Gegen den Strich gebürstet

Eigentlich könnte sich der Prediger am heutigen Tag die Predigt sparen. Da gibt es im Evangelium ein Gleichnis und Jesus selber deutet es. Er hält sozusagen so etwas wie eine Predigt. Was soll man dann dazu noch sagen? Der Prediger könnte natürlich auf die Lesung ausweichen. Aber auch hier wird die Sache nicht leichter.

Die Logik des Textes stimmt und doch stimmt sie nicht ganz! Natürlich ist es so, wie sich das der Prophet vorgestellt hat: „Wenn Gott redet, dann ist das nicht so ein Geplapper ohne Bedeutung. Gottes Wort bewirkt das, was es sagt. Gottes Wort kann nicht nur Berge versetzen. Es kehrt nicht leer zu Gott zurück, sondern bewirkt, was es will, und erreicht all das wozu es ausgesandt wurde" (vgl. Jes 55,11) Wenn aber dieses Wort alles vermag, warum gibt es dann Menschen, die diesem Wort nicht glauben? Wäre es nicht einfacher für Gott, den Menschen zu überzeugen, als die Welt zu schaffen?

Liebe Schwestern und Brüder, ganze Generationen von Theologen gaben auf diese Frage eigentlich immer dieselbe Antwort. Sie beschwören die Freiheit des Menschen, die selbst Gott respektiert. Wie gesagt: Die Logik stimmt und doch stimmt sie nicht ganz! Vor allem dann, wenn man mit ihrer Hilfe die Mode gewordene Abkehr von christlichen Kirchen zu erklären sucht. Die Menschen haben halt ihre Freiheit. Diese Erklärung beseitigt nicht die Frustrationen der kirchlich Engagierten bei der Konfrontation mit den Misserfolgen in ihrer Verkündigungsarbeit. Mit dieser Feststellung landen wir wiederum beim heutigen Evangelium.

Denn: Jesus scheint sich selber und seinen Aposteln die Misserfolge seiner Verkündigung mit dieser Geschichte plausibel machen zu wollen. Er verhilft sich bei den Schwierigkeiten mit der Frage, warum sich die Menschen von ihm abwenden, ihn gar verfolgen. Er sieht sich als Sämann, der einen Samen von bester Qualität aussät. Dauererfolg hat er aber nicht. Und warum? Wenn es keine Frucht gibt, dann liegt es nicht am Sämann, es liegt auch nicht an der Qualität des Samens. Nein! Der Grund muss beim Boden liegen! Die Felsen, die Dornen, die Disteln und weiß Gott was für Unkraut bewirken es, dass nur ein Teil der Körner aufgehen kann. Nur jene Menschen die den guten Boden mitbringen: die fruchtbare Schwarzerde, nur sie schenken dem Wort ihren beständigen Glauben und nur sie bringen reiche Frucht, teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach!

Diese Erklärung ist uns allen bestens vertraut. Die Kirche wiederholte sie auch immer wieder, legte aber zunehmend den Schwerpunkt der Predigt auf die Logik des erhobenen Zeigefingers. So wies sie immer wieder hin auf die vielen Dornen und Disteln der jeweiligen Zeit, Dornen und Disteln, die einer guten Ernte im Wege stehen. Die Palette war nicht allzu groß: von der allzu laxen Sexualmoral angefangen bis hin zur Konsummentalität. Landauf, landab bekam man nur noch zu hören, dass die Menschen für Gott keine Zeit mehr haben. Arbeit und Urlaub, überhaupt der Konsum: all das erstickt die Ernte. Die Kirche habe doch den Samen von der besten Qualität. Wenn dieser in unserer Gegenwart nur schlecht, oder gar nicht aufgeht, so liegt dies eindeutig an den modernen Menschen, die immer schlechter werden. In den letzten Jahren hat sich die Richtung auf die der erhobene Zeigefinger weist geändert, gar regelrecht umgedreht. Nun lesen nicht die Priester den Zeitgenossen die Leviten, vielmehr sind es die Menschen der Gegenwart, die der Amtskirche die Leviten lesen! Nicht die Menschen im Allgemeinen, sondern nur jene, die in der Verkündigungsarbeit stehen: Priester, Bischöfe, Diakone stellen den Inbegriff eines felsigen Bodens dar. Ihr Leben ist überwuchert von Disteln und Dornen.

Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte die Tradition des Leviten-Lesens nicht fortschreiben, sondern die Texte ein bisschen gegen den Strich bürsten. Denn Jesus scheint in unserem heutigen Text nur oberflächlich etwas gegen den felsigen Boden zu haben. In anderen Zusammenhängen spricht er vom Haus, das auf Felsen gebaut ist und gibt dem Simon einen neuen Namen: Petrus, der Fels. Die simple Logik, die auf Felsen, Disteln und Dornen den Zeigefinger ausrichtet, ist nicht unbedingt auch der Weisheit letzter Schluss. Ein jeder Bauer würde den Kopf schütteln, wenn er über diese Logik nachdenken würde. Wer sät schon permanent den guten Samen auf die Felsen? Oder aber zwischen die Dornen! Da weiß doch jeder, dass hier nix wachsen kann. Wird der Bauer versuchen den felsigen Boden unbedingt zu einem fruchtbaren Acker zu machen, so wird er ein karges Leben haben. Jahrhundertelang haben dies die Bergbauern erlebt. Lässt der Bauer aber Felsen, Felsen bleiben, oder baut er darauf einen Skilift, oder aber sucht er nach Bodenschätzen, dann kann es passieren, dass plötzlich auch die Felsen einen hundertfachen Ertrag bringen.

Worauf ich zuerst hinaus will ist die ganz einfache Feststellung: Ein Fels kann nichts dafür, dass er ein Fels ist und keine fruchtbare Schwarzerde. Und wenn Gott nun die Felsen und die fruchtbaren Böden schuf, dann bestimmt nicht deswegen, damit wir die ganze Welt zu einem riesigen Weizenfeld verwandeln.

Zwei Sachen scheinen mir nun wichtig zu sein: Da ist zuerst die Vorstellung von der Ernte. Auch felsige Berge können hundertfachen Ertrag bringen, wenn man sie nicht mit Weizen bebaut! Ein jeder Boden ist gut genug, so wie er ist. Vorausgesetzt: man behandelt ihn entsprechend. Wenn es also mit den Früchten hapert, kann es durchaus daran liegen, dass man falsch investiert und den falschen Samen auf falschen Boden sät. Und zweitens: nachdem Gott schon so verschiedene Böden schuf: verschiedene Kulturen, verschiedene Sitten, verschiedene Menschen, verschiedene Veranlagungen, frage ich mich, ob er nur den Weizen ernten will, oder ob er nicht auch an Disteln, Kräutern und auch am Unkraut interessiert ist, ja sogar seine Freude hat. Im Grunde hat das unsere krisengeschüttelte Zeit auch erkannt. Dass nämlich auch das, was auf dem nichtkirchlichen Boden am Guten wächst, genauso vom Gottes Wort lebt. Und Gott erfreut sich auch an allen anderen — als bloß den kirchlichen – Früchten: an den Urlaubern, den Rockern auf ihren Motorräder, den gesellschaftlichen Außen-seitern und vielen anderen, für die traditionelle Kirchlichkeit unter „ferner liefen" einzustufenden Menschen.

Wenn es so ist, dann stimmt die Logik doch: „Wenn Gott redet, dann ist das nicht so ein Geplapper ohne Bedeutung. Gottes Wort bewirkt das, was es sagt. Gottes Wort kann nicht nur Berge versetzen. Es kehrt nicht leer zu Gott zurück, sondern bewirkt, was es will, und erreicht all das wozu es ausgesandt wurde".

Mehr noch: Gottes Wort wurde Mensch, ein Mensch, wie Du und ich. Dieser Mensch hat aber nicht nur den Samen des Wortes gesät und die Bekehrungswillige gesammelt. Auch denjenigen, die sich von ihm abgewendet haben, ihn gar radikal abgelehnt haben – im Grunde also auch uns allen – hat er die barmherzige Liebe Gottes geschenkt. Und dies auf eine einzigartige Art und Weise: Durch seine Hingabe an uns, an sie, an alle Menschen am Kreuz. Übrigens: Das Kreuz wurde auf einem Felsen aufgerichtet. Und es brachte reiche Frucht: milliardenfach!

Prof. Józef Niewiadomski, Katholisch-Theologische Fakultät, Universität Innsbruck

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