebenso innovativen Entscheidungsfindungsverfahren zu „lösen" wagen: dem sogenannten Apostelkonzil (Apg 15,6-31). Die Apostel entschieden bei der Wortverkündigung zu bleiben und wählten daher für den Dienst an den Tischen sieben Männer aus. Mit der bis heute erhaltenen Form der Handauflegung bestellten sie diese, unter ihnen wohl der bekannteste, Stephanus. Wer aber seine Geschichte kennt, weiß, dass er nicht durch den Tischdienst in unser Gedächtnis gelangt ist, sondern eben durch jenen Dienst am Wort, den die Apostel zunächst für sich reservierten. So ist es immer im Leben: Wir entscheiden etwas, und dann passiert mitunter etwas anderes und Neues, welches auch gut genannt werden kann. Bemerkenswert aber ist das Ende dieser Erzählung. Es wird nicht berichtet, dass sich die Spannung in der Gemeinde gelegt hätten, sondern dass sich Missionserfolg eingestellt hätte, auch unter den Priestern. Männer dienten, Männer verrichteten den Tischdienst. Lukas, der Autor der Apostelgeschichte, kennt auch Frauen um Jesus und in der Gemeinde. Auch wenn sie nicht erwähnt werden hier, scheinen sich die bei uns traditionell eingespielten Geschlechterrollen in der jungen Gemeinde nicht gefunden zu haben. Der später entwickelte Diakonat der Frau in der Ostkirche ist aus einer ähnlichen Geistesstunde erwachsen: neue Situationen müssen im Geist des Evangeliums innovativ und neu beantwortet werden. Unsere aktuelle Kirche ist in dieser Hinsicht von der seltsamen Meinung gefangen gehalten, dass sich in der Katholischen Kirchen nichts ändern dürfe. Doch war ihr Ruf über Jahrhunderte ein anderer: Sie hätte innovative, in der Schrift nicht begründete und zu findenden Innovationen gesetzt: die Marienverehrung, die Formen des Bußwesens; - und jetzt „zwei Päpste". Die Erzählung aus der Apostelgeschichte ermutigt uns zu Neuem, zum Auszug aus den Stereotypen. Es ist kein fauler Kompromiss, sondern die Logik des Lebens: männliche Frauen und frauliche Männer; wir nennen das „hybride Lebensformen". Katholizität ist immer hybrid, Gott und Welt mit Mensch, Papst, Bischöfe, Priester, Diakone und das Volk Gottes, Heilige und Sünder, Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Zeit und Ewigkeit. Katholisch bezeichnet die Kunst die Spannung zu leben, nicht sie nach der einen oder anderen Seite aufzulösen.

Insofern kann Muttertag auch Vatertag sein, also ein Fest des Diakonats im ursprünglichen Sinne des Wortes. Keine menschliche Gemeinschaft ist lebensfähig ohne vielfältigen oft verborgenen Dienst. Die ersten christlichen Gemeinden wussten durch das Beispiel Jesu es noch eindrücklicher: die Kirche lebt und wird jung allein durch ihre Gabe, in Konfliktsituationen mit neuen und deshalb auch ungewohnte Lösungen ihren Dienst der Versöhnung zu leben. Und diese Versöhnung erwächst immer aus dem wechselseitigen Dienst, sich zu versöhnen. Einer trage des Anderen Last! Wer bei Euch der Größte sein will, sei der Diener aller. Mütter wurde diese Rolle oft zuerkannt. Da die Kirche Mutter genannt wird, können wir nur ihre lebendigen Glieder sein, wenn wir alle einander dienen; nicht nur am Muttertag: Wir alle sollen irgendwie Mütter werden; - und Väter sein. Und diese Haltung hat unsere Gesellschaft heute und morgen so nötig, wie einen möglichen Impfstoff oder das Abstandhalten in der Zwischenzeit. Wir werden einander zu verzeihen haben, hat der deutsche Gesundheitsminister Spahn gesagt. Wir haben jetzt schon einen Weg der Versöhnung zu gehen, um das Vertrauen, von dem wir Menschen so notwendig leben wie von Licht, Luft und Wasser, zu erneuern und zu stärken. Die Erzählung aus der Apostelgeschichte ermutigt uns heute zu innovativen Schritten, in Familie, Kirche und Gesellschaft.

