Predigt zum Nachlesen - Fronleichnam am 11. Juni 2020

von Prof. Nikolaus Wandinger

Symbol

Der Weg durch die Wüste und das Brot vom Himmel

Lesungen: Dtn 8,2-3.14b-16a; (1 Kor 10,16-17); Joh 6,51-58

Liebe Gläubige,

finden Sie es auch beunruhigend, wenn in der heutigen Lesung Mose zum Volk sagt, Gott habe die Menschen hungern lassen, um sie gefügig zu machen? Sollen wir uns Gott wirklich als jemanden denken, der Menschen absichtlich in die Wüste führt, sie dort durch Nahrungsentzug gefügig macht und ihnen dann ein besonderes Brot, das Manna, gibt, um ihre Unterwerfung zu belohnen?

Ich denke nicht, ich denke, wir sollten unser Augenmerk lieber auf das richten, was Mose sonst noch sagt, um zu verstehen, was er hier sagen will: Er ermahnt die Menschen, an den ganzen Weg zu denken, den Gott sie geführt hat. Und zu diesem ganzen Weg gehört auch der Anfang und der Grund, warum er sie überhaupt in die Wüste geführt hat: Um sie aus Ägypten, das sie als Sklavenhaus empfanden, herauszuführen. Es geht gerade um das Gegenteil von Unterwerfung, es geht um Befreiung. Diese Befreiung geschieht aber nicht auf einen Schlag, sondern ist ein langer beschwerlicher Weg.

Was die Israeliten auf ihrem Weg erfahren haben, erfahren Menschen immer wieder: Länder, die sich von Kolonialismus und Unterdrückung befreit haben; Minderheiten, die sich gegen Diskriminierung auflehnen; Einzelne, die sich gegen unterdrückende psychische Mechanismen und Abhängigkeiten wehren; Menschen, die sich gegen religiöse Bevormundung in ihrer Glaubensgemeinschaft – auch in der Kirche – stemmen: Da gibt es zuerst einen Befreiungsschlag, der als alles ändernder Umsturz erfahren wird, und man glaubt, jetzt hätte man es überstanden. Und dann liegt ein langer beschwerlicher Weg mit Hunger- und Durststrecken, Rückfällen und Anfeindungen wie von Feuernattern und Skorpionen vor einem und man stellt fest: Das Ziel der wahren Freiheit und Selbstständigkeit ist noch in weiter Ferne.

Und wenn man sich auf den Weg gemacht hat, weil man sich von Gott dazu ermutigt und ermächtigt fühlte, empfindet man Gott auf einmal als denjenigen, der einen in Schwierigkeiten gebracht hat. Wäre es nicht doch besser gewesen, „daheim" zu bleiben, sich nicht auf den Weg gemacht zu haben? Wenn Menschen so weit sind, dann stellt sich die Frage der Entscheidung: Wird man die Gebote Gottes bewahren oder nicht? Dabei sind das nicht willkürliche Vorschriften, sondern Regeln, die genau der Selbst¬stän¬digkeit und Freiheit dienen; Hinweise, die den Menschen helfen können, zu mündigen, verantwortlichen Personen zu werden – erst wirklich heim zu kommen – anstatt Befehlsempfänger der eigenen echten oder vermeintlichen Bedürfnisse zu bleiben.

Und wenn man dann doch am Weg Gottes festhält und den Eindruck hat, jetzt gehe es gar nicht mehr weiter, man sitze ohne Wasser und ohne Nahrung in der Wüste, dann ergeben sich oft Möglichkeiten, mit denen man nie gerechnet hätte, die so überraschend sind wie Wasser aus dem Felsen oder himmlisches Manna. Damit möchte Gott uns nicht „gefügig" machen, sondern uns erkennen lassen, dass seine Macht immer größer ist als die Hindernisse, die uns auf dem Weg begegnen können.

Es geht darum zu erfahren, „dass der Mensch nicht nur von Brot lebt, sondern [...] von allem [...], was der Mund des Herrn spricht." Dieses Wort zitiert Jesus in der Wüste, als ihn der Teufel dazu verführen will, nach 40 Tagen Fasten aus Steinen Brot zu machen (vgl. Mt 4,4). Es drückt aus, dass es Dinge im Leben gibt, die wichtiger sind als selbst die elementarsten Lebensbedürfnisse. Die Konsequenz, die Jesus daraus gezogen hat, zeigt uns das heutige Evangelium. In ihm versucht Jesus den Menschen klarzumachen, wie weit Gott bereit ist zu gehen in seinem Einsatz für das Leben der Welt: Er gibt nicht nur irgendein Manna in der Wüste, er gibt sich selbst in seinem Sohn hin, so dass er selbst das Brot wird, das den Menschen ewiges Leben schenkt.

