Predigt vom 14. Juni 2020 zum Nachlesen

von Bruno Niederbacher SJ

Symbol

Die Ernte ist groß

In diesem Frühling hieß es: Die Ernte ist groß. Auf den Thaurer Feldern sind die frischen Radieschen reif. Aber es gibt zu wenig Arbeiter. Die erfahrenen Erntehelfer dürfen nicht einreisen. Wer wird das Gemüse ernten? Finden sich Tirolerinnen und Tiroler, die das können: Erntehelfer sein?

Jesus sagt mir heute das Gleiche: „Die Ernte ist groß. Im Reich Gottes gedeiht es prächtig. Es reifen ständig Früchte heran. Auch im Garten deiner Seele. Siehst du sie nicht? Du neigst dazu, das Unkraut zu sehen, die Brennnessel und die Dornen, die Bitterkräuter und den Wermut, den du gerade noch tolerierst. Aber sieh' doch das prächtige Gemüse und die köstlichen Früchte des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, die ständig bei dir reifen: einmal wagst du es, dein Leben in Gottes Hände zu legen; einmal erlebst du einen tiefen inneren Frieden; einmal kannst du jemandem verzeihen; einmal kommt dein Talent zum Zug; einmal verbreitest du Freude; einmal verschenkst du Zeit und Mittel ohne zu rechnen; einmal kannst du dich für jemanden hingeben, einmal erlebst du, wie du durch eine schwere Zeit getragen wirst. Die Ernte ist groß."

Mit dieser positiven Sicht geht Jesus an uns heran. „Aber es gibt nur wenig Arbeiter." Erntehelferinnen und Erntehelfer werden gesucht. Gerne möchte ich Erntehelfer auf den Feldern des Reiches Gottes sein. Aber was muss ich da können und was soll ich da tun?

Jesus könnte antworten: „Ich sage dir zuerst, was du nicht können musst. Du musst nicht machen, dass die Pflanzen und Bäume wachsen, und es liegt nicht an dir, die Früchte des Reiches Gottes herzustellen. Es schadet eher als es nützt, wenn man da mit Gewalt nachhelfen will, an den Pflanzen zerrt und zieht. Gott lässt wachsen und reifen. Du aber hab Geduld und warte! Lass geschehen! Das ist das Wichtigste im Reich Gottes. Und dann lerne die Früchte sehen! Entwickle einen Blick dafür! Zuerst bei dir selbst. Denn wenn du die Früchte des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe bei dir selbst entdecken gelernt hast, dann wirst du sie auch bei anderen sehen."

Wir neigen dazu, am Übel hängenzubleiben und das viele Gute zu übersehen, das Tag für Tag geschieht. Unser Ordensgründer, der heilige Ignatius von Loyola, soll einmal gesagt haben: „Gott geht mit uns anders um als die Menschen dieser Generation. Denn die Menschen geben bei unseren Handlungen auf das acht, was an ihnen schlecht oder unvollkommen ist; das bemerken sie, das halten sie fest. Gott hingegen schaut auf das, was wir an Gutem tun." „Entwickle also diesen Blick Gottes auf die Welt: auf dich und auf andere. Das musst du als Erntehelfer können." Und dann? Was sonst? „Dann verkünde: Das Reich Gottes ist nahe. Gott ist nahe. Gott ist am Werk. Schau doch: Jetzt schon sind die ersten Früchte reif. Da und da und da. Die Früchte sehen und wertschätzen, darauf kommt es an."

Einmal erzählte mir jemand von der Frucht seiner Arbeit in Theologie, die er geschrieben hatte. Ich sagte: „Toll! Das ist ein sehr interessanter Zugang." Da strahlte er im ganzen Gesicht und sagte auf Englisch: „You made my day." Wörtlich übersetzt, heißt das: „Du hast meinen Tag gemacht", was so viel heißt wie: Du hast meinen Tag gerettet; du hast mich für heute glücklich gemacht. Diese kleine Rückmeldung! Das ist leicht, kostet wenig Zeit und kann jemanden für einen ganzen Tag glücklich machen. Die Früchte sehen und wertschätzen.

Was man sonst können muss? Da kommt es freilich auch auf die Früchte an. Radieschen zu ernten ist etwas anderes als Spargel zu stechen, Erdbeeren zu pflücken etwas anderes als Birnen. Man muss nicht alles können. So ist es auch im Reich Gottes: Jemand kann gut zuhören, jemand kann wertschätzen, jemand kann reden, jemand ist wortkarg, packt dafür aber gerne mit an, jemand hat gelitten und kann gerade deshalb Menschen trösten, denen es ähnlich geht... Niemand kann alles, jeder kann etwas, und Gott kann alle brauchen. Ja, die Erntehelfer im Reich Gottes sind einzigartig. Dies kommt im Evangelium dadurch zum Ausdruck, dass sie mit Namen genannt werden: Petrus, Johannes, Jakobus, Thomas und wie sie alle heißen. Sehr unterschiedliche Charaktere! Jesus ruft auch Frauen mit Namen: „Marta, Marta..." ruft er die Frau aus Betanien aus ihrem Ärger; „Maria", ruft er Maria aus Magdala im Ostergarten und sendet sie. Nennen wir auch die vielen anderen Erntehelferinnen im Neuen Testament mit Namen: Maria, die Mutter Jesu, Elisabeth, Maria Kleophe, Maria von Bethanien, Johanna, die Frau des Chuzas, und Susanna. Jesus ruft seine Erntehelferinnen und -helfer mit Namen. Und manche erhalten einen Beinamen von ihm, liebevoll und vielleicht mit einem Augenzwinkern: Simon wird „Fels" genannt, vielleicht gerade deshalb, weil er leicht ins Wanken geriet, Jakobus und Johannes werden „Donnersöhne" genannt, vielleicht weil sie schnell emotional geworden sind und es immer wieder einmal haben krachen lassen. Jesus ruft auch uns mit Namen, dich und mich. Und er sagt damit: „Du bist gemeint. Nicht nur etwas an dir, sondern du: ganz und gar du, mit Haut und Haar, Hirn und Herz, mit deinen Talenten, Ecken und Kanten, mit deinen Wunden und Schwächen. Genauso wie du bist, brauche ich dich. Es gibt ein Wort, das nur du der Welt sagen kannst, es gibt Früchte, die nur du entdecken kannst, weil niemand genau so tickt wie du."

Bruno Niederbacher SJ, Jesuitenkolleg Innsbruck

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