Hab keine Angst!

So paradox es auf den ersten Blick scheinen mag: die Geschichten der biblischen Überlieferung, die uns in der heutigen Liturgie als Wort Gottes treffen, sind im Grunde Geschichten von dir und mir. Kann aber eine alte Wundergeschichte modern erzählt werden? Natürlich! Und wovon handelt sie dann? Von Durchschnittsmenschen, von Menschen, die im Alltag einmal oben, ein andermal tief unten sind. Von Menschen, die sich einmal als übermütig, ein andermal als am Boden zerstört erleben: weil ihr Selbstvertrauen im Eimer ist. Und sie deswegen nur Gespenster sehen. Selbst dort, wo helfende Hände zu finden wären. „Sie meinten ja, ein Gespenst zu sehen." Das Schönsten an diesen fast Alltagsgeschichten ist aber die Tatsache, dass gerade in diesem normal anmutendem Alltag das Wunder doch seinen Lauf nimmt.

Blicken wir zuerst auf das Evangelium. Der Text schließt unmittelbar an die Geschichte von der wunderbaren Brotvermehrung an, die ja am letzten Sonntag vorgelesen wurde. Wo war der Alltag dort zu finden? Dort, wo die Menschen teilen; wo Menschen teilen, dort ereignet sich auch das Wunder. Nicht automatisch freilich. Da braucht es schon die Initiative eines Dritten, einer leading person, des Hauptverantwortlichen. Jesus ergriff die Initiative, geteilt haben Menschen wie Du und ich. Doch nun – in unserem heutigen Text – zieht er sich zurück. In die Einsamkeit zum Gebet. Der Hauptverantwortlich des Wunders will nicht zur Kultfigur werden. Das ist freilich der entscheidende Unterschied zu mir und auch zu Dir, die wir beide eine solche Chance nicht ungenutzt lassen würden, um auf der Leiter der Popularität hinaufzusteigen. Die Massen wurden doch gespeist und zufrieden gestellt. Die Chance ergreifen auch die Begleiter des Hauptverantwortlichen: die Apostel bleiben der Alltagslogik verpflichtet. Sie glauben auf der Erfolgswelle buchstäblich weitersegeln zu können. Sie sitzen ja im selben Boot. Und was erleben sie? Das, was wir immer und immer wieder erleben. Die Wellen tragen nicht mehr. Vielmehr bläst ihnen der harte Wind ins Gesicht. Hin und her geworfen, verlieren sie ihr Selbstvertrauen, kriegen mit der Angst zu tun. Und sehen nur noch schwarz, sehen nur Gespenster um sich herum: „Sie meinten ja, ein Gespenst zu sehen". Wenn das Selbstvertrauen im Eimer ist, wenn man anfängt, nur um sich selbst zu kreisen, dann kann man nur ersaufen: ersaufen im Selbstmitleid, ersaufen in Depression, ersaufen in Angst, die mich lähmt.

Und da kann man den roten Faden zur Lesung knüpfen. Vor unseren Augen steht ein ausgebrannter Mann. Er alter, müde gewordener, enttäuschter Mensch. Ein nahezu an seinem Leben zerbrochener Elija. Was hat er getan? Wie war sein Leben? Mit leidenschaftlichem Eifer setzte er sich seit seiner Jugend für die Sache ein, die er für richtig hielt. Tagaus, tagein, oft hatte er sogar den Hunger und die Schlafbedürfnisse vergessen. In einer Situation, die der unsrigen nicht ganz unähnlich war. Weil das ganze Land die Tradition über Bord warf, weil der Glaube zugrunde gegangen ist, verfiel Elija dem Wahn – so müsste man es wohl sagen – allein alles zurecht zu rücken. Zimperlich war er nicht, kante kein Pardon und keine Gnade. Dem Höhepunkt seiner Kariere verantwortete er hunderte von Toten. Ein Fundamentalist wie er im Bilderbuch steht – und nicht nur dort. Einer, der sich eine bluttiefende Idee in den Kopf gesetzt hat und davon nicht loskommt, koste es, was es wolle. Auch wenn die ganze Welt in Schutt und Asche zerfallen sollte, der leidenschaftliche Eifer, der ihn verzehrt, bleibt ihm das Wichtigste. Kein Wunder, dass er nun verfolgt wird. Und auch das ist eine Alltagsgeschichte. Kein Wunder, dass er fliehen muss: Hals über Kopf. Und nun – das ist der heutige Text – sitzt dieser ausgebrannte Kämpfer in einer Waldhöhle. Ungeliebt und von allen gefürchtet. Einst Erfolg gehabt, doch nun schrecklich isoliert. Er hat Angst. Weil auch sein Selbstvertrauen im Eimer ist, fängt er an, um sich selbst zu kreisen, sieht lediglich Gespenster um sich herum. Will Gott sehen, bekommt aber nur Blitze und Donner zu Gesicht. Will von Gott Geborgenheit erfahren, muss aber das Erdbeben und schreckliche Feuerbrünste erleben. Alles Zeichen, die selbst einen Fundi in Angst und Schrecken versetzen.

Wie die Apostel im Boot mitten auf dem stürmischen Meer, so erlebt auch Elija in der Waldhöhle eine existentielle Krise. Aber gerade in dieser Krise nimmt das Wunder seinen Lauf. Petrus steigt aus dem Boot aus, riskiert viel, erlebt gar einen Rückschlag. Elija tritt aus der Höhle, die ihm zur Hölle wurde, hinaus, erlebt das sanfte Säuseln, dem verängstigten Kind im Schlafzimmer nicht ganz unähnlich, wenn eine vertraute Person es streichelt und sagt „Schschsch. Hab keine Angst" Hab keine Angst sagt auch Jesus zu Petrus. Er streckt seine Hand aus und rettet denjenigen, den das Vertrauen verließ, der nur noch schwarz sehen konnte, den die Wellen des Lebens nicht mehr zu tragen vermochten. Wie gesagt: Im Grunde sind es Geschichten von dir und mir, von Menschen, die einmal oben, ein andermal tief unten sind. Geschichten aber, die von tiefem Glauben geprägt sind: dass ich niemals so tief fallen kann, dass ich mich niemals derart in meiner Angst in mir selber verschließen kann, dass mich die rettende Hand Gottes nicht herausreißen könnte.

Ein etwas ungewöhnlicher Epilog zu dieser Predigt: In der Basilika in Maria Saal bei Klagenfurt in Kärnten gibt es ein seltsames Bild des österreichischen Malers Herbert Boeckl. Gemalt Ende der 20iger Jahre löste das Bild ein Skandal aus, war auch jahrelang verhängt. Das Bild stellt die Szene aus dem heutigen Evangelium dar. Jesus reicht die rettende Hand dem in Wasserfluten ertrinkenden Petrus. Das Gesicht Petri zeigt deutliche Spuren des Gesichtes von Wladimir Iljitsch Lenin. Hat der Künstler mit seinem Bild der Hoffnung Ausdruck verleihen wollen, dass selbst Menschen, die man heute als Massenmörder bezeichnen würde, in ihrer Angst eine rettende Hand Gottes ergreifen können.

Prof. Józef Niewiadomski, Katholisch-Theologische Fakultät, Universität Innsbruck

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