„Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische" oder „Alle aßen und wurden satt"?
Zwei Einstellungen mich in der Welt zu sehen

Es gibt zwei Einstellungen, zwischen denen ich hin- und herschwanke. Es sind Einstellungen, mich selbst in dieser Welt zu sehen.

Die erste Einstellung könnte man überschreiben mit dem Satz: „Ich habe nur fünf Brote und zwei Fische." In diesem Blick sehe ich die Welt so: „Ich habe nur fünf Brote und zwei Fische. Das ist sehr wenig. Das ist so gut wie gar nichts. Das reicht ja hinten und vorne nicht. Das reicht nicht einmal für mich, geschweige denn für die vielen anderen, die etwas von mir haben wollen.

Und überhaupt: Ich bin zu kurz gekommen. Verglichen mit anderen, habe ich schlecht abgeschnitten. Die anderen sind erfolgreicher, schöner, intelligenter als ich.

Ich frage mich, ob Gott gerecht ist; ob er nicht knausrig ist; ob er nicht ein Geizkragen ist, ob er überhaupt ein Gott mit uns ist, oder eher ein Gegner, ein Konkurrent, der es uns gar nicht recht gönnt, zu leben; und ob wir ihm im besten Fall nicht völlig Wurst sind.

Ich habe nur fünf Brote und zwei Fische, und die muss ich für mich behalten. Ich darf nichts aus der Hand geben. Ich bin ein gebranntes Kind: Gibst du jemandem den kleinen Finger, nimmt er gleich die ganze Hand. Ich muss vorsichtig sein, dass mir ja nichts abhandenkommt.

Ich lebe in Angst, dass ich es nicht schaffe; dass es mich irgendwann erwischt; dass mir alles genommen wird, was ich habe: meine Liebsten, meine Gesundheit, mein Leben. Ich bin sogar sicher, dass mir irgendwann alles genommen wird, und der Schlund des Todes mich verschluckt. Ich lebe im Haus der Angst."

Das ist die eine Einstellung, die gelegentlich zum Vorschein kommt. Aber es gibt noch eine zweite. Diese zweite Einstellung könnte man überschreiben mit dem Satz: „Alle aßen und wurden satt." Das Evangelium lädt mich ein, die Welt und mich anders sehen zu lernen. Wieder fällt mir auf: Ich habe nur fünf Brote und zwei Fische. Aber was mache ich? Ich blicke auf meine fünf Brote und zwei Fische, und in meiner Meditation zeige ich sie dem Herrn. Er nimmt sie in seine Hände, und ich staune, weil er es versteht, über diesen fünf Broten und zwei Fischen meines Lebens einen Lobpreis anzustimmen:

Über dem, was ich bin und mich ausmacht, wagt Jesus also ein Loblied anzustimmen, er segnet und ermutigt mich, das Leben zu wagen und ein Segen zu sein, Brot für andere zu werden. Es ist, als ob er sagte:

„Hab keine Angst, dass du zu kurz kommst! Biete Gott ruhig alles an: deine Fähigkeiten, deine Träume, deine Erfolge, deine Freude! Und wenn du wenig hast, worüber du dich freuen kannst, bring ihm dieses Wenige! Und wenn dir dein Leben wie ein Haufen von Fragmenten erscheint, bring ihm diese Fragmente! Und wenn du nur noch leere Hände hast, dann bring ihm deine leeren Hände! Genau das ist der Stoff, mit dem er gerne arbeitet. Vertraue: In seinen Händen wird alles gut! Wage zu geben, was du hast! Am Ende des Tages wirst du einen ganzen Korb voll mit übriggebliebenen Brotstücken einsammeln. Gott ist nicht ein Gott des Geizes, sondern ein Gott der Fülle. Wage das Leben mit dieser Einstellung, mit dieser Perspektive! Lebe von nun an nicht mehr im Haus der Angst! Lebe lieber im Haus der Zuversicht!"

Bruno Niederbacher SJ, Jesuitenkolleg Innsbruck

Bild: Ausschnitt aus dem Mosaik in der Hauskapelle des Jesuitenkollegs

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