„Kommt alle zu mir!"

Sach 9,9-10
Mt 11,25-30

„Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken." In der alten Einheitsübersetzung hatte es noch geheißen: „... die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt! Ich will euch Ruhe verschaffen." Kommt alle zu mir! Das ruft Jesus auch uns zu, hier und heute, jedem einzelnen von uns, das ruft er uns immer zu. Das ist seine Sehnsucht, dass wir zu ihm kommen, mit dem was uns belastet, mit dem woran wir tragen, mit der Last unseres Lebens. Er will uns erquicken, er will uns Ruhe verschaffen. Um welche Lasten geht es da eigentlich? Womit sind wir beladen?

Man denkt hier zuerst wohl an die kleinen und großen Probleme des Alltags. Stress und Überforderung, Streit in der Familie, Krankheit und Alter, finanzielle Sorgen, Angst um den Arbeitsplatz, Angst vor der Zukunft. All das kann uns plagen, all das kann uns in Unruhe versetzen. Noch grundsätzlicher könnte es vielleicht um Sinnkrisen und den um Verlust der Lebensfreude gehen, wenn alles witzlos wird, wenn man scheinbar keine Kraft mehr hat; oder das Leiden daran, dass man in irgendeiner Weise schuldig geworden ist, das man sich etwas einfach nicht vergeben kann. Aber Jesus schaut noch tiefer in das menschliche Herz. Die eigentliche Last des Menschen ist sein Geknechtetsein unter dem Druck der Selbstrechtfertigung: Du muss es aus eigener Kraft schaffen, Du musst Dich vor Gott und den Menschen beweisen und Deine Anerkennung verdienen! Du musst Deine brüchige Existenz rechtfertigen! Du musst, und Du kannst es doch nicht! Und dann beginnt das Wechselspiel von Hochmut und Verzweiflung. Diese Selbstrechtfertigung kann ganz unterschiedliche Formen annehmen, sie betrifft die Atheisten genauso wie die Frommen, und sie wirkt sich auch gesellschaftlich verheerend aus. Aber im Grunde kommt sie immer aus einem gestörten Verhältnis zu Gott. Der deutsche Theologe Gerhard Ebeling hat das einmal so beschrieben: „Der Wahn, mit sich selbst und der Welt, mit seinem Versagen und dem Tod, mit dem Gesetz in der ganzen Wucht seiner den Menschen in Frage stellenden Kraft allein fertig zu werden, bedeutet auf jeden Fall dies, dass man letztlich nicht angewiesen sein will auf Gott". Nicht angewiesen sein wollen auf Gott, nicht auf Gott vertrauen können ... diese Gottlosigkeit, die auch und gerade in religiöser Maskerade auftritt, dieser Unglaube ist die eigentliche Not, die eigentlich Last des Menschen. Von dieser Last will uns Jesus befreien: Kommt alle zu mir! Bringt mir die Last eures Lebens, ich werde sie euch abnehmen!

Aber wie kann uns Jesus diese Last abnehmen, wie kann er uns befreien vom Zwang der Selbstrechtfertigung? Wieder mit einem Ruf, mit einer Zusage: „Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht." Ohne Joch geht es offenbar nicht, aber wir dürfen das neue, ganz andere Joch Jesu auf uns nehmen und können so das alte, drückende Joch abwerfen. Mit „Joch" ist die Lehre Jesu gemeint, das Evangelium, die frohmachende und befreiende Botschaft. Kein neues Gesetz, das wir zu erfüllen haben, sondern ein Geschenk, das man im Glauben annehmen darf. Es ist im Grunde Jesus selbst. Jesus nimmt uns hinein in seine Beziehung, er verbindet sich mit uns und schenkt und Anteil an seinem göttlichen Leben, an seiner Gerechtigkeit. Jesus offenbart uns, wer Gott wirklich ist, er offenbart uns das Geheimnis Gottes: Gott ist der Vater Jesu und Jesus ist der Sohn Gottes. Und wir gehören dazu, sind da mitgemeint, dürfen zusammen mit Jesus vor Gott stehen, unendlich geliebt, nicht weil wir es verdient hätten, sondern um Jesu willen. Wir müssen und können vor Gott nichts leisten, wir können uns die Anerkennung Gottes nicht verdienen. Aber wir dürfen sie uns schenken lassen. Und dann können wir uns im Glauben darüber freuen, ganz auf Gott angewiesen zu sein, dann können wir uns darüber freuen, alles ihm zu verdanken.

Dieser Glaube, dieses sich von Gott-geliebt-Wissen wissen, macht uns demütig, so wie Jesus. Demut ist heute keine sehr populäre Tugend. Man muss sich ja gut verkaufen und präsentieren, um nur ja nicht zu kurz zu kommen, soll sich selbst verwirklichen. Demut kann da nur hinderlich sein. Und gibt es nicht auch Beispiele von Demut, die eigentlich nur der Ausdruck von Hochmut sind? Sie kennen sicher das fromme Bekenntnis: „Ich bin auf nichts stolz – außer auf meine Demut." Aber ohne Demut kann man nicht menschlich sein. Jesus, Gottes Sohn, zeigt uns, was es heißt, wirklich menschlich zu sein, er ist der menschlichste Mensch. Und er ist demütig. Wer demütig ist, der schätzt sich selbst in der richtigen Weise ein. Wer demütig ist, der weiß, dass er ganz auf Gott angewiesen ist, dass er nur aus der Zuwendung Gottes leben kann, sich jeden Augenblick aus der Hand Gottes empfängt. Und wer im Namen Gottes zu den Menschen kommt, braucht nicht großartig aufzutreten und kann auf Gewalt verzichten. Jesus hat die seliggepriesen, die keine Gewalt anwenden; er selbst hat das vorgelebt. Wirkliche Demut ist nicht Schwachheit, sondern Freiheit. Jesus war frei, um für andere da zu sein, auch um für sie zu sterben.

Die Kehrseite von Hochmut ist Angst. Die Kehrseite der Demut ist Mut, Mut zum Leben, Mut zum Sterben, Mut zum Dienen. Als Glaubende können wir guten Mutes sein, geschehe, was auch immer geschehen mag. Als Glaubende können wir dem Bösen in uns und um uns herum Widerstand leisten und müssen nicht mit den Wölfen heulen. Als Glaubende leben wir aus der Gemeinschaft mit Jesus Christus, der uns immer wieder neu zuruft: Kommt alle zu mir! Auch am Ende unseres Lebens, mitten im Tod, wenn der selbstgezimmerte Boden unter unseren Füßen endgültig zusammenbricht, wenn uns keine andere Stimme mehr erreichen kann, wird Er uns zu sich rufen: Kommt alle zu mir! Und wir werden dann für immer bei ihm sein, in seinem Frieden leben. Amen.

Robert Deinhammer SJ, Jesuitenkolleg Innsbruck

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