Selbst dann, wenn sich die Menschen wegen der Hindernisse in ihrem Lebensweg gegen Gott wenden, selbst dann, wenn sie ihre Aggression und Wut auf seinen Sohn abladen, hat das nicht zur Folge, dass Gott sie verlässt oder gar, dass er sie mit Gewaltmaßnahmen gefügig macht. Es hat zur Folge, dass sich die Hingabe, die dieser Sohn ohnehin schon gelebt hat, indem er Menschen von ihren Leiden und von sie versklavenden Mächten befreite, dass sich diese Hingabe noch einmal radikalisiert und der Sohn die Gewalt, die ihm angetan wird, in Feindesliebe auf sich nimmt und sie so verwandelt.

Die Menschen machen ihn zum Opfer ihrer Aggression – er verwandelt das in sein Opfer der Hingabe an den Vater, nicht an einen zornigen rachsüchtigen Gott, sondern an den Vater, der das Leben in Fülle für seine Geschöpfe will, der aber weiß, dass dieses Leben in Fülle nur möglich wird, wenn Menschen den beschwerlichen Weg dorthin auf sich nehmen. Ohne dass wir auf diesem Weg gelernt haben, wie wichtig die eigene Verantwortung für unsere Freiheit ist, sind wir gar nicht fähig, dieses Leben in Fülle zu empfangen. Die Hingabe des Sohnes zeigt mit absoluter Radikalität, dass es nicht Gott ist, der uns die Hindernisse in den Weg legt; es sind immer wir Menschen, die uns selbst oder anderen Hindernisse in den Weg legen. Der Sohn Gottes ist eher bereit, unsere Hindernisse zu tragen und zu erleiden, als uns auf dem Weg liegen zu lassen.

Darum ist er das lebendige Brot vom Himmel, das uns im Brot auf dem Altar begegnet und das in der Kommunion in uns eintritt und uns innerlich mit sich und dem Vater im Heiligen Geist verbindet. Auch wenn wir uns dessen nicht immer bewusst sind oder uns der Gedanke sogar seltsam vorkommt, ich glaube durch unsere Teilnahme an diesem Mahl stimmen wir zu, dass auch wir den Mächten der Aggression und der Wut auf Gott erliegen würden, wenn uns nicht Christus davon abhalten würde. Auch wir sind immer wieder bereit, andere Menschen zu Opfern zu machen: Opfern unserer Vorurteile, Opfern unserer Privilegien, Opfern unserer Angst zu kurz zu kommen. Christus reagiert darauf, indem er uns in der Eucharistie physisch zeigt: Ich lasse mich von euch verzehren, damit ihr euch nicht in Sorge und niemanden anders in Aggression verzehren müsst. Durch seinen Leib und sein Blut schenkt er uns ein Leben, das unzerstörbar ist, weil es nicht darauf beruht, was wir uns genommen haben, sondern auf dem, was er uns zu schenken bereit ist.

Wenn wir an den ganzen Weg denken, den Gott uns führen möchte, dann nicht nur an den Anfang, sondern auch an das Ziel: das ist unsere Freiheit und unser Glück. Doch in dieser Welt wird dieses Ziel nie vollkommen erreicht. Die Momente des größten Glücks vergehen und unsere Freiheit wird immer wieder an ihre Grenzen stoßen. Jesus sagt dazu nur: Die Väter, die das Manna gegessen haben, sind gestorben. Auch wir wissen: Wir werden einmal sterben, und manche von uns haben vielleicht in den letzten Monaten den Tod lieber Menschen beklagen müssen. Die Frage ist: Bleibt es dabei? Muss es dabei bleiben? Jesus verspricht: „Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit." Können wir das glauben? Kann es sein, dass die letzte Erfüllung unserer Sehnsucht auf eine uns hier und jetzt schwer zugängliche Weise möglich wird?

Jesus ist in dieser Überzeugung in den Tod gegangen. Weil er davon überzeugt war, dass unsere Existenz weder vom Brot noch von den biologischen Gegebenheiten allein abhängt, sondern vom Wort Gottes, das allein uns ewiges Leben schenken kann, darum konnte er sein Leben hingeben für das Leben der Welt, für unser Leben. Wenn Gott ihn auferweckt hat, dann wird er auch uns das ewige Leben schenken. Unser Glaube baut darauf und befähigt uns, uns einzusetzen für das Leben anderer, befähigt auch uns, Verantwortung zu übernehmen und mitzuwirken an einer Welt, die weniger Opfer produziert, die damit gerechter und barmherziger zugleich wird.

Prof. Nikolaus Wandinger, Institut für Systematische Theologie, Universität Innsbruck

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