Diese Orientierung hatte die junge Kirche nicht aus sich. Sie hat diese schöpferische Kraft aus ihrer lebendigen Erinnerung an ihren Herrn Jesus Christus, den Gekreuzigten, den sie als den Lebendigen in ihrer Mitte erfuhren und bekannten. Diese Spannung von Abwesenheit und Gegenwart Christi, hat das mystischste aller Evangelien im Munde Jesu im heutigen Evangelium reflektiert und uns so auch heute Orientierung geschenkt. Jesus kündigt seinen Abschied an, und das sei gut so. Die Jüngerinnen müssen erwachsen werden; – und das gelingt nicht am Zipfel von Mutter oder Vater, oder Jesu selbst. Später wird der hinzufügen, dass er den Geist, den Tröster senden wird, der uns in die Wahrheit seines Lebens einführt. Heute bestimmt ein mehr heimatliches Bild seine Aussagen. Er werde uns Wohnungen bereiten, deren es viele bei seinem Vater geben würde. Wie aber finden wir den Weg, fragen wir mit Thomas. Gibt es eine Karte und einen Kompass? Gibt es einen Königsweg in den Dilemmas unseres Lebens zum endgültigen ewigen Ziel, die Gemeinschaft mit Gott, dem Vater Jesu Christi und unserem Vater? Die Antwort Jesu nach Johannes bringt das Herz des christlichen Glaubens zum Ausdruck: der unsichtbare, über all unser Denken, Fühlen und Sehnen erhaben Herr des Himmels und der Erde, ist uns in der Begegnung mit ihm so nahegekommen, dass Jesus von der innigsten Einheit von ihm mit dem Herrn Israels zu sprechen wagt. Aber, hören wir genau zu, Jesus ist nicht identisch mit dem Vater, sondern „eins" mit ihm. Wer mich sieht, sieht den Vater. Jesus aber unterscheidet sich von ihm. Der Mensch ist nicht Gott, er ist auf dem Weg. Auch dieser Mensch Jesus von Nazareth bleibt in aller Nähe zu seinem Vater, ein Glaubender und ein Hoffender, der auch vom Fehl Gottes betroffen werden kann. Gerade dadurch, dass er alle unsere Erfahrung geteilt hat; alle – auch Ratlosigkeit, Leiden und Tod, deshalb ist seine Gestalt uns Orientierung, sein Wort, seine Handlungen und seine Kämpfe geben und ein Beispiel. Niemals nimmt uns Jesus das eigene Leben ab, aber er gibt uns ein Beispiel und ermutigt uns zu einem Weg, zu unserem Weg, den er mit uns gehen möchte. Denn unser Leben soll eine neue Seite im Leben des universalen Christus' werden. So wird wahr, was er von sich selbst sagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.

Und dieses Beispiel haben so viele Menschen, seit die Botschaft vom Ostermorgen die Welt veränderte, kreativ und innovativ in ihrem Leben ausgelegt; – Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche, Hybride und andere. Und auch wir sind aufgerufen, nicht Abziehbilder der Vergangenheit zu werden, sondern Originale. Hanna Wolff hatte von Jesus, dem neuen Mann gesprochen. Warum also nicht in sich selbst Männliches und Weibliches entdecken; – und auch in Gott? Jesus hat das ganze Leben angenommen, das Fest und das Leiden, die Geburt und den Tod. Deshalb ist unsere Leben und die heutige Situation keine Tragödie, auch wenn wir das Dilemma noch einige Zeit durchtragen müssen. Dabei aber müssen wir die Versuchung widerstehen, den einfachen Lösungen zu trauen, die immer darin bestehen, die Spannung einseitig aufzulösen. Meine Zuversicht in diesen Tagen erwächst im Wissen um so viele Menschen, die mütterlich und väterlich, dem Leben dienen. Mein Vertrauen und meine Hoffnung aber erwachsen in der Erfahrung jener Menschen, die mir zur lebendigen Gestalt Jesu in dieser unserer Geschichte geworden sind. Sie finden sich innerhalb und außerhalb unserer sichtbaren und institutionellen Kirchen und Glaubensgemeinschaften.

Erzählen wir uns solche Geschichte der Ermutigung, damit diese Krise zu einer Umkehr zum Leben werden kann. Dafür ist mir das Evangelium immer neu eine unerschöpfliche Ressource. Amen!

P.S.
Da nächste Woche der erste Schritt aus der Virtualität gemacht werden wird, ist es mir ein großes Anliegen, allen zu danken, mit denen ich mich trotz Distanz verbunden fühlte. Ich freue mich schon jetzt, Euch wiederzusehen, auch wenn die Hauskirche eine gute Erfahrung war. Diese gute Erfahrung wurde aber unterstützt und immer wieder neu inspiriert, durch die Impulse und die Predigten aus der Jesuitenkirche. Für diese und die Menschen, die für uns da waren, möchte ich hier ausdrücklich danken. Es ist gut, sich in einer solchen Weggemeinschaft wissen zu dürfen. Nicht nur ein Hauch Apostelgeschichte habe ich in diesen letzten Wochen gespürt.

Roman A. Siebenrock, Professor am Institut für Systematische Theologischen der Universität Innsbruck

Adresse

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6020 Innsbruck
+43 512 5346-0

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