Predigt am 17. Mai 2020 in der Jesuitenkirche zum Evangelium Joh 14,15-21

Was mir die Jesuitenkirche in den letzten Wochen erzählt hat

In der Coronazeit mit Ausgangssperre dachte ich: Wenn Sie schon nicht zur Kirche kommen können, werde ich eben die Kirche zu Ihnen nach Hause bringen. Zusammen mit Mitbrüdern, Freundinnen und Freunden habe ich Tag für Tag kleine Impulse aus der Jesuitenkirche auf die Website stellen lassen. So habe ich viel Zeit hier in dieser Kirche verbracht, und sie hat angefangen Geschichten zu erzählen: über sich, ihre Kostbarkeiten, ihre Risse, über die Welt und – über Gott. Über drei Erkenntnisse möchte ich heute berichten.

1. Die Kirche war meistens leer. In der Zeitung stand: „Gott allein zu Haus." Aber war es das, was mir die Kirche erzählte? Dass Gott allein zu Haus ist? Ein verwaister Gott? Nein! Sicher nicht! Oder erzählte sie mir, dass Sie, die Glaubenden, verwaist sind? Viele fühlten sich fern der Eltern, Kinder, Enkel, Freunde und Bekannten? Fern auch von Gott? Manche klagten vielleicht auch, dass Gott ihnen verborgen ist. Das wäre nicht so neu. In den Psalmen wird die Erfahrung der Gottferne oft ausgedrückt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Ps 22,2) „Gott, mein Gott bist du, dich suche ich..." (Ps 63,2) „Wann kommst du zu mir? Ich lebe in der Stille meines Hauses..." (Ps 101,2) Wollte mir die leere Kirche also erzählen, dass Gott uns verlassen hat? Dass wir allein zu Haus sind? Auch nicht! Die leere Kirche sagte etwas anderes. Sie sagte: Gott ist da, wo die Menschen sind. Sie sind sein Tempel, seine Kirche. Bei ihnen will er wohnen. Gott ist mit ihnen in ihren vielleicht zu engen Wohnungen, auch bei den Müttern und Vätern, die auf einmal alles zugleich taten: unterrichten, unterhalten, einkaufen, kochen, arbeiten. Gott ist bei ihnen in ihren Sorgen und Fragen, in ihrem Lachen und in ihren Tränen, im Streit und in der Versöhnung, in den vielen Zeichen der Freundlichkeit und Hoffnung. Das erzählte mir die leere Kirche. Mein Mitbruder Kiran aus Indien hat diesen Gedanken in einem Tagesimpuls ausgedrückt und Tagore zitiert, der schreibt: Dein Gott „...ist dort, wo der Bauer den harten Boden bestellt und wo der Wegbereiter Steine bricht. Er ist mit ihnen in der Sonne und im Regenschauer, und sein Kleidungsstück ist mit Staub bedeckt." Und Jesus sagt es uns heute so: „Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen." (Joh 14,18) Wir sind nicht verwaist. Aber spüren wir es?

2. Eines Tages, während ich die Kirche betrachtete, machte ich eine Entdeckung. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, was in der Mitte des Kirchengewölbes dargestellt ist? Dass da das Symbol für den Heiligen Geist schwebt: die Taube?* So unscheinbar, dass ich sie 30 Jahre lang nicht gesehen habe. Und so erzählte mir die Kirche wieder etwas über Gott. Sie sagte: Sein Geist ist da, auch wenn du ihn nicht immer spürst. „Wahrhaft, der Herr ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht", sagte Jakob nach seinem Traum von der Himmelsleiter (Gen 28,16). Sein Geist ist da. Jesus nennt diesen Geist heute „Geist der Wahrheit" (Joh 14,17); und ein andermal sagt er: „Die Wahrheit wird euch freimachen" (Joh 8, 32). Aber wie kann man das verstehen? Einmal besuchte ich zusammen mit einer Gruppe junger Jesuiten ein Anwesen in der Nähe von Neapel, wo Drogenabhängigen geholfen wurde, den Weg in ein besseres Leben zu finden. Sie arbeiteten dort auf dem Bauernhof, spielten Fußball, kochten und aßen miteinander und versuchten als Gemeinschaft zu leben. Einer der Jungs zeigte uns das Haus und führte uns in einen Raum, an dessen Wänden viele kleine Zettel hingen. Er erklärte, jeder Hausbewohner habe einige Wahrheiten über sich selbst auf einen Zettel geschrieben und da aufgehängt. Darauf nahm er einen dieser Zettel von der Wand – es war sein eigener – und er las uns vor, was er darauf geschrieben hatte: „Ich heiße Luciano, ich bin liebenswürdig und hilfsbereit; aber ich bin auch egoistisch, empfindlich und ein Angeber. Ich bin krank und brauche Hilfe." O.K., dachte ich: Könnte ich das auch? Wenn schon nicht vor anderen, so zumindest einmal für mich selbst: zulassen, was und wie ich bin? Schönes und Hässliches? Wenn eine Angst auftaucht zu sagen: Auch das gehört zu mir. Wenn eine Unzufriedenheit, zu sagen: Auch das gehört zu mir. Wenn ein Zweifel: Auch das gehört zu mir. Wenn ein Groll: Auch das gehört zu mir. Ich habe schon oft erlebt: Sobald ich etwas zulassen kann, es Gott zeigen und übergeben kann, löst sich etwas. Da fange ich an zu ahnen: Gott ist da, in all dem, und ich wusste es nicht. Das ist der Geist der Wahrheit, der mich frei macht. Aber wie kann ich das zulassen?

3. Auch dazu hat mir diese Kirche etwas erzählt. Ich merkte: Je mehr ich sie zu lieben begann, desto mehr erschloss sie sich mir. Und so sagte sie mir: Wenn du dich geliebt weißt, dann kann sich deine Seele öffnen. Dann kannst du die Wahrheiten deines Lebens zulassen. Wer hat es nicht schon erlebt? Wenn wir uns geliebt fühlen, können wir mehr von uns zeigen, mehr von uns offenbaren. Und so sagt es auch Jesus heute: „Wer mich liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren." (Joh 14,21) Lieben und offenbaren. Das gehört zusammen. Und am erfreulichsten unter allen Offenbarungen ist doch die Offenbarung, dass wir geliebt sind.


Bruno Niederbacher SJ, Jesuitenkolleg Innsbruck

* Die Taube befindet sich übrigens zwischen der Sonne im Presbyterium, ein Bild für Gott Vater, und dem IHS, dem Symbol für den Sohn, im hinteren Teil der Kirche. Also noch einmal ein Hinweis auf die Trinität.